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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 06/2018 |

Der eigenständige Weg zum Sozialismus

Das Schisma zwischen Stalin und Tito
von Paul B. Kleiser

Am 28.Juni 1948 wurde die jugoslawische KP aus dem Kominform ausgeschlossen.

Das Schisma zwischen Stalin und Tito und der Ausschluss der jugoslawischen KP aus dem von Moskau nach Kriegsende als internationaler Zusammenschluss der Kommunistischen Parteien neu gegründeten Kommunistischen Informationsbüro (Kominform) – die III.Internationale (Komintern) war 1943 auf dem Altar der Zusammenarbeit mit den Westmächten gegen die Achsenmächte geopfert worden – stellte den ersten Bruch in der kommunistischen Weltbewegung nach dem Ende der Fraktionskämpfe in der Sowjetunion der 20er Jahre dar. Der Riss vom 28.Juni 1948 war umso bedeutsamer, als Tito lange Zeit als getreuer Anhänger Stalins gegolten und für die Komintern in Moskau gearbeitet hatte.

 

Ursprung im Widerstand

Der langsame Prozess der Loslösung Titos und der jugoslawischen KP vom stalinistischen Modell begann im Zweiten Weltkrieg in den Befreiungskämpfen gegen die deutsch-italienische Besatzung des Landes. Tito verhinderte trickreich, dass die KPJ als eine Agentur der sowjetischen Außenpolitik handelte und die Moskauer Interessen als Richtschnur der Politik galten.

Nach einigen Niederlagen der italienischen Armee im Epirosgebirge, die ohne Absprache mit Berlin von Albanien aus Griechenland zu erobern trachtete, entschloss sich Hitler, Mussolini zu Hilfe zu eilen. Dabei sollte auch der westliche Balkan eingenommen und unter die beiden faschistischen Mächte aufgeteilt werden. Obwohl die jugoslawische Regierung nach einem Ultimatum am 25.März 1941 den Achsenmächten beigetreten war, wurde Belgrad von der Wehrmacht bombardiert, das Land erobert und – gleich Griechenland – unter Italien, Bulgarien und dem Deutschen Reich aufgeteilt. In Kroatien entstand das klerikal-faschistische Ustaša-Regime von Ante Pavelic; Juden, Roma und Serben brachte man in Massen um. Das KZ Jasenovac, wo gut 100000 Menschen ermordet wurden, hat traurige Berühmtheit erlangt.

Da es in Teilen Jugoslawiens eine lange Tradition des bewaffneten Widerstands gegen die türkische Oberherrschaft gab, kam es im gebirgigen Bosnien und in Montenegro zu ersten Kämpfen gegen die Besatzer. Zunächst taten sich die serbischen, von General Michailovic geführten Cetniks hervor, die von den Briten Waffen erhielten. In ihren Reihen dienten viele Offiziere der königlichen Armee; der serbische König selbst war zusammen mit der alten Regierung nach London geflohen. Bei zwei Treffen mit Tito lehnte der Antikommunist Michailovic die Bildung einer gemeinsamen Front mit der illegalen KP Jugoslawiens (KPJ) ab – die KP war bereits 1921 von König Alexander verboten worden.

 

Der König, der König…

Da die KPJ unter Tito konsequent das Konzept einer föderalen Reorganisation Jugoslawien vertrat, wurde sie mehr und mehr zur führenden Kraft des nichtnationalistischen Widerstands. Dies umso mehr, als Teile der serbischen Cetniks bald mit den Besatzern zusammenarbeiteten.

Im Herbst 1942 wurde in Bosnien der Antifaschistische Rat zur Befreiung Jugoslawiens ­(AVNOJ) gegründet, der die verschiedenen lokalen Komitees zusammenfasste und erste Grundlagen für einen neuen Staat legte. Doch die Ausrufung einer provisorischen Regierung wurde von Stalin untersagt.

