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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Klasse im Werden

Einige Überlegungen zu den vorliegenden Texten
von Angela Klein

Wenn wir heute mehr Kreszentias hätten, müsste uns die Frage nach dem Klassenbewusstsein nicht umtreiben, da hat Manfred Dietenberger recht.
Es gibt verschiedene Gründe, weshalb sie uns doch umtreibt: Viele Arbeiter wollen keine Arbeiter mehr sein, sondern zählen sich lieber zur unteren Mittelschicht, selbst dann, wenn sie erbärmlich wenig verdienen; das Bewusstsein, über den unmittelbaren Betrieb hinaus zu einer gemeinsamen Klasse zu gehören, hat sich stark verflüchtigt – obwohl das Bewusstsein, dass es ein Unten und ein Oben gibt und dass das ungerecht ist, eher zugenommen hat; die Zahl der Arbeitenden im kapitalistischen Produktionsprozess hat, auf Deutschland bezogen, stark abgenommen, Ausdünnung und Aufsplitterung der Großbetriebe haben die Konzentration und auch die Kampfkraft der Arbeitenden objektiv geschwächt; und schließlich ist «die Arbeiterklasse» für viele, die in gesellschaftlichen Kämpfen aktiv sind, zumal für die Jüngeren, kein Bezugspunkt mehr. Jörg Miehe beschreibt das als Verlust ihrer hegemonialen Rolle.
Trotzdem gibt es unbestreitbar Klassenkampf, gibt es zahllose gesellschaftliche Kämpfe gegen das Kapital, gibt es Errungenschaften und Niederlagen. Wie passt das zu dem Gesagten? Und wer kämpft da, wenn es nicht die Arbeiterklasse ist?
Lidia Cirillo (S.13) unterscheidet zwischen Arbeitern (Proletariern), Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung. In der Alltagssprache – und im Alltagsbewusstsein – werden die Begriffe häufig synonym verwendet, was den Blick auf die Wirklichkeit eher verstellt, als sie aufhellt. Die Unterscheidung ist allerdings wichtig, vor allem die zwischen Arbeitenden und Arbeiterklasse. Auch Jörg Miehe trifft sie, wenngleich er den Begriff Klasse anders definiert, und kommt deshalb bei seinen Berechnungen dazu, dass es 2008 9,8 Millionen Arbeiter in der BRD gab, er aber nur 6,4 Millionen zur Arbeiterklasse zählt.
Laut Cirillo liegt der Unterschied im Kern darin: «Arbeiter» beschreibt eine Person, die zur Mehrwertproduktion beiträgt und manuell tätig ist. Der Begriff «Klasse» umschreibt mehr, hier kommt ein subjektives Moment hinzu, nämlich die Fähigkeit, kollektiv zu handeln und sich in diesem Handeln als Widerpart des Kapitals zu erkennen. Zur Klasse können dann auch solche gehören, die in einem weiteren Sinn zu den Lohnabhängigen zu rechnen sind. Sie gehören aber nicht automatisch dazu, wie die Definition nahelegt: Arbeiterklasse sind alle, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Der Begriff «Bewegung» geht noch einen Schritt weiter und impliziert längerfristige Formen der Organisierung von gesellschaftlichen Interessen.
Der Begriff Klasse ist von allen der unschärfste, eben weil er dieses aktive Moment enthält. Nach dem englischen Historiker E. P. Thompson, auf den sich nicht nur Cirillo, sondern auch etliche andere Marxisten, vor allem aus dem angelsächsischen Bereich berufen, ist Klasse nicht einfach die Summe der Individuen, die eine bestimmte Position im kapitalistischen Produktionsprozess bekleiden, sondern umschreibt ein aktives Verhältnis zur entgegengesetzten Klasse (der Klasse der Kapitalisten): ein Verhältnis der Ausbeutung, des Konflikts, des Kampfs. UND: Klasse beschreibt nicht allein das Verhältnis zur entgegengesetzten Klasse, sondern auch ein Verhältnis zwischen den Mitgliedern derselben Klasse. Ohne Kampf also keine Klasse, aber ohne kollektiven Zusammenhalt auch nicht. Die Tatsache allein, dass Arbeitende im selben Produktionsprozess stehen und vom selben Kapitalisten ausgebeutet werden, macht aus ihnen noch keine Klasse. Zu erklären bleibt dann immer noch, wie, auf welchem Weg die gemeinsame Ausbeutung zu solchen Beziehungen zwischen den Arbeitenden und gegenüber dem Kapitalisten führt, dass sie zur «Klasse» werden.

