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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 12/2018 |

200 Jahre Karl Marx, Teil 9

Technologie ist nicht neutral
von Manuel Kellner

Karl Marx war dafür, «alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist». Aktuell bleibt auch seine Kritik der kapitalistischen Produktionsweise, die «die Erde und den Arbeiter untergräbt». Immer bereit an allem zu zweifeln, verdient er nicht, zum Säulenheiligen gemacht zu werden. Sein Konzept der Selbstbefreiung der Arbeiterklasse als Mittel universaler Emanzipation bleibt allerdings entscheidender Bestandteil des revolutionären Kampfes für eine weltweite sozialistische Gesellschaft.

Altbekannt ist die Idee, ein Hammer könne dazu dienen, Nägel oder Köpfe einzuschlagen. Die Herstellung eines Hammers an sich wäre demnach nicht zu tadeln. Es kommt drauf an, wie Menschen ihn verwenden. In ähnlichem Sinne schreibt Karl Marx im Kapital zur Maschinerie der modernen Industrie:
«Da also die Maschinerie an sich betrachtet die Arbeitszeit verkürzt, während sie kapitalistisch angewandt den Arbeitstag verlängert, an sich die Arbeit erleichtert, kapitalistisch angewandt ihre Intensität steigert, an sich ein Sieg des Menschen über die Naturkraft ist, kapitalistisch angewandt den Menschen durch die Naturkraft unterjocht, an sich den Reichtum des Produzenten vermehrt, kapitalistisch angewandt ihn verpaupert usw., erklärt der bürgerliche Ökonom einfach, das Ansichbetrachten der