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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 07/2018 |

Gelebte internationale Klassensolidarität am Kölner Werkstor von Ford

Gemeinsam gegen Werkschließung 
von Horst Hilse

Knapp 200 Beschäftigte des Konzerns waren am 20.?Juni morgens am Werktor von Ford Köln. Anlass waren die Verhandlungen zwischen den europäischen Betriebsräten (Eurogroup) und der Konzernleitung.

Im Konzern herrscht «dicke Luft». Insgesamt hat Ford Europa 2017 vor Steuern rund 230 Mio. Dollar verdient, bei einem Umsatz von 29,7 Mrd. Dollar. Besonders erbost waren die französischen Kollegen aus Blanquefort (15 Kilometer nördlich von Bordeaux), mussten sie doch im Februar fast nebenbei erfahren, dass ihr Werk zum Jahresende geschlossen werden soll.

Bereits am Vortag waren knapp 40 Kollegen aus Frankreich angereist und von der Vertrauensleutekörperleitung der IG Metall bei Ford betreut worden. Unter den französischen Gästen befanden sich auch die Bürgermeisterin von Blanquefort und ihre Stellvertreterin, die ihre Solidarität mit den Ford-Kollegen bekunden wollten. Freudig wurden die Konzernkollegen aus Frankreich trotz Sprachschwierigkeiten von den Vertrauensleuten der IG Metall begrüßt. Dazu erschallten kölsche Lieder.

Die Firma Punch Powerglide in Straßburg, ein belgischer Autozulieferer, der automatische Getriebe herstellt, hat erst kürzlich Interesse an der Übernahme des Werks angekündigt, in Köln waren deshalb erfreulicherweise auch Kollegen aus dem Straßburger Werk eingetroffen, um den Protest der Ford-Kollegen solidarisch zu unterstützen. In der Verhandlungspause gesellten sich die Gewerkschaftsvertreter von Konzernbetrieben aus Bulgarien, Russland, Rumänien, Spanien zu ihren deutschen und französischen Kollegen und verstärkten nochmals den internationalen Charakter der Versammlung.

Martin Hennig, der Sprecher der europäischen Kollegen, berichtete vom Verlauf der morgendlichen Verhandlungen mit der US-Konzernspitze. Man habe den Konzernchef Armstrong wegen seiner Informationspolitik angegangen. So hätten die Gewerkschaftsvertreter über die Schließungsabsichten in Frankreich erst aus einer Notiz im konzerninternen Zeitungs- und Werbeblatt erfahren. Diese Notiz war direkt neben einem Grinsefoto des Konzernchefs versteckt worden. Armstrong habe sich für dieses Vorgehen entschuldigt und als Begründung angeführt, man habe ja keine Erfahrung mit Betriebsschließungen, was angesichts der Schließung der Ford-Werke in Belgien mit 4300 Beschäftigten im Jahr 2014 wiederum eine provokative Unverschämtheit ist.

Hennig führte weiter aus, ihnen sei versichert worden, dass man für das französische Werk intensiv nach Firmen suche, die zur Übernahme bereit seien. Das stehe jedoch in krassem Widerspruch zur Ankündigung der Werkschließung, die nach französischem Recht im Anschluss an die Erklärung mindestens dreimonatige Verhandlungen über Sozialpläne einleite. Man habe die Konzernleitung aufgefordert, diese Ankündigung sofort zurückzunehmen und bis zum Jahresende nach Übernahmekandidaten zu suchen. Erst danach könne man zusammenkommen und erneut über die Situation beraten.

Die anwesenden Bürgermeisterinnen forderte Hennig auf, die Position des Konzernbetriebsrats auch in den politischen Gremien vor Ort bekannt zu machen. Man werde keine Arbeitsplatzvernichtungen mitmachen. Er sicherte den Kollegen in jedem Land die volle Unterstützung der IG Metall zu, wenn sie in einen Kampf um Arbeitsplätze eintreten würden.

Nachdem Hennig zusammen mit den anderen Kollegen der Eurogruppe wieder ins Verhandlungsgebäude entschwunden war, nahm Christian Brunkhorst (Bereich Zulieferer und Fahrzeugbau beim IG-Metall-Vorstand) den Faden wieder auf und bekräftigte nochmals die volle Unterstützung der IG Metall für kämpfenden Belegschaften in der Autoindustrie. Er wies auf die künftigen starken strukturellen Veränderungen in der Branche hin und meinte, Politik und Unternehmen müssten endlich die dringend notwendigen zukunftsfähigen Konzepte entwickeln. Sonst werde, wie so oft, der Strukturwandel auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen, die in die Erwerbslosigkeit gestoßen würden. Der Ford-Konzern stehe unter Beobachtung der IG Metall. Man werde sehr genau hinschauen, wie der Konzern angesichts der Veränderungen in der Branche mit den Belegschaften umgehe.

Er bedankte sich bei den angereisten französischen Kollegen und forderte sie auf, nicht zu resignieren. Das letzte Wort sei noch lange nicht gesprochen und sie sollten wissen, dass sie nicht alleine stehen und die IG Metall jede erdenkliche solidarische Hilfe leisten werde. Im Gegensatz 2014, als die belgischen Kollegen nach Köln gekommen waren, hielt sich die Kölner Polizei diesmal dezent im Hintergrund und wurde fast übersehen. Die IG Metall hat eine Unterschriftenaktion zur Solidarität mit den französischen Kollegen begonnen, die in den nächsten Tagen auf alle Ford-Werke ausgeweitet werden soll.


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