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Neues von Amazon

In Italien konnte eine Betriebsvereinbarung durchgesetzt werden
von Violetta Bock

«Wir verhandeln nicht mit Gewerkschaften», so lautete lange Zeit das Credo von Amazon. Seit fünf Jahren streiken die Beschäftigten in Deutschland für einen Tarifvertrag. Den Kolleginnen und Kollegen in Italien ist nun ein Durchbruch gelungen.

Im Juni sorgte Amazon mal wieder für jede Menge Schlagzeilen: Frontal 21 und die Wirtschaftswoche deckten die massenhafte Vernichtung von Waren auf, die, wenn sie zurückgeschickt werden, direkt im Müll landen – egal wie neuwertig sind. In einem Beitrag wird eine Mitarbeiterin zitiert, die schätzt, dass sie täglich Waren im Wert von 23000 Euro vernichtet.

In Seattle behinderte Amazon zusammen mit anderen Firmen die Einführung einer Obdachlosenabgabe. Sie sollte eingeführt werden für größere Unternehmen. Denn als große Arbeitgeber tragen sie dazu bei, dass mehr und mehr Menschen in die Städte ziehen, die Mieten steigen, die Wohnungen knapper werden und mehr auf der Straße landen – inzwischen spricht man von 6300 Obdachlosen in Seattle (seit 2015 hat sich diese Zahl damit verdoppelt). Ergänzt um diejenigen in Notunterkünften, leben hier laut einem Verband zur Unterstützung Obdachloser 12.500 Menschen ohne festes Zuhause. Durch die Abgabe sollten die Konzerne an den Kosten zum Bau von Sozialwohnungen beteiligt werden. Im Mai wurde sie eingeführt. Unter dem schicken Motto «No Tax for Jobs» («Keine Steuer auf Arbeitsplätze») wurde ein Bürgerentscheid initiiert, finanziert unter anderem durch Amazon, größter Arbeitgeber der Stadt. Das Unternehmen, das seinen Hauptsitz in Seattle hat, drohte die Pläne für die Errichtung eines Bürokomplexes abzubrechen. Im Juni wurde das Gesetz wieder aufgehoben – ein Paradebeispiel für die Macht der Konzerne.

Für Amazon hätte es sich lediglich um 11 Millionen US-Dollar pro Jahr gehandelt. Um 11 Millionen US-Dollar wird Jeff Bezos seit Januar reicher – stündlich. Denn seit Januar ist sein Vermögen um 44 Mrd. US-Dollar angestiegen, wie die Berliner Zeitung kürzlich in einem Bericht über die Methoden der Datenkrake berichtete. Thematisiert wurde darin nicht nur die Datensammelwut in bezug auf Kundenwünsche, sondern auch in bezug auf die Zustimmung der Kundinnen und Kunden zum Zugang zu ihrem Kontostand (natürlich nur um die Zahlungsfähigkeit prüfen zu können…) und ihren Standort per Smartphone-GPS-Funktion. Und doch, oder gerade deswegen, wächst Amazons Gewinn weiter, werden neue Standorte eröffnet und die Marktmacht ausgeweitet.

Die andere Seite

Unterdessen ist es den Gewerkschaften in Italien gelungen, eine erste schriftliche Vereinbarung durchzusetzen. Am 22.?Mai musste Amazon für das Versandhandelslager Castel San Giovanni eine Betriebsvereinbarung unterzeichnen. Sie ergänzt den landesweiten Branchentarifvertrag im italienischen Handel und regelt die Arbeitszeiten zugunsten der Beschäftigten: Die Nachtschichten konnten reduziert werden und die Wochenendarbeit wird gerechter verteilt. Nachtschichten sollen nun in erster Linie freiwillig vergeben und mit einem Zuschlag von 25 Prozent statt wie bisher mit 15 Prozent honoriert werden. Die Vereinbarung trat am 17.?Juni für ein Jahr in Kraft.

Zurückzuführen ist sie unter anderem auf den Streik am Black Friday im November letzten Jahres, an dem sich nach Aussagen der Gewerkschaft über die Hälfte der Beschäftigten beteiligt haben. Auch in Deutschland wurde an allen Standorten gestreikt, in Berlin organisierte «Make Amazon pay» eine Blockade. In Italien folgten weitere Arbeitskampfmaßnahmen. Insgesamt gibt es hier sieben Standorte.

Die Vereinbarung wurde den Beschäftigten zur Abstimmung vorgelegt und von der Mehrheit angenommen. Beteiligt waren daran die Gewerkschaftsverbände CGIL, CISL und UIL. Diese Betriebsvereinbarung ebnete den Weg für weitere Verhandlungen. Der internationale Vergleich bestärkt die Forderungen der Gewerkschaft auch hierzulande immer wieder. So fordert Ver.di in Deutschland den Tarifvertrag des Einzel- und Versandhandels. Amazon gibt sich in Deutschland als Logistikunternehmen aus. In Italien zählen solche Unternehmen dagegen schon immer zum Handel. Dies zeigt, wie sich Amazon je nach Land verschiedenen Branchen zuordnet, je nachdem wo die Löhne günstiger sind.

Doch immer mehr Kolleginnen durchschauen das Spiel von Amazon oder erleben ihre eigene Enttäuschung nach einem Feedback-Gespräch über zwei Minuten aufgezeichneter Untätigkeit, nachdem ihnen jahrelang erzählt wurde: «Wir sind eine Familie.» Ver.di konnte bei den Betriebsratswahlen trotz verschiedenster Gegenmaßnahmen von Amazon an einigen Standorten gut abschneiden. Neu eröffnete Standorte werden von Kolleginnen und Kollegen zeitig aufgesucht, um auch dort Ver.di bekannt zu machen.

Und auch die Streiktaktik entwickelt sich weiter, sie wird flexibler, unberechenbarer. In Bad Hersfeld treten die Beschäftigten etwa immer häufiger aus dem laufenden Betrieb in den Streik. Amazon will nicht verhandeln – das gibt Zeit zum Ausprobieren verschiedenster Methoden.

Dazu gehört nicht zuletzt auch die koordinierte internationale Zusammenarbeit. Die Kolleginnen und Kollegen in Spanien rufen im Juli zu einem Aktionstag auf. Anbei ihr Aufruf:

 

Amazon en lucha
Aufruf zum europäischen Generalstreik

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
die Kämpfe gegen den Missbrauch des multinationalen Unternehmens Amazon und für die Verteilung seiner Vorteile breiten sich in ganz Europa aus. Trotz der Strategie des Unternehmens, neue Zentren in Ländern zu eröffnen, die aus gewerkschaftlicher Sicht «ruhiger» sind, treiben die harten Arbeitsbedingungen immer mehr Beschäftigte dazu, gegen sie zu rebellieren.

In Polen verwenden sie ein hartes Antistreikgesetz, um miserable Gehälter durchzusetzen. In Deutschland wird weiter für einen Tarifvertrag gekämpft, der die Rechte aller Beschäftigten unabhängig von ihrem Zentrum garantiert. In Frankreich bleiben die sehr anspruchsvollen Maßnahmen zur Zeit- und Effizienzkontrolle bestehen. In Spanien wurden die Arbeitsbedingungen nach Ablauf des bisherigen Tarifvertrags einseitig vom Unternehmen in seinem Hauptlogistikzentrum festgelegt. In Italien, wo befristete Verträge die Regel sind, gibt es Tausende von Gelegenheitsarbeitern in den Logistikzentren. Im Rest der Welt schreibt Amazon Geschichte, verteilt aber kaum seine Millionengewinne.

Im vergangenen März haben wir in MAD4* einen intensiven Kampf um einen Tarifvertrag begonnen, der unsere historischen Rechte festschreibt und bessere Arbeitsbedingungen schafft, wie wir sie verdienen. Am 21. und 22.?März riefen wir zu einem Streik auf, der von über 95 Prozent der Beschäftigten unterstützt wurde. Seitdem setzen wir unser Handeln fort, um Druck auf das Unternehmen auszuüben.

Wir wissen jedoch, dass Amazon sein logistisches Netzwerk in Europa nutzt, um die Auswirkungen unserer jeweiligen Streiks zu konterkarieren. Wir in Madrid glauben, dass wir nur dann Anerkennung für unsere Forderungen finden, wenn wir gemeinsam kämpfen. Ebenso werden sich die Kolleginnen und Kollegen nur mit einer gemeinsamen Aktion auf europäischer Ebene dort organisieren, wo es noch keine gewerkschaftliche Vertretung gibt.

Aus diesen Gründen fördern wir die Idee eines europäischen Generalstreiks in der zweiten Juliwoche. Dann ist Prime Day, ein Tag, an dem Amazon Millionen von Produkten an einem seiner wichtigsten Verkaufstage verkaufen will. Die Idee ist, dass dieser Tag nicht stattfinden wird, wenn keine Zugeständnisse an die Beschäftigten gemacht werden. In den folgenden Wochen werden wir mit allen Zentren Kontakt aufnehmen, um die Idee zu diskutieren und im Rahmen dieser historischen Mobilisierung zusammenzuarbeiten.

Gesundheit und menschenwürdige Arbeitsplätze für alle Amazon-Beschäftigten!
Immer bis zum Sieg!

Quelle: https://amazonenlucha.wordpress.com/2018/05/16/llamiento-a-una-huelga-europea-frente-a-amazon/.

* MAD4 ist die Standortbezeichnung des Amazonlagers in Spanien.


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