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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 06/2018 |

El Awadalla: good luck – good bye. vom kommen und überleben. ein tagebuch aus der willkommenskultur

Unter Mitarbeit von Dhia Ali. Klagenfurt: Sisyphus, 2018. 160 S., € 14,80
von Kurt Hofmann

Die sich einmischen

Ob es denn in Österreich verboten sei zu helfen, wird El Awadalla von irakischen Flüchtlingen gefragt, die sie betreut und mit denen sie sich angefreundet hat, und hört zur Illustration dieser erstaunlichen Frage von diesen eine Geschichte über einen Diebstahl am Hauptbahnhof. Da wird einem chinesischen Buben das Handy gestohlen und alle schauen zu, bis auf einen Syrer, der dem Mann nachläuft und dem Kind das Handy wiederbringt. «so eine geschichte wäre im irak unmöglich, sagen sie, da würden sich alle einmischen, bei uns schauen alle lieber weg, muß ich zugeben, ja, ich bin eine einmischerin, eine von den wenigen, die es gibt. diese wegschauerei ist noch ein grund mehr, sich für österreich zu schämen!»

Sich einmischen: Eben darum geht es in El Awadallas neuem Buch good luck – good bye. In Zeiten, da wegschauen nicht höhnisch als «Gutmenschentum» bezeichnet wird, schreibt sie eine Chronik über ihre Aktivitäten nach der ersten «Flüchtlingswelle», darüber, wie sie und einige Verbündete sich eingemischt haben.

Was Awadalla und anderen an Improvisationskunst abverlangt wurde, wie sie, von der Organisierung eines Flüchtlingskonvois bis zu den «Mühen der Ebene» – im Umgang mit Behörden, im interkulturellen Austausch etc. – zu «ExpertInnen» auf vielerlei Ebenen werden mussten, wie sie sich aneigneten, im Moment zu entscheiden, was zu tun und was zu lassen sei (Fehlerquote mitinbegriffen) und Situationen richtig einzuschätzen, das ist ein Teil dieses literarischen Tagebuchs, das im August 2015 beginnt und im April 2016 endet.

Der andere Teil behandelt den Umgang mit jenen, die es «von Anfang an wussten» (und deshalb 2017 schwarz-blau gewählt haben), ferner mit jenen, die nur vorgeben zu helfen. Wie etwa jene Frau, die eine Wohnung für Flüchtlinge im Internet anbietet und dann doch «gutes Geld» für die gute Tat will, oder Ärzte, die Flüchtlingen Antibiotika verschreiben und es dann aus Ignoranz verabsäumen, deren Anwendung zu erklären…

Aber auch die beiden Untertitel sind nicht zu vernachlässigen; «vom kommen und überleben» sowie «ein tagebuch aus der willkommenskultur».

«Willkommenskultur»: Der denunziatorische Umgang mit diesem, ohnedies von «außen», vom Boulevard geprägten Begriff für diejenigen, die sich eingemischt haben, macht die Kluft zwischen den Inhalten des Buches und der Realität dieser Tage deutlich, da bedarf es keines ergänzenden Vorworts.

Kommen und Überleben: Das eine ist so mühsam wie das andere schwer erschwingbar. Jene, die (noch) da sind, werden scheel betrachtet, man wisse ja, wie «die» ticken: «das ewige gerede von ‹den muslimen› und dem ‹islam› geht mir rasend auf die nerven! weil nämlich ‹die muslime› genauso unterschiedlich sind wie die mitglieder der westlichen gesellschaften, um das zu sehen, müsste man halt mit ihnen reden und sie nicht nur durch das teleskop der ignoranz betrachten…»

Aber können sie sich denn überhaupt bei «uns» zurechtfinden, die «DörflerInnen?» «meine irakischen freunde kommen aus städten, die deutlich größer sind als wien, ihre ersten ziegen haben sie hier im streichelzoo gesehen, wie die meisten wienerInnen auch…»

Was 2015 begann, scheint vielen 2018 suspekt, in Zeiten, da es nach regierungsoffizieller Betrachtung ohne Flüchtlinge auch kein Budgetdefizit geben würde. Vielen, keineswegs allen.

Gerade jetzt, 2018, sollte dieses Tagebuch aus 2015 und 2016 gelesen werden, die Chronologie einer Einmischung. Abseits des Defätismus gibt es angesichts «dieser Lage» auch Möglichkeiten, etwas (dagegen) zu tun: «good luck – good bye» ermuntert seine Leserinnen und Leser dazu…


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