Im September 1943 kapitulierte die italienische Armee, wodurch große Mengen an Waffen an die von Tito geführten Partisanen fielen. Auch schlossen sich ihnen mindestens 16000 Italiener an. Auf der Teheraner Konferenz der «Großen Drei» (Churchill, Roosevelt, Stalin) waren es die Briten, die durchsetzten, dass in Jugoslawien nun die Partisanen militärisch aufgerüstet wurden, weil sich die Cetniks als völlig unzuverlässig erwiesen hatten. Doch Stalin verlangte weiterhin die Unterordnung der Partisanen unter die Londoner Exilregierung.

Auf der zweiten Konferenz des ­AVNOJ Ende November 1943 in Jajce wurde dem König und der Exilregierung jede Rückkehr nach Jugoslawien untersagt. Ein weiteres Treffen legte fest, dass das «zweite Jugoslawien» im Unterschied zur Verfassung von 1921 ein föderaler Zusammenschluss des serbischen, kroatischen, slowenischen, montenegrinischen, mazedonischen Teils und des Staates Bosnien-Herzegowina sein sollte.

Am 12.August 1944 traf sich Tito in Neapel mit dem britischen Premier Churchill; auf der Grundlage seiner militärischen Erfolge verweigerte er entschieden jede Form der Rückkehr des Königs und der Exilregierung und forderte den Anschluss von Istrien ans neue Jugoslawien. Daraufhin verlangte die britische Regierung vom König im Exil die Anerkennung Titos als dem Chef des Widerstands.

Am 22.September traf Tito sich mit Stalin, der ihn zur Wiedereinsetzung des Königs drängte; Tito konnte jedoch das Versprechen erreichen, dass die Rote Armee nicht vor den Partisanen in Belgrad einmarschieren würde, sodass diese alle wesentlichen Teile des Landes selbst befreien konnten. Beim Einmarsch der Roten Armee kam es zu zahlreichen Gewalttaten der Rotarmisten, wogegen die Partisanen heftig protestierten. Darüber soll der sowjetische Oberbefehlshaber sehr erbost gewesen sein.

Am 9.Oktober 1944, dem Tag des Beginns der Schlacht um Belgrad, reiste Churchill nach Moskau, um sich dort mit Molotow und Stalin zu treffen. Einerseits ging es um die Frage, wie Polen in der Nachkriegszeit aussehen sollte, andererseits um die «Neuordnung» des Balkans. Churchill verfasste den berühmten Zettel der Einflusszonen, der dann von Stalin abgezeichnet wurde. Demnach sollte der russische Einfluss in Rumänien 90 Prozent und in Bulgarien 75 Prozent betragen, in Griechenland aber der Westen 90 Prozent Einfluss bekommen. Für Ungarn und Jugoslawien war ein Verhältnis von 50:50 vorgesehen.

Im Dezember 1944 setzten die Briten mit sowjetischer Billigung das Abkommen um, indem sie Athen bombardierten und der von der griechischen KP geleiteten Befreiungsbewegung EAM/ELAS, die bereits weite Teile des Landes beherrschte, eine schwere Niederlage beibrachten. Dieses Ereignis bestärkte die Führung der KP Jugoslawiens (und diejenige Albaniens unter Enver Hoxha) in ihrem Bemühen, einen unabhängigen Weg zu gehen. Ab Dezember 1944 fanden in Moskau Gespräche zwischen jugoslawischen und bulgarischen Kommunisten zur Bildung einer gemeinsamen «Balkankonföderation» statt. Damit sollte auch das Problem Mazedonien gelöst werden, auf das sowohl die Serben als auch die Bulgaren Ansprüche erhoben hatten; auch die genaue Grenzziehung zu Griechenland war umstritten. Zunächst waren es aber die Briten, die eine solche Konföderation untersagten.

 

Front gegen Moskau

Nach dem Ende des Krieges erfreuten sich Tito und die jugoslawische Parteiführung größter Wertschätzung, weil es ihnen gelungen war, nach der So­wjetunion die zweite «Volksrepublik» zu gründen. Nach sowjetischem Vorbild setzte man auf eine Politik einer raschen Industrialisierung des daniederliegenden Landes und erbat von der UdSSR Wirtschaftshilfe. Doch für Stalin ging es eher darum, die jugoslawischen Rohstoffe für die Sowjetunion dienstbar zu machen – eine weitere Quelle der Entfremdung.

