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Die Fusion von Karstadt und Kaufhof

Beschäftigte fordern den Tarifvertrag Einzelhandel für beide Häuser
von Helmut Born

Am 11.September wurde offiziell verkündet, worüber die Medien seit Wochen berichteten: Die Fusion von Karstadt und Kaufhof, den beiden letzten Warenhausunternehmen in der Bundesrepublik, ist vollzogen. Vorausgegangen war eine klare Ansage der Banken, dass die Besitzer von Kaufhof, das US-kanadische Unternehmen Hudson Bay Company (HBC), eine Verlängerung ihres Kredits über etwa 1,3 Milliarden Euro, nur bekommen würden, wenn sie einer Fusion mit Karstadt zustimmten. Da die Geschäfte des Unternehmens in Europa, aber auch in Nordamerika, alles andere als erfolgreich sind, blieb HBC nichts anderes übrig, als der von ihnen immer abgelehnten Fusion zuzustimmen.
In der Öffentlichkeit ist immer von der Fusion Kaufhof/Karstadt die Rede. Doch trifft dies den Sachverhalt nicht genau. HBC hat 2016 den Kaufhof von der Metro für rund 2,8 Milliarden Euro gekauft. Damals hatte der Kaufhof 13 Filialen in Belgien unter dem Namen Galeria Inno laufen. Mit Inno zusammen war Kaufhof bis 2016 das profitabelste Unternehmen in der Metro Group.
Für diese 2,8 Milliarden bekam HBC nicht nur den stationären Handel und die dazugehörige Infrastruktur wie Lager, Zentrale und Onlinehandel, sondern auch gut 50 Filialen, die sich im Metro-Besitz befanden. Diese Filialen wurden in eine Immobiliengesellschaft ausgegliedert, an der HBC 80 Prozent der Anteile hielt.
Darüber hinaus hat HBC letztes Jahr 13 Filialen eines pleite gegangenen Unternehmens in den Niederlanden gekauft und unter dem Namen Hudson Bay Company neu eröffnet. Außerdem ist HBC dabei, seine in Nordamerika erfolgreiche Kette Saks off Fifth in Deutschland und den Niederlanden aufzubauen, wo Luxusklamotten zu reduzierten Preisen angeboten werden. In die Fusion mit Karstadt würde nicht nur der Kaufhof eingebracht, sondern auch alle anderen Unternehmen, die HBC in Europa betreibt.

Was für ein Unternehmen ist Karstadt heute?
Karstadt besteht heute im wesentlichen nur noch aus etwa 70 Warenhäusern und weiteren Sporthäusern. Das ist der Rest aus der ehemaligen Arcandor Holding, zu der das Versandhaus Quelle, Runners Point und einige andere kleinere Unternehmen gehörten. Nach der Fastpleite vor zwölf Jahren wurde die Belegschaft mit einem Sanierungstarifvertrag zur Kasse gebeten, ohne dass dies durchschlagenden Erfolg gehabt hätte.
Nachdem der US-amerikanische Investor Berggrün die Karstadt-Immobilien in eine eigene Gesellschaft ausgründet, die Filialen ausgequetscht und einen Teil an andere Inverstoren verkauft hatte, zog er sich aus dem verlustbringenden Geschäft zurück und verhökerte Karstadt an die Signa-Gruppe des österreichichen Immobilienspekulanten Benko. Dieser hat dann die restlichen im Eigenbesitz befindlichen Filialen gewinnbringend verkauft.

Wie stehen beide Unternehmen da?
Karstadt hat im letzten Jahr erstmalig seit mehr als zehn Jahren eine Schwarze Null erwirtschaftet. Der Gewinn soll sich auf 1,4 Millionen Euro belaufen haben, und das auch nur, weil eine Rücklage von 18 Millionen Euro aufgelöst wurde. Der Umsatz lag im letzten Jahr bei 2,3 Milliarden Euro. Bei Karstadt arbeiten 15500 Beschäftigte. Mit Inno zusammen hat der Kaufhof im vergangenen Jahr einen Verlust von 100 Millionen Euro erwirtschaftet, bei einem Umsatz von 3,2 Milliarden Euro und etwa 18000 Beschäftigten.
Damit ist klar, dass zwei Unternehmen zusammengelegt werden, die beide große Probleme haben. Der Kaufhof scheint seine Verluste verringern zu können, aber die Häuser in den Niederlanden werden offensichtlich von der Kundschaft gemieden und sollen große Verluste einbringen, sodass in Europa in diesem Jahr insgesamt mit einem Verlust von fast 200 Millionen Euro gerechnet wird. Bei Karstadt wird eher wieder mit einem leichten Verlust, statt mit einer Schwarzen Null gerechnet.
Durch den Zusammenschluss wird Signa 50,1 Prozent und HBC 49,9 Prozent der Anteile am neuen Unternehmen bekommen.
Für Signa besonders interessant ist die Beteiligung an der Immobiliengesellschaft von HBC in gleicher Höhe. Hier wird richtig Geld verdient, weil an den Mieten beliebig gedreht werden kann. Das hat HBC bisher auch bei Kaufhof gemacht, wo die Mieten nach dem Einstieg massiv erhöht wurden. Die Immobilien sind auch der Hauptgrund dafür, dass Benko an HBC 1 Milliarde Euro für die Mehrheit im neuen Unternehmen blechen musste. Da die Gewinne der Immobiliengesellschaft nicht in den Unternehmensbilanzen verbucht werden, sind sie kaum nachvollziehbar.

