1968 im Senegal


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2018/05/1968-im-senegal/
Veröffentlichung: 01. Mai 2018
Ressorts: Afrika, Geschichte

Studierende rebellieren gegen Senghor
von Bernard Schmid

Bei der Jahreszahl «1968» denkt man, von Deutschland aus betrachtet, zunächst einmal an Frankreich. Im günstigeren Falle fällt einem dann noch ein, dass die Geschehnisse  internationaler Natur waren und und sich – neben Westberlin und Paris – auch in Mexiko-Stadt, San Francisco und Tokyo abspielten. Aber in Afrika? Hat man dafür im deutschsprachigen Raum einen Gedanken übrig?

Dabei fanden im Kontext des historischen Einschnitts «1968» gerade auch im ehemals durch Frankreich kolonisierten Teil Afrikas wichtige Ereignisse statt. Denn eine strukturell mit der französischen vergleichbare Protestbewegung – also eine Kombination aus Studierendenbewegung und Streiks von Lohnabhängigen – entwickelte sich – nein, nicht im unmittelbaren Nachklang an den Pariser Mai 1968, sondern zeitgleich mit ihm und in einem der Schlüsselländer des französischsprachigen Afrika: im Senegal.

Am 13.Mai 1968 hatte in Paris die erste Massendemonstration «zur Unterstützung der von Repression betroffenen Studenten» (auf den Tag genau am 10.Jahrestag der Machtübernahme durch Charles de Gaulle 1958) stattgefunden. In Dakar gab es die erste Demonstration «zur Unterstützung der Studenten», die ebenfalls rebelliert hatten, am 28.Mai 1968. An ihr sollen 20000–30000 Menschen teilgenommen haben. Zu dem Zeitpunkt waren die Auseinandersetzungen auch in Paris noch keineswegs zu Ende, sie dauerten vielmehr bis Mitte Juni 1968 an. Ähnlich im Senegal, wo die Bewegung am 12.Juni endete.

Begünstigt worden war ihre Entstehung auch durch eine ökonomische Krise. 1968/69 machte das Land eine Dürreperiode durch, deren Auswirkungen jedoch dadurch verschärft wurden, dass Frankreich zuvor den garantierten Abnahmepreis für Erdnüsse gekündigt hatte – in der Kolonialzeit war die ökonomische Struktur im Senegal auf den Export  ausgerichtet worden. Dadurch konnte die Protestbewegung schnell breitere Kreise erfassen.

Die Mittel der Staatsmacht, ihrer Herr zu werden, waren freilich andere als in Frankreich. Die Repression im Senegal fiel ungleich härter aus: Dort wurde der Ausnahmezustand verhängt, 3500 Menschen wurden verhaftet, alle ausländische Studierenden (meist aus anderen afrikanischen Ländern) wurden ausgewiesen. Dennoch gab es auch hier handfeste Zugeständnisse, so wurde der gesetzliche Mindestlohn auf einen Schlag um 15 Prozent erhöht – gut, in Frankreich waren es infolge der «Vereinbarungen von Grenelle» gar 35 Prozent gewesen. Auf dem Höhepunkt der Krise flüchtete Präsident Léopold Sédar Senghor auf eine französische Militärbasis und ließ sich von der Botschaft der früheren Kolonialmacht Garantien geben, man werde ihn im Bedarfsfall nach Frankreich ausfliegen. De Gaulle seinerseits hatte sich auf dem Höhepunkt der Krise in Paris zur französischen Armee nach Baden-Baden zurückgezogen.

Senghor behauptete auch, die Ereignisse seien «direkt aus Peking gesteuert», da das maoistische China damals eine Charmeoffensive gegenüber den unabhängig gewordenen Ländern der sog. Dritten Welt gestartet hatte. Der auch als Dichter bekannt gewordene Präsident spielte aber auch die kulturalistische Saite: Senghor klagte die Protestierenden an, sie wollten «faire tout comme Toubabs». Das bedeutete den in bewusst verkitschtem und künstlich schlechtem Französisch gehaltenen Vorwurf, die Weißen in allem nachahmen zu wollen (Toubab bedeutet in ganz Westafrika «weiß»). Das war Unsinn, denn massive Studierendenprotesten hatte es bereits zuvor im französischsprachigen Afrika gegeben, 1963 in Kongo-Brazzaville und 1964 in Madagaskar.

Senghor hatte im Senegal nach der Unabhängigkeit 1960 ein autoritäres Regime errichtet und die linke antikoloniale Partei PAI (Parti africain pour l’indépendance) verboten. In den 70er Jahren proklamierte er allerdings eine «demokratische Öffnung». Dazu trugen der senegalesische Mai 68 und seine Auswirkungen erheblich bei, sie ermutigten die Opposition und beflügelten sie in den folgenden Jahren zum Aktivismus – am 5.Februar 1971 wurde der Konvoi des französischen Präsidenten Georges Pompidou in Dakar mit Molotowcocktails attackiert.