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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Deutsch statt doitsch

Eine Auseinandersetzung mit dem Begriff Heimat
von Paul B. Kleiser

Thea Dorn: Deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten. München: Knaus, 2018. 334 S., € 24

Der Begriff Heimat eignet sich nicht für polemische Vereinfachungen jedweder Art.

Vor einiger Zeit hatte die Journalistin und Philosophin Thea Dorn zusammen mit dem aus Rumänien stammenden Richard Wagner ein Buch mit dem Titel Die deutsche Seele herausgegeben. Darin werden mit zahlreichen Illustrationen einige Besonderheiten der deutschen Kultur und des Alltagslebens herausgearbeitet. In ihrem neuen Buch Deutsch, nicht dumpf macht Thea Dorn nun den Versuch, acht Begriffe bzw. Konzepte, die gerne von der Rechten ge- bzw. missbraucht werden, durch einen aufklärerischen Diskurs für die Linke zu retten. Sie möchte aufzeigen, dass die «gegenwärtige deutsche Liberalität und Weltoffenheit ein ethisch-kulturelles Fundament» hat, und «wir» dabei sind, dieses Fundament zu untergraben.

Angesichts der sich herausbildenden postfaschistischen Achse zwischen München, Wien und Rom (Söder, Kurz und Salvini) sind solche Ängste mehr als berechtigt. Wir wissen nur zu gut, dass rechte Diskurse gerne kulturelle Topoi bemühen, wenn sie Auseinandersetzungen um Themen der politischen Ökonomie ausweichen wollen.


Deutsch/antideutsch

Dabei kommt es vor, dass Linke das Kind mit dem Bade ausschütten, also z.B. bestreiten, dass es sowas wie eine «deutsche Kultur» überhaupt gibt. Die Stärke der Regionalkulturen oder die Unterschiede der Erscheinungsformen verböten es angeblich, diesen Begriff zu benutzen. Oder aber die Globalisierung sei dabei, die Grenzen zwischen den Kulturen aufzulösen. Ich empfehle als Gegenpol die sonntägliche Arte-Sendung «Karambolage», die in häufig lustiger Form die Unterschiede zwischen der deutschen und französischen Kultur herausarbeitet.

Recht hat Dorn auch, wenn sie betont, der (in einigen linken Kreisen vertretene) Kulturrelativismus begehe denselben Denkfehler wie der im neurechten Milieu so beliebte Ethnopluralismus, der behauptet, durch das «Diktat der Menschenrechte» würden die Eigenarten von Kulturen nivelliert bzw. vernichtet. Wenn sich heute die Großstädte immer ähnlicher werden, dann liegt das nicht an den Grundrechten, sondern am Agieren weltweit tätiger Konzerne, denen Menschenrechte meist solange egal sind, wie sie nicht ihre Geschäfte durch aufklärerische Kampagnen bedroht sehen.

Höchst umstritten ist natürlich der Begriff «Leitkultur», dessen Erfindung (was die Bierdimpfl von der CSU wahrscheinlich gar nicht wissen) auf den Kulturkampf des protestantischen Preußen unter Bismarck gegen die «Ultramontanen», also die Katholiken, zurückgeht. Er richtete sich schon damals auch gegen die polnische und italienische Immigration. Thea Dorn hat recht, wenn sie diese Debatten der letzten zwanzig Jahre als «Beschwichtigungsversuche in Richtung der deutschen Mehrheitsgesellschaft» begreift, weil diese «den Eindruck hat, dass ihre Kultur durch Globalisierung, vor allem aber durch Einwanderung einem allzu raschen, allzu forcierten Wandel unterworfen werde». «Die Alteingesessenen brummen ‹mia san mia› und der konservative Politiker ruft bestätigend zurück: Und das ist auch gut so!» Die ländlichen Dörfer mögen veröden, aber zur Fronleichnamsprozession wird die alte Tracht ausgepackt!


Welche Identität?

Dorn zitiert den Philosophen Johann Gottlieb Fichte, der von einem «Zwingherrn der Deutschheit» sprach; der doitsche rabiate Gärtner wolle das «Kraut» treffsicher vom «Unkraut» unterscheiden können und vergifte dadurch das kulturelle Klima.

Ob allerdings die Unterscheidung zwischen Zivilisation und Kultur, die früher häufig der Abgrenzung vom Westen und der Betonung einer besonderen Rolle Deutschlands als «Land der Mitte» gedient hat (so beim frühen, von Thea Dorn heißgeliebten Thomas Mann) heute sinnvoll eingesetzt werden kann, sehe ich eher skeptisch. «Die typischen Kinder der Zivilisation sind der naturwissenschaftlich-technologische Fortschritt und die Optimierung aller menschlichen Lebensumstände. Die typischen Kinder der Kultur sind der Ackerbau, die Religion, die Geisteswissenschaften, die Kunst. Kultur weiß, wo sie herkommt; Zivilisation weiß, wo sie hinwill.» Naja!

Sodann kommt Thea Dorn auf das Thema «Identität» zu sprechen, bekanntlich ein breites Kampf- und Minenfeld. Wieso die Linke (welche? wohl bestimmte autonome Strömungen; mit den Begriffen links und rechts geht die Autorin ziemlich freihändig um) stolz sein soll, wenn sie «Identitätspolitik» betreibt, erschließt sich mir nicht. Zutreffend ist, dass nicht nur von der rechtsextremen «identitären Bewegung» dieser Terminus als Kampfansage gegen marginalisierte Gruppen aller Art, vorzugsweise MigrantInnen, eingesetzt wird. Diese Bewegung hat den multikulturellen Gesellschaften, die angeblich von den «versifften 68ern» geschaffen wurden, den Krieg erklärt. Dabei sind die Migrationsbewegungen doch vor allem durch den Globalisierungsprozess des Kapitals und dessen Folgen hervorgerufen worden! Die «Ehe für alle» wird von solchen Leuten als «große Verschwulung» diffamiert und bekämpft.