Was passiert mit den Beschäftigten?
Für die Beschäftigten der beiden Unternehmen brechen mit dem Zusammenschluss wieder einmal schwierige Zeiten an. Über die zukünftige Anzahl der Filialen wird viel spekuliert. Es wird sicherlich wie bisher zu Schließungen kommen, aber in welchem Umfang dies stattfindet, ist noch unklar. So wird bei Karstadt momentan die Schließung einer Filiale in Leipzig betrieben, aber in Berlin wird es eine Neueröffnung geben. Bei Kaufhof sind in den letzten Jahren schon mehrere Filialen geschlossen worden, häufig weil die Vermieter einen deftigen Mietaufschlag durchsetzen wollten.
Viel heftiger werden die Folgen für die Beschäftigten in den beiden Hauptverwaltungen und den Lagern sein, wozu auch das Onlinegeschäft gehört. Ob die in der Öffentlichkeit genannte Zahl von mindestens 5000 Beschäftigten zutrifft, wird die Zukunft zeigen. Da die Fusion noch nicht von den Aufsichtsräten abgesegnet wurde, bleibt für die «Arbeitnehmervertreter» in den beiden Aufsichtsräten die Aufgabe, hier für Regelungen zu streiten, die einen weitgehende Schutz der Beschäftigten vorsehen.
Da das Verhältnis zwischen den «Arbeitnehmervertretungen» der beiden Häuser nicht gerade entspannt ist, hat Ver.di die Aufgabe, das Vorgehen in beiden Aufsichtsräten zu koordinieren. Fast schon mit Selbstverständlichkeit wird in den Medien berichtet, dass jetzt auch die Kaufhofbeschäftigten, genauso wie bei Karstadt, auf Teile ihres tariflichen Anspruchs verzichten sollen.

Was macht Ver.di?
In einem von Ver.di verbreiteten Flugblatt, das kurz nach Bekanntgabe der Fusion erschien, wird an die «soziale Verantwortung» der Eigentümer, Signa und HBC, appelliert und gefordert, dass beide Unternehmen eigenständig bleiben und beide Gesamtbetriebsräte erhalten bleiben sollen. Ver.di fordert eine breite Beteiligung der Beschäftigten und Betriebsräte an der Neuausrichtung der beiden Unternehmen und eine Standort- und Beschäftigungssicherung; außerdem eine Tarifbindung für beide Unternehmen.
Ob damit die geltenden Tarifverträge des Einzelhandels gemeint sind und diese somit auch bei Karstadt gelten sollen, ist allerdings nicht so richtig klar. Es müsste aber klar gestellt werden, dass sowohl bei Karstadt als auch bei Kaufhof die Tarifverträge des Einzelhandels wieder bzw. weiter zu gelten haben. Wer 1 Milliarde Euro für solch eine Fusion übrig hat, kann auch locker die nicht gerade üppigen Gehälter der Beschäftigten bezahlen.
Im übrigen sollte Ver.di sich die Appelle an die «soziale Verantwortung» der Unternehmer sparen, die auch in der Vergangenheit bewiesen haben, dass bei ihnen die Profitmacherei über allem steht. Sie entziehen den Filialen durch überhöhte Mieten die wirtschaftliche Substanz, diese rutschen dann häufig in die Verlustzone und darauf wird mit Personalabbau und Kosteneinsparungen reagiert. Und wenn das alles nicht reicht, sollen Beschäftigte auf Teile ihres Einkommens verzichten.
Aber auch die Gesamtbetriebsräte beider Unternehmen haben sich in den letzten Jahren nicht als Hort kämpferischer Interessenvertretung erwiesen. Das gilt sowohl für den Gesamtbetriebsrat von Karstadt, der bei den Versuchen von Ver.di, aus dem Sanierungstarifvertrag rauszukommen, eher ein Klotz am Bein war, genauso wie für den Gesamtbetriebsrat von Kaufhof, der nach der Übernahme durch HBC eine ziemlich kritiklose Haltung gegenüber den Entscheidungen der neuen Vorstände eingenommen und damit eine gewisse Mitverantwortung für die Misere von Kaufhof hat.
Mit Co-Managment sind keine Erfolge zu erzielen. Dazu braucht es klare Forderungen und ein kämpferisches Eintreten für diese. Sie liegen auf der Hand:
– Schluss mit dem Sanierungstarifvertrag bei Karstadt – vollständige Anwendung der Tarifverträge des Einzelhandels in beiden Unternehmen;
– eine Standort- und Beschäftigungssicherung muss auch den Kampf gegen schleichenden Personalabbau enthalten – deswegen Kampf um jeden Arbeitsplatz.


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