Die zentrale Rolle der Erfahrung
Den zentralen Zwischenschritt zwischen dem objektiven Sein und dem Klassenbewusstsein sieht Thompson in der konkreten «Erfahrung»: Wie Ausbeutung, Entfremdung, das Verhältnis zu den anderen Kollegen erfahren wird, bestimmt die Herausbildung von Klasse, nicht die Tatsache allein, dass es sie gibt – obwohl sie natürlich Voraussetzung dafür ist, dass sich Klasse bilden kann. Die Vorstellung, dass das gesellschaftliche Sein als solches, unmittelbar, bereits das Bewusstsein prägt, lehnt Thompson ab, das Sein als solches erlaubt ganz unterschiedliche Erfahrungen. Will man nun herausarbeiten, wie Klassenbewusstsein entsteht, bedarf es der konkreten historischen und soziologischen Analyse.
Klasse ist in diesem Verständnis also sowohl ein Verhältnis als auch ein Prozess: Klasse ist keine objektive Gegebenheit, sondern bildet sich heraus, baut sich auf, verändert sich, wird.
Diese Sichtweise ist für die Frage: «Wo findet sich Klassenkampf heute und wie äußert er sich?» höchst wertvoll. Ihr größtes Verdienst ist, dass sie die Frage der Herausbildung von Klassenhandeln und Klassenbewusstsein aus der Zwangsjacke der soziologischen Bestimmungen befreit. Die Klasse bildet sich dann nicht mehr allein im Produktionsbetrieb heraus, sondern in allen Kämpfen, die sich bewusst gegen das Kapital richten. Und das ist so ziemlich überall, da gleichzeitig das Kapital dabei ist, sich systematisch auch noch den letzten Winkel gesellschaftlichen Lebens zu unterwerfen. Zum Klassenkampf gehört also der Kampf gegen RWE im Hambacher Forst ebenso wie der Kampf gegen die Privatisierung von Wohnen, Gesundheit, Energie und Wasser, oder der Kampf gegen die Unterwerfung der öffentlichen Daseinsvorsorge unter Kriterien der privatwirtschaftlichen Rentabilität, oder gegen die Rüstungsindustrie. Die Klasse wird weiblicher und migrantischer, denken wir nur an den diesjährigen 8.März in Spanien, wo die Frauenbewegung die Gewerkschaften, die Hausbesetzer und viele andere soziale Bewegungen hinter sich hergezogen hat.
Die Suche danach, wo sich heute eventuell noch Klassenbewusstsein findet, das mit dem früherer Jahrzehnte vergleichbar wäre, ist dann müßig und eher hinderlich bei der Erkenntnis, wie sich Klassenbewusstsein unter den heutigen Bedingungen artikuliert. Vor lauter Fixierung auf die traditionelle Besetzung eines Begriffs geht da der Blick für das, was sich heute herausbildet, flöten.

Ohne Einheit kein Bewusstsein
Klassenbewusstsein setzt das sich Herausbilden als Klasse voraus. Ohne kollektives Handeln kann es nicht existieren. Es kann aber auch nur existieren, wenn diese Kollektivität über den einzelnen Kampf hinaus anhält und eine regelmäßige Struktur herausbildet, die dem Gift der kapitalistischen Konkurrenz und der neoliberalen oder nationalistischen Propaganda dauerhaft etwas entgegensetzt.
Die erste und wichtigste Zutat für die Herausbildung von Klassenbewusstsein ist das, was Alexandra Willer im Interview auf Seite 5 über den Streik gegen den Personalmangel am Uniklinikum Essen beschreibt: «Es ist möglich, ein Bewusstsein davon zu entwickeln, dass sie [die Beschäftigten an den Krankenhäusern] dieselben Probleme und Gegner haben wie die Beschäftigten der anderen Branchen … Letztlich wird sich auch für die Arbeitenden im Gesundheitswesen erst dann wirklich etwas ändern, wenn sie und die Arbeitenden der anderen Branchen anfangen, gemeinsam zu kämpfen.» Der Kern ist die Herstellung der Einheit im Kampf. Und für die revolutionäre Propaganda bedeutet das, Zusammenhänge herzustellen, wo die kapitalistische Wirklichkeit sie auseinanderreißt.


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