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Der Internationalismus von Karl Marx…

…heute noch aktuell
von Manuel Kellner

Im «Kommunistischen Manifest» von 1848 geht Karl Marx weit über eine Haltung hinaus, die internationale Solidarität als eine Aufgabe neben anderen versteht: «Die Kommunisten unterscheiden sich von den übrigen proletarischen Parteien nur dadurch, dass sie einerseits in den verschiedenen nationalen Kämpfen der Proletarier die gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des gesamten Proletariats hervorheben und zur Geltung bringen» (MEW 4:474). Sein Internationalismus enthält ein global emanzipatorisches Projekt, das auch mit der nationalen Unterdrückung Schluss macht:

«In dem Maße, wie die Exploitation des einen Individuums durch das andere aufgehoben wird, wird die Exploitation einer Nation durch die andere aufgehoben. Mit dem Gegensatz der Klassen im Innern der Nation fällt die feindliche Stellung der Nationen gegeneinander.» (MEW 4:479.) Sein enger Freund und Kampfgefährte Friedrich Engels spitzt dies folgendermaßen zu: «Ein Volk, das andere unterdrückt, kann sich nicht selbst emanzipieren.» (MEW 18:527.)

Für Marx und Engels war das nicht bloß Traum von einer besseren Welt, sondern vor allem Richtschnur für politische Praxis. Sie waren für unabhängige politische Organisationen und Parteien der Arbeiterklasse und für internationale Organisierung, und sei es zunächst mit bescheidenen Kräften.

Eine solche Organisation war der Bund der Kommunisten, für die Marx und Engels das Manifest schrieben. In den Statuten der von ihnen mitbegründeten «Weltgesellschaft der revolutionären Kommunisten» (im April 1850 in London) heißt es:

«Das Ziel der Assoziation ist der Sturz aller privilegierten Klassen, ihre Unterwerfung unter die Diktatur der Proletarier, in welcher die Revolution in Permanenz erhalten wird bis zur Verwirklichung des Kommunismus, der die letzte Organisationsform der menschlichen Familie sein wird. Zur Verwirklichung dieses Zieles wird die Assoziation ein Band der Solidarität zwischen allen Fraktionen der revolutionären kommunistischen Partei bilden, indem sie, dem Prinzip der republikanischen Brüderlichkeit entsprechend, alle nationalen Schranken verschwinden lässt.» (MEW 7:553.)

Internationale Organisierung

In diesem Geist fand im Rahmen des Wiederauflebens der Arbeiterbewegung nach Jahren der Reaktion im August 1862 in London ein «Fest der internationalen Verbrüderung» statt. Ein Polen-Meeting in London am 22.Juli 1863 zur Unterstützung der Aufständischen in Polen sprach sich ebenfalls für das gemeinsame Handeln der Arbeitenden der verschiedenen Länder aus. Am 28.September 1864 wurde in London die Internationale Arbeiterassoziation (IAA) – die I.Internationale – gegründet. Marx schrieb die «Inauguraladresse», in der er die furchtbare Lage der ausgebeuteten Menschen und der erwerbslosen Armen im Kontrast zur Anhäufung des Reichtums bei immer weniger Kapitaleignern schildert, aber auch die Errungenschaft des 10-Stunden-Tags als «Sieg der politischen Ökonomie der Arbeiterklasse» über diejenige des kapitalistischen «Mittelstands» feiert und die Perspektive der Eroberung der politischen Macht weist. Dann hebt er die Bedeutung der internationalen Organisierung hervor:

«Die vergangene Erfahrung hat gezeigt, wie Missachtung des Bandes der Brüderlichkeit, welches die Arbeiter der verschiedenen Länder verbinden und sie anfeuern sollte, in allen ihren Kämpfen für Emanzipation fest beieinander zu stehen, stets gezüchtigt wird durch die gemeinschaftliche Vereitlung ihrer zusammenhangslosen Versuche. Es war dies Bewusstsein, das die Arbeiter verschiedener Länder, versammelt am 28.September 1864 in dem öffentlichen Meeting zu St. Martin’s Hall, London, anspornte zur Stiftung der Internationalen Assoziation.» (MEW 16:12/13.)

Außenpolitik des Proletariats

Gegen die internationalen Intrigen und «piratischen Kriege» der Herrschenden und «ihre idiotische Gleichgültigkeit» gegenüber dem «Meuchelmord des heroischen Polen» habe die Arbeiterklasse «die einfachen Gesetze der Moral und des Rechts, welche die Beziehungen von Privatpersonen regeln sollten, als die obersten Gesetze des Verkehrs von Nationen geltend zu machen. Der Kampf für solch eine auswärtige Politik ist eingeschlossen im allgemeinen Kampf für die Emanzipation der Arbeiterklasse. Proletarier aller Länder, vereinigt euch!»

Die «provisorische Statuten» der IAA bekräftigten den internationalen Charakter der proletarischen Emanzipation:

«In Erwägung, dass die Emanzipation der Arbeiterklasse durch die Arbeiterklasse selbst erobert werden muss; dass der Kampf für die Emanzipation der Arbeiterklasse kein Kampf für Klassenvorrechte und Monopole ist, sondern für gleiche Rechte und Pflichten und für die Vernichtung aller Klassenherrschaft … dass die Emanzipation der Arbeiterklasse weder eine lokale, noch eine nationale, sondern eine soziale Aufgabe ist…» (MEW 16:14).

Zweifellos dachten Marx und Engels: «Der Kommunismus ist empirisch nur als die Tat der herrschenden Völker ‹auf einmal› und gleichzeitig möglich, was die universelle Entwicklung der Produktivkraft und den mit ihm zusammenhängenden Weltverkehr vor­aussetzt.» (MEW 3:35.) Die Gräuel kolonialistischer Unterdrückung werden von ihnen zwar angeprangert, doch andererseits auch als notwendiges Übel angesehen, um die Bedingungen für die globale Emanzipation weltweit zu verbreiten.

Vorbild noch heute

Marx’ Artikel über «Die künftigen Ergebnisse der britischen Herrschaft in Indien» endet mit einem fragwürdigen Trost: «Erst wenn eine große soziale Revolution die Ergebnisse der bürgerlichen Epoche, den Weltmarkt und die modernen Produktivkräfte, gemeistert und sie der gemeinsamen Kontrolle der am weitesten fortgeschrittenen Völker unterworfen hat, erst dann wird der menschliche Fortschritt nicht mehr jenem scheußlichen heidnischen Götzen gleichen, der den Nektar nur aus den Schädeln Erschlagener trinken wollte.» (MEW 9:226.)

Dieses Schema wurde von Marx später relativiert, so in seinem Brief an Vera Sassulitsch, wo er einräumt, die alte Bauerngemeinde könne die Basis für eine revolutionäre Entwicklung in Russland sein. Auch die haltlosen Positionen von Marx und Engels zu den sog. «geschichtslosen Völkern» und «Völkerabfällen», die nur eine konterrevolutionäre Rolle spielen könnten (wozu auch die Basken zählten), widersprechen ihrer internationalistischen Grundhaltung (siehe die eingehende Kritik in Roman Rosdolskys Studie «Friedrich Engels und das Problem der ‹geschichtslosen› Völker», 1964).

Das im nebenstehenden Kasten angeführte Marx-Zitat über die unterdrückten Iren und die englischen Arbeiter wirkt aber wie die Miniatur einer konsequent internationalistischen Antwort auf die gegenwärtige Weltlage: Ohne gemeinsame Auflehnung – gerade auch entlang der globalen Wertschöpfungsketten – gegen das Elend der am meisten ausgebeuteten abhängig Beschäftigten und Armen wird die Macht des Kapitals nicht gebrochen werden.

Die Arbeit der I.Internationale war nur ein Anfang; sie muss in unseren Jahren vollendet werden.


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