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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 04/2018 |

Leserbrief: ’68 kann es heute wieder geben – wozu denn?

Betr.: «68 kann es heute wieder geben», SoZ 3/2018, S.4
von A. Holberg

Das ist schön, dass Alain Krivine, laut SoZ «Seele der Bewegungsfraktion vom Mai 68», ein neues «’68» für möglich (gar wahrscheinlich?) hält, ohne dabei darauf zu verzichten, darauf hinzuweisen, dass die Arbeiterklasse seitdem zwar gewaltig gewachsen aber auch stärker differenziert ist. Nun quillt u.a. die SoZ seit Jahren von Artikeln über, die die katastrophalen Zustände der Gegenwart (und die z.B. aus ökologischen Gründen wohl noch katastrophaleren der Zukunft) kenntnisreich beschreiben und analysieren. Da frage ich mich dann schon, was ’68 (außer im kulturellen Bereich, der natürlich keineswegs zu vernachlässigen ist) gebracht hat, und ich entsinne mich eines Satzes des französischen Philosophen Montaigne (1533–1592): «Dem dient kein Wind, der keinen Hafen hat, nach dem er segelt» – wohlbemerkt, nicht «keinen Hafen hat, von dem er fortsegelt». Das Problem (neben der internen Differenzierung der Arbeiterklasse) scheint mir demnach zu sein, dass die überall zu spürende Enttäuschung und gar Wut über die allgemeine Entwicklung nicht mit einer Zukunftsperspektive beantwortet wird, die beim Proletariat (und überhaupt den «Volksmassen») auf Interesse oder gar begeisterte Zustimmung stieße. Wir hier sind natürlich mit gutem Grund – hoffentlich – alle der Meinung, dass eine solche Perspektive im marxistisch zu verstehenden Sozialismus zu suchen sei. Leider hat der Zusammenbruch der «realsozialistischen» Länder diese Perspektive in den Augen der Massen bis auf weiteres entwertet. Dabei ist es völlig unerheblich, ob wir diese Länder als «sozialistisch», als «degenerierte Arbeiterstaaten» oder als «staatskapitalistisch» bezeichnen. Die Massen, nicht zuletzt auch die Arbeiterklasse, verstehen sie als «sozialistisch», gar als «kommunistisch». Die Arbeiterklasse wird wie alle unterdrückten Klassen seit Entstehen des Staates stets auf die eine oder andere Art kämpfen – und stets verlieren, wenn sie keinen «Hafen hat, nach dem sie segelt». «Bewegung» und «Spontaneität», d.h. der «Wind», sind als Grundlage unverzichtbar, aber definitiv unzureichend.

A. Holberg


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