Im Vertrag von Paris erreichte Tito im Februar 1947, dass Istrien und Rijeka (mit Ausnahme der Stadt Triest) an Jugoslawien angeschlossen wurden (wenngleich die endgültige Grenzziehung erst 1954 im Abkommen von London geregelt wurde). Bald danach kam es zwischen Tito und dem bulgarischen Parteiführer Georgi Dimitrov zu einem Vertrag über Freundschaft und Kooperation zwischen den beiden Ländern; die Frage der Föderation sollte demnach «in der Praxis und nicht auf dem Papier» geregelt werden. Dimitrov erkannte an, dass Mazedonien (auch der Teil um Vardar) zu Jugoslawien gehören und die mazedonische Minderheit in Bulgarien über eigene Schulen, Theater und Zeitungen verfügen sollte.

Nachdem Dimitrov im Januar 1948 erklärt hatte, die Frage einer Föderation sei nicht aktuell, sie müsse erst noch reifen, danach würden die betreffenden Völker über deren Errichtung entscheiden, erhielt er einen deutlichen Ordnungsruf vom Chef des Kreml. Bulgarien und Jugoslawien – erklärte die Prawda – «brauchen keine problematische und erfundene Föderation oder Konföderation, noch eine Zollunion»; sie sollten vielmehr ihre Unabhängigkeit und Souveränität mittels Mobilisierung und Organisierung ihrer inneren demokratischen Kräfte der Bevölkerung stärken und verteidigen.

Die Parteiführungen wurden für den 10.Februar 1948 nach Moskau zitiert. Laut den Memoiren von Milovan Dilas (sowie der erst 1998 veröffentlichen Notizen des Bulgaren Kostov) schimpfte Stalin über Dimitrov, er würde leichtfertig daherreden und «schwere taktische Fehler» begehen. Diese «linksradikalen Abweichungen» würden es den Briten und Amerikanern erleichtern, ihre Intervention in Griechenland zu verstärken und einen westlichen Block aufzubauen.

Während Dimitrov seine Fehler zu­gab und Besserung gelobte, war Tito, dem die Angriffe hauptsächlich galten, erst gar nicht in Moskau erschienen.

 

Der Bruch

Außenminister Molotow verlangte von den jugoslawischen Parteiführern Dilas und Kardelj ultimativ einen «Vertrag über gegenseitige Konsultationen», um nicht abgestimmte Initiativen aus Belgrad zu unterbinden. Um der Forderung Nachdruck zu verleihen, wurden die Verhandlungen über einen sowjetisch-jugoslawischen Handelsvertrag ausgesetzt. Am 18.März 1948 berief Moskau seine Militärberater aus Jugoslawien ab. Am 28.Juni 1948 veröffentlichte Moskau einen Katalog von Beschuldigungen und Beschimpfungen gegen die jugoslawische Führung, die jedoch alle Anschuldigungen zurückwies.

Tito und seine Getreuen wussten nur zu gut, was ihnen geschehen würde, sollte sich in diesem Konflikt die Moskauer Führung durchsetzen. Also verhaftete man bis zu 36000 wirkliche oder vermeintliche Anhänger des «Kominform»; mehrere tausend von ihnen wurden auf die Gefangeneninsel Goli otok in der Adria gebracht. Moskau setzte auf eine Reihe von Offizieren der Volksarmee, die einen Putsch durchführen sollten. Auch sie wurden verhaftet; der Oberbefehlshaber der Armee, Arso Jovanovic, wurde erschossen, als er auf der Flucht die Grenze überschreiten wollte.

Der Bruch mit Stalin führte nicht nur zu einer unabhängigen Außenpolitik, die in der Gründung der «Bewegung der Blockfreien» gipfelte (neben Tito waren deren wichtigste Vertreter der indische Ministerpräsident Nehru, der indonesische Ministerpräsident Sukarno und Ägyptens Präsident Nasser).

Auf der Grundlage von Konzeptionen des slowenischen Parteiführers Edvard Kardelj wurde eine Arbeiterselbstverwaltung eingeführt, die – auch wenn das politische Monopol der KP bestehen blieb – den Arbeitenden weit größere Freiheiten und Mitbestimmungsrechte sicherte als im Ostblock.


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