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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 10/2018 |

200 Jahre Karl Marx, Teil 7

Mehrwertproduktion als verschleierte Ausbeutung
von Manuel Kellner

Karl Marx war dafür, «alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist». Aktuell bleibt auch seine Kritik der kapitalistischen Produktionsweise, die «die Erde und den Arbeiter untergräbt». Immer bereit an allem zu zweifeln, verdient er nicht, zum Säulenheiligen gemacht zu werden. Sein Konzept der Selbstbefreiung der Arbeiterklasse als Mittel universaler Emanzipation bleibt allerdings entscheidender Bestandteil des revolutionären Kampfs für eine weltweite sozialistische Gesellschaft.
Ausgangspunkt der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie ist die Ware, weil der Reichtum in der kapitalistischen Produktionsweise als ungeheure Warenansammlung erscheint und Marx deshalb die einzelne Ware als ihre Elementarform ansieht.
Jede Ware muss einen Gebrauchswert haben; das heißt, es muss Menschen geben, die sie haben wollen. Sie muss aber auch einen Tauschwert haben, damit sie von einer Hand in die andere gelangen kann. Um die Tauschhandlungen zu erleichtern, entwickelt sich eine bestimmte Ware zum allgemeinen Äquivalenten und erwirbt damit einen neuen Gebrauchswert als Zahlungsmittel, Mittel der Wertabschätzung und der Schatzbildung. In der einfachen Warenproduktion herrscht in der Regel Äquivalententausch – niemand bereichert sich normalerweise auf Kosten anderer, wenn ein Produkt den Besitzer wechselt. Anders sieht das in der entwickelten Warenproduktion aus, in der das Geld zum Kapital und damit zum Mittel der persönlichen Bereicherung geworden ist.
In welchem Verhältnis werden die Waren getauscht? Was bestimmt ihren Wert? Die Preise bilden sich durch Angebot und Nachfrage vermittelt über die vielen einzelnen Kaufhandlungen auf dem Markt heraus. Dabei schwanken die Preise um einen dahintersteckenden Wert und zeigen die Neigung, sich auf eine gewisse Höhe einzupendeln. Nach der Marxschen Arbeitswertlehre wird die Höhe des Werts durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt, die zur Produktion der entsprechenden Ware erforderlich ist. Dafür wird die Arbeit nicht als konkrete Arbeit aufgefasst, die ganz bestimmte Produkte hervorbringt, sondern als abstrakte Arbeit, als menschliche Arbeit überhaupt, ohne weitere konkreten Bestimmungen.
Kapital ist der sich selbst verwertende Wert – zunächst einfach eine Geldsumme, die sich um einen bestimmten Betrag vermehrt. Dieser Betrag ist der Mehrwert. Beim Einsatz von Geldkapital als Wucherkapital geschieht das ganz direkt, indem der Zins dem Schuldner einfach aus der Tasche gezogen wird. Doch auch das Handelskapital vermehrt sich durch Wertübertragung von einer Tasche in die andere, indem Waren billiger eingekauft als verkauft werden. In einer Nation oder überhaupt in jeder über Tauschhandlungen verbundenen Gemeinschaft kann der Reichtum auf diese Weise insgesamt jedoch nicht vermehrt werden. In der politischen Ökonomie, der klassischen Volkswirtschaftslehre, wurde der Frage nachgegangen, wie es sein kann, dass sich der Reichtum einzelner und zugleich der Gesamtreichtum einer Nation vermehren kann, auch wenn für die Tauschhandlungen auf den einzelnen Märkten Äquivalententausch vorausgesetzt wird. Dieses Rätsel gelöst zu haben beanspruchte Marx mit seiner Mehrwerttheorie.
Es musste dafür eine Masse Menschen auftauchen, die nichts zu verkaufen haben als ihre Arbeitskraft und sie verkaufen müssen, um überleben zu können. Kapitaleigentümer mussten dieses Arbeitsvermögen auf dem Arbeitsmarkt kaufen und in der Produktion einsetzen. Der Wert der Ware Arbeitskraft entspricht ihren gesellschaftlich gegebenen Reproduktionskosten. Sie wird mit dem Arbeitslohn bezahlt, normalerweise nicht unter Wert. Die produzierten Waren können vom Kapitaleigentümer ebenfalls zu ihrem Wert verkauft werden. Trotzdem hat er nach diesem Vorgang sein eingesetztes Kapital nicht nur wieder zurückerhalten, sondern vermehrt. Wie kann das sein?
Soweit die Arbeit der lohnabhängig Beschäftigten als konkrete Arbeit betrachtet wird, übertragen sie den ganzen Arbeitstag über den Wert der Rohstoffe und Maschinen auf das Endprodukt. Wenn sie aber als abstrakte, wertschöpfende, warenproduzierende Arbeit betrachtet wird, bringt sie laufend neuen Wert hervor. Einen Teil des Arbeitstags wenden die Beschäftigten dafür auf, das Äquivalent ihres Arbeitslohns zu produzieren (das ist die notwendige Arbeit). Während des verbliebenen Teils ihres Arbeitstags bringen sie Wert darüber hinaus hervor (das ist die Mehrarbeit). Deshalb beinhaltet der Wert ihres Arbeitsprodukts einen Mehrwert, der beim Verkauf auf dem Produktenmarkt realisiert werden kann.
Die Mehrarbeit suchen die Kapitaleigentümer mit zwei verschiedenen Mitteln zu verlängern: durch Verlängerung des Arbeitstags (absoluter Mehrwert) und durch Verkürzung der notwendigen Arbeit (relativer Mehrwert). Letzteres erfordert die Erhöhung der Arbeitsproduktivität durch Arbeitsorganisation, Einsatz von Maschinerie und technische Neurungen. In der kapitalistischen Produktionsweise dreht sich der elementare Klassenkampf daher ebenso sehr um die Arbeitszeit und die Arbeitsbedingungen wie um die Lohnhöhe.
Kapitalistische Ausbeutung ist vielfach verschleiert. Die Beteiligten erscheinen als freie, souveräne Wareneigentümer, die bei Kauf und Verkauf ihrer Waren nicht geprellt werden müssen. Der Mehrwert verschwindet von der Bildfläche, weil er aufgeteilt wird, sobald er entsteht: Aus ihm fließt nicht nur der Profit, aus ihm fließen auch die Gelder für Miete, Pacht, Zins, Steuern usw., die der Kapitaleigentümer zahlen muss. Doch der «Vampirdurst» (Marx) des Kapitals nach Mehrwert treibt die kapitalistische Produktionsweise an und die Menschheit ins Verderben.

Teil 6 (in SoZ 7-8/2018) behandelte die Marxsche Auffassung vom Staat.


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