Preise für «smarte» Datenkraken


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2018/06/preise-fuer-smarte-datenkraken/
Veröffentlichung: 01. Juni 2018
Ressorts: Gemeingüter, Gesellschaft, Staat/Parteien, Startseite

BigBrotherAwards 2018
von Rolf Euler

Der Verein Digitalcourage vergab dieses Jahr die BigBrotherAwards – also die «Preise» für die Entwicklung der Digitalisierung gegen die Interessen der Nutzenden – an mehrere Firmen, die um ihrer Gewinne willen den Datenschutz unterlaufen.

Diesmal wurde eine Firma namens Soma Analytics im Bereich Arbeitswelt «ausgezeichnet», die eine Gesundheits-App namens Kelaa entwickelt hat. Die App überwacht anhand verschiedener Parameter wie Puls und Stimmfarbe den Gesundheitszustand des Nutzers und kann den dieses Werkzeug einsetzenden Arbeitgebern Hinweise auf das seelische Wohlbefinden der Mitarbeitenden geben.

Weiter bekam den Preis das Konzept der Smart City – eine mit Sensoren gepflasterte, total überwachte, ferngesteuerte und kommerzialisierte Stadt. «Smart Cities» reduzieren die Bürger auf ihre Eigenschaft als Konsumenten, machen alle zu datenliefernden Objekten und die Demokratie zu einer überwachten Dienstleistung.

Wichtig für sehr viele Menschen: Microsoft bekam ebenfalls einen Preis für das Betriebssystem Windows 10. In dem System ist nicht zu unterbinden, dass ständig sog. Telemetriedaten, also Verhaltensdaten der Nutzer und des Systems, übermittelt werden. Sie schreiben, dass selbst fachlich gebildete Menschen Probleme hätten, dies zu unterbinden, geschweige denn der «Normal»benutzende. Hier wäre zu erwarten, dass nicht nur ein Negativpreis vergeben wird, sondern auch technische Tips folgen, die der Nutzergemeinde von Windows 10 Mittel an die Hand geben dies zu ändern.

Hier lohnt sich einmal der Blick auf die homepage https://bigbrotherawards.de/2018/technik-microsoft-deutschland. Hier wird ausführlich begründet, warum es diesen Preis gibt, was das mit den Enthüllungen von Edgar Snowden zu tun hat und warum Microsoft (und andere) so intensiv die Datenverarbeitung in der Cloud betreiben.

Des weiteren bekam den Preis eine Software, die z.B. in Flüchtlingsunterkünften eingesetzt wird. Die dort erhobenen und verarbeiteten Daten ermöglichen nach Ansicht der Juroren eine Totalkontrolle der Asylsuchenden bis zur Videoüberwachung von Bewegungen im Gelände.

Ebenfalls preiswürdig ist Amazons Alexa, die neue neugierige Mitbewohnerin in «smarten» Haushalten, die alles registriert und in die Cloud zur Verarbeitung durch Amazon leitet und ein so persönliches Profil der Bewohner erstellt wie es bisher nicht ausbeutbar war. Datenschutz Null ist mit diesem Lautsprecher der Fall.

Wichtig ist auch noch ein sehr politischer Preis, der nämlich an die Fraktionen der Grünen und der CDU im hessischen Landtag geht, weil sie ein neues Verfassungsschutzgesetz mit sehr weitreichenden Befugnissen auf die Reise bringen wollen. Der den Preis begründende Rechtsanwalt Rolf Gössner wird zitiert: «Der schwarz-grüne Gesetzentwurf enthält eine gefährliche Anhäufung schwerwiegender Überwachungsbefugnisse, mit denen tief in Grundrechte eingriffen werden kann: Mit sogenannten Staatstrojanern sollen ‹verdächtige› Computer heimlich infiziert und ausgeforscht werden, Mitarbeitende staatlich geförderter Demokratieprojekte sollen geheimdienstlich überprüft und kriminelle V-Leute erstmals per Gesetz von strafrechtlicher Verfolgung freigestellt werden. Alles in allem: ein schwerer Angriff auf Demokratie, Rechtsstaat und Bürgerrechte.»

Erneut zeigt Digitalcourage, wie wichtig zivilgesellschaftliches Engagement gegen Überwachungsstaat und Datenkraken ist.