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Internationalismus konkret

Bericht eines Aktivisten der Solidarität mit dem antikolonialen algerischen Befreiungskrieg in Deutschland
Gespräch mit Hans Peiffer*

Warum hast du damals in den 50er und beginnenden 60er Jahren des 20. Jahrhunderts zusammen mit deinen Genossinnen und Genossen der deutschen Sektion der IV. Internationale die Solidarität mit der algerischen Revolution in den Mittelpunkt der internationalistischen Arbeit gestellt?

Der Algerische Befreiungskrieg lief von 1955 bis 1962, seit 1956 machten wir diese Solidaritätsarbeit. Die algerische Revolution war eine glänzende Bestätigung unserer politischen Einschätzung vom Aufschwung der antikolonialen Bewegung in den arm und abhängig gehaltenen Ländern.

Die Befreiung von Kolonialherrschaft sollte übergehen in die soziale Befreiung, in die Überwindung des kapitalistischen Systems. Unsere internationalistische Überzeugung war, dass diese Kämpfe in den einzelnen Ländern beginnen, aber letztlich international in einen Prozess der sozialistischen Weltrevolution einmünden.

Der Weltkongress der IV. Internationale hatte eine Entschließung zur „Dialektik der drei Sektoren der Weltrevolution“ verabschiedet, in der gleichberechtigt die antikoloniale Befreiung, die sozialistische Revolution in den reichen kapitalistischen Ländern und die politische Revolution gegen die Bürokratenherrschaft in den nicht-kapitalistischen Ländern (Sowjetunion und Ostblock) als Aufgabengebiete genannt wurden, wobei Erfolge in einem dieser Sektoren ihre positive Wirkung auf die Bewegungen in den anderen beiden Sektoren haben würden.

Das stand im Gegensatz zur Position der offiziellen kommunistischen (post-stalinistischen) Parteien, weil die sowjetische Führung die Interessen der Weltrevolution den eigenen Staatsmachtsinteressen unterordnete und im Rahmen der so genannten „friedlichen Koexistenz“ revolutionäre Bewegungen außerhalb ihres Machtbereichs nur in Ausnahmefällen oder nur eingeschränkt unterstützten.

Im Fall der algerischen Revolution schienen uns die Bedingungen für die Erringung der vollen staatlichen Unabhängigkeit besonders günstig, weil der rechte Flügel der FLN, repräsentiert durch Ferhat Abbas, der eine nur eingeschränkte Souveränität bei Fortbestehen imperialistischer Dominanz anstrebte, gegenüber dem konsequent für volle Unabhängigkeit auf allen Ebenen eintretenden Flügel vergleichsweise schwach war. Aus unserer Sicht konnte daher der Befreiungskampf, wenn er erfolgreich war, in eine umfassendere soziale Revolution übergehen. Der linke Flügel der FLN um Ben Bella zeigte sich offen für eine solche Perspektive.

Deutschland ist zudem Nachbarland der Kolonialmacht Frankreich und hatte im Rahmen der EWG besonders enge Beziehungen mit Frankreich. Deshalb war es die besondere Verantwortung deutscher Revolutionäre, die algerischen Kämpfer zu unterstützen.

Ihr hattet engen Kontakt mit führenden FNL-Mitgliedern und habt die FNL materiell und organisatorisch unterstützt.

Das Büro der IV. Internationale war damals in Paris. Vermittelt über dieses Büro war es daher für uns nicht schwierig, Kontakt mit führenden Vertretern der FLN anzuknüpfen. Sie mussten in Frankreich verdeckt arbeiten, und wir halfen ihnen bei den Grenzübertritten, um uns mit ihnen in Deutschland zu beraten. Ein Teil unserer Solidaritätsarbeit war in dieser Zeit auch in Deutschland nicht legal:

Der Transport von Dokumenten, die sie für ihre Arbeit brauchten, Informationsaustausch zwischen Deutschland und Frankreich, Geldtransporte, zum Beispiel im Februar 1960 eine Million DM aus einer Filiale der Deutschen Bank in Frankfurt/M zur Finanzierung der Arbeit der FLN in Deutschland. Dieses Geld von unserem führenden Mitglied Georg „Schorsch“ Jungclas und dem führenden Mitglied der IV. Internationale Michael „Pablo“ Raptis wurde in einem Koffer transportiert, und das Misstrauen der Bankangestellten angesichts einer so ungewöhnlichen Barabhebung war groß. Trotzdem klappte es. Von dieser Episode kommt der Titel des späteren Buchs „Kofferträger“*. Unser Genosse Jakob Moneta (1914 – 2009) war damals Sozialattaché in der deutschen Botschaft in Paris und konnte aufgrund dieser Stellung und seiner diplomatischen Immunität für Kurierdienste verschiedener Art eingesetzt werden.

Hinzu kam die Hilfe für den Empfang, die Lagerung und den Weitertransport von Waffen für den algerischen Befreiungskrieg. Dafür benutzten wir die Garage unserer Genossin Helene („Leni“) Jungclas, der Frau von Schorsch.

Ihr habt die Zeitschrift „Freies Algerien“ herausgegeben und andere öffentliche Solidaritätsaktivitäten durchgeführt.

Ebenso wichtig wie die verdeckte Unterstützung war für uns damals die legale Solidaritätsarbeit mit der algerischen Revolution in Deutschland. Um die Ziele des algerischen Befreiungskampfs in der deutschen Arbeiterbewegung und in der Öffentlichkeit zu erklären und für die Unterstützung dieses Kampfs zu werben, gaben wir von 1958 bis 1962 eine Zeitschrift heraus. Ihr Titel war „Freies Algerien“ (acht Seiten im Din-A-4-Format). Insgesamt erschienen 22 Ausgaben. In dieser Zeitschrift riefen wir auch zu Spenden für die FLN und ihren Befreiungskampf auf. Geschichte, Landeskunde, Kriegsverlauf und die Aktivitäten der Solidarität mit dem algerischen Befreiungskampf in Frankreich und in Deutschland (auch in DGB-Gewerkschaften, DGB-Jugend und im linken Flügel der SPD, SPD-Jugend, Falken, bei den Naturfreunden). Wir haben Stellungnahmen der FLN abgedruckt, Interviews mit führenden FLN-mitgliedern und FNL-Grundsatzerklärungen veröffentlicht, meist aus deren Organ El Moudjahid. Damit war viel Recherche- und Übersetzungsarbeit (aus dem Französischen) verbunden. Verpackung und Versand der Zeitschrift wurden von der Kölner Ortsgruppe der deutschen Sektion durchgeführt und organisiert.

In der Öffentlichkeit und in den genannten Organisationen der Arbeiterbewegung, in denen wir arbeiteten, machten wir Propaganda, organisierten Informationsveranstaltungen, stellten Referenten, verbreiteten FLN-Publikationen, brachten Entschließungen zur Solidarität mit dem algerischen Befreiungskampf ein. Besonders in den Jugendorganisationen der Arbeiterbewegung gelang es uns, den algerischen Befreiungskampf immer wieder zum Thema zu machen.

Das „Freie Algerien“ haben wir aber auch in den Betrieben verbreitet, in denen wir gearbeitet hatten.

Am 1. Mai 1958 haben wir zum ersten Mal bei der 1. Mai-Demonstration in Köln die Fahne der FLN gezeigt, die unsere Genossin Helene „Leni“ Jungclas (die Frau von Georg Jungclas) am Vorabend genäht hatte. Wir liefen mit diesem Transparent in der Demonstration mit und riefen „Freiheit für Algerien!“ Dieses Transparent haben wir dann immer wieder gezeigt, es tauchte auch in anderen Städten auf, bei anderen öffentlichen Veranstaltungen und Kundgebungen.

Im November 1958 gab es in Bad Kreuznach (Rheinland-Pfalz) ein Treffen von Charles De Gaulles und Konrad Adenauer. Unsere Genossen Schorsch Jungclas, Micky Beinert und Helmut Schauer demonstrierten mit einer algerischen FLN-Fahne, die sie über einen schwarzen VW-Käfer gespannt hatten und zeigten ein Transparent mit der Aufschrift „Freiheit für Algerien!“. Reaktionäre bürgerliche Journalisten rissen Transparent und Fahne ab. Es wurde aber auch eine Solidaritätskarte verteilt: „1. Mai 1958 Demonstration des Arbeiterjugendkartells Köln. ‚Solidaritätsbaustein Hilfe für Algerien‘.“ Beim Verteilen dieser Karte wurden die drei Genossen von der Polizei verhaftet, aber nach kurzer Zeit wieder freigelassen.

Am 1. November 1959, dem fünften Jahrestag des Beginns des algerischen Aufstands, führten wir in Köln eine Kranzniederlegung zum Gedenken an die Opfer der französischen Kolonialherrschaft in Algerien durch. Wir waren ungefähr zwanzig Genossinnen und Genossen. Ich wollte eine Ansprache halten. Da kamen zwei Polizisten in Zivil von der Politischen Polizei hinter einem Gebüsch hervor und verhafteten mich und führten mich ab. Mehrere Stunden wurde ich im Polizeipräsidium festgehalten. Sie wollten mich verhören, ich verweigerte aber die Aussage. Nach einigen Stunden wurde ich freigelassen. Die Kölner Lokalpresse berichtete über meine Festnahme, wobei die beiden Zivilpolizisten auf dem Pressefoto deutlich zu erkennen waren (ohne schwarzen Balken über dem Gesicht), worüber sich die Polizeiführung sehr ärgerte, denn diese Männer konnten nicht mehr als Zivilpolizisten eingesetzt werden.

Habt ihr nicht auch Geld für die FLN gesammelt?

Natürlich haben wir auch zu Geldspenden für die FLN aufgerufen und entsprechend Geld gesammelt. Doch waren wir eine kleine Organisation und konnten bei weitem nicht soviel Geldspenden sammeln, wie dies Massenorganisationen hätten tun können oder gar im vergleich mit finanzieller Hilfe mit Beträgen, wie Regierungen sie hätten aufbringen können. Auf diesem Gebiet blieb unser Beitrag bescheiden.

Wir halfen aber auch bei der Beschaffung von Ersatzteilen und Zubehör für die Waffenproduktion. Schorsch besorgte zum Beispiel in Dänemark Chemikalien, wobei die FNL die Kosten selber bestritten hat.

Du hat auch in einer Waffenfabrik in Marokko gearbeitet und geholfen, Waffen für die FLN zu produzieren.

1957/58 gelang es der französischen Kolonialmacht immer besser, den Nachschub an Waffen für die FNL zu unterbinden. Darum wurde der Plan ins Auge gefasst, in Marokko, das seit 1956 von Frankreich formal unabhängig war, im Hinterland des bewaffneten Arms der FLN (ALN), die sich damals in Marokko uneingeschränkt frei bewegen konnte, Waffen selber zu produzieren.

Die FLN/ALN wandte sich in dieser Angelegenheit an Michael Raptis, einen griechischen Genossen mit Organisationsnamen Pablo, der zu dieser Zeit Sekretär des Büros und wichtigstes führendes Mitglied der IV. Internationale war. (Nach der Erringung der Unabhängigkeit wurde er Berater der algerischen Regierung und von Ben Bella.) Michael Raptis organisierte zusammen mit Schorsch Jungclas die Mobilisierung von Freiwilligen aus der Mitgliedschaft und aus dem Umfeld der IV. Internationale, um diese Waffenproduktion an mehreren Standorten in Marokko zu ermöglichen. Dies gelang und war für den Kampf der FLN wichtig.

Ich selbst habe 1960 sechs Monate lang in einer dieser Waffenfabriken in Marokko gearbeitet. Dort wurden insbesondere Maschinenpistolen und Granatwerfer für den Kampf der FLN produziert. ALN-Kämpfer sorgten für unsere Bewachung. Neben Genossen aus verschiedenen Ländern arbeiteten in dieser Fabrik auch algerische Facharbeiter, die zu diesem Zweck aus Frankreich angereist waren.

Welche Erfahrungen dieser Zeit findest du besonders wichtig?

Die Beziehungen zwischen den algerischen Facharbeitern und den aus dem Ausland kommenden Kollegen war sehr herzlich und gut, obwohl es natürlich Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede gab. Aktivisten der IV. Internationale kamen aus verschiedenen Ländern: Argentinien, Venezuela, Frankreich, Niederlande, Griechenland, England und Deutschland.

Die konkrete Erfahrung internationaler Zusammenarbeit für die gemeinsamen Ziele der Solidarität im Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung und für eine bessere Welt war sehr wichtig für alle Beteiligten, sowohl für die algerischen Arbeiter wie auch für uns Aktivisten aus den anderen Ländern. Nationale und kulturelle Unterschiede traten in dieser solidarischen Zusammenarbeit in den Hintergrund, und alle waren begierig, von ihren Kollegen anderer Länder zu lernen und Neues zu erfahren.

Wir haben zusammen Freizeit verbracht, zum Beispiel Fußball gespielt, aber auch viel politisch miteinander diskutiert und Erfahrungen ausgetauscht.

Gerade heute, wo die Menschen verschiedener Länder, Kontinente und Kulturkreise von den Herrschenden im Namen von Religionen und anderen Ideologien gegeneinander getrieben werden, scheint mir besonders wichtig, solche Erfahrungen eines gelebten Internationalismus wieder verstärkt zu organisieren. Deshalb bin ich nach wie vor Mitglied der IV. Internationale und versuche jüngeren Menschen meine Erfahrungen weiterzugeben. Eine besonders bedeutende Erfahrung in dieser Hinsicht ist unsere damalige Arbeit in Solidarität mit dem algerischen Unabhängigkeitskampf.

Abschließend möchte ich den algerischen Arbeitern und Arbeiterinnen und der algerischen Jugend sagen, dass die algerische Revolution zwar die staatliche Unabhängigkeit erreicht hat, aber dann auf halbem Wege stehen geblieben ist: Die ökonomische Abhängigkeit vom Imperialismus ist geblieben, und die Macht der großen Kapitaleigentümer ist ungebrochen. Die Vollendung der algerischen Revolution kann ich mir nur als sozialistische Revolution vorstellen.

 

* Geboren 1934, Mitglied der IV. Internationale und ihrer deutschen Sektion seit 1955, die heute Internationale Sozialistische Organisation (ISO) heißt.

Literatur

Georg Jungclas (Nautilus-Verlag), Biographie

Claus Leggewie: Kofferträger. Das Algerien-Projekt der Linken im Adenauer-Deutschland, Berlin 1984

Khenifer Sid-Ali: Die Bundesrepublik Deutschland im Schatten des Algerienkrieges. Zur westdeutschen Unterstützung und Solidarität mit dem algerischen Befreiungskrieg, Oran 2015, Magisterarbeit (EDOLAS) bei der Universität Oran 2 Mohamed Ben Ahmed, Fakultät für Fremdsprachen, Deutsch-Abteilung

Das Gespräch führte Manuel Kellner am 11. April 2018


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