Die Linke muss – neben den sozialen Auseinandersetzungen – auch «Kämpfe um Anerkennung» führen, weil ein Mensch nur eine positive Identität entwickeln kann, wenn er nicht fortwährend auf Ablehnung stößt.

Dorn schreibt: «Individuelle Konturen entstehen nur im Wechselspiel von Anerkennung und Ablehnung, von Unterstützung und Widerstand, von Gelingen und Scheitern. Aus eigener Erfahrung behaupte ich, dass viele von mir als unpassend oder ungerecht empfundene Zuschreibungen von außen, wer ich angeblich bin bzw. ich gefälligst sein sollte, entscheidend dazu beigetragen haben, dass ich eine deutlichere Ahnung davon bekommen habe, wer ich ‹eigentlich› bin oder wer ich sein will.»

Dass durch dauernde Zuschreibungen Verhärtungen entstehen können, etwa aus den Vorurteilen, die permanent über «Muslime» verbreitet werden, ist unbestreitbar. Ob allerdings aus der AfD eine andere Partei geworden wäre als das «trübe Sammelbecken» von heute, wenn «diejenigen, die die öffentlichen Diskurse dominieren, sie nicht systematisch in die äußerste ‹rechte Ecke›» gestellt hätten, ist mehr als zweifelhaft.

Dorn vergisst, dass alle Strömungen in dieser Partei schon von Anfang an anwesend waren und die Geflüchteten des syrischen Bürgerkriegs (an dem der Westen eine erhebliche Mitschuld hatte) zu einer rassistischen Radikalisierung eines nicht unerheblichen Teils der Bevölkerung mit Angela Merkel als besonderem Feindbild geführt haben; dadurch haben die Islamhasser und «Umvolker» natürlich besonderen Auftrieb bekommen. Auch ein Blick auf die Nachbarländer, wo ja ganz ähnliche Tendenzen bestehen, kann einen eines Besseren belehren.

In einem langen Abschnitt diskutiert Dorn die landläufigen Konzepte von Heimat; mit Nietzsche ist ihr jegliche «Vaterländerei und Schollenkleberei» ein Gräuel. Doch schon der Romantiker Joseph Görres wusste, dass der Mensch der Moderne auf «schwankenden Brettern» unterwegs ist; nach dem Ende der napoleonischen Kriege schrieb er: «Die Alten verstanden es besser, auf das Alte Neues zu bauen, und nicht umzureißen, was stehen sollte … Das Volk, welches seine Vergangenheit von sich wirft, entblößt seine feinsten Lebensnerven allen Stürmen der wetterwendischen Zukunft.»

Natürlich wurde der Heimat-Topos häufig gerade zur Verdrängung einer schandhaften Vergangenheit eingesetzt, so etwa der Heimatfilm in der Adenauerzeit, der die heile Provinz beschwor. Alles Böse kam dann aus Großstädten wie Berlin, Hamburg oder Frankfurt. Demgegenüber hat Edgar Reitz in seiner berühmten Heimat-Trilogie einen kritischen Zugang zum Thema Heimat gefunden, weil er aufzeigte, dass man seiner provinziellen Heimat emotional verbunden bleiben kann, auch wenn man ihrer Enge zu entfliehen trachtet.

Der österreichische Autor Carl Améry, der vor den Nazis ins Ausland fliehen musste, hat den Heimatverlust des Vertriebenen als eine Form der «Selbstentfremdung» beschrieben, denn wenn einem die Heimat genommen sei, verfalle man in «Ordnungslosigkeit, Verstörung, Zerfahrenheit». Die Heimat gebe einem Sicherheit, weil man nur dort die «Dialektik von Kennen-Erkennen, von Trauen-Vertrauen souverän beherrscht». Der alte Herder sagte: «Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss!»

Für Thea Dorn, die aus Offenbach stammt, ist Heimat «in erster Linie mit sinnlichen Erfahrungen verbunden». «Heimat ist der Geschmack, sind die Düfte, Klänge und Bilder, die … wenn wir ihnen mit späteren Leben wiederbegegnen, sofort die ältesten, gleichsam limbischen Schichten in uns berühren.» Heimat reimt sich auf Sehnsucht, doch wirkliche Heimat ergibt sich laut Ernst Bloch erst jenseits der kapitalistischen Entfremdung als utopischer Ort.

Thea Dorn nennt ihr Buch einen «Leitfaden für aufgeklärte Patrioten». Sie meint zutreffenderweise, der von Linksliberalen à la Habermas propagierte «Verfassungspatriotismus» könne nicht funktionieren, weil ihm die emotionale Dimension abginge. Sie zitiert die Politologen Marina und Herfried Münkler: «Tatsächlich ist die Vorstellung von nationaler Zugehörigkeit und Identität das Gegenmittel zu einer Gesellschaft, die allein aus Tauschakten und gegenseitiger Nutzenerwartung besteht.» Wir bräuchten daher eine modernisierte Vorstellung von Nation, die den Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft gewachsen ist und niemanden von vornherein ausschließt.

Die Größe von Bert Brecht besteht u.a. darin, wie er diesen schwierigen Spagat in aller Klarheit auf den Punkt gebracht hat. In seiner «Kinderhymne» heißt es: «Anmut sparet nicht noch Mühe | Leidenschaft nicht noch Verstand | Dass ein gutes Deutschland blühe | Wie ein andres gutes Land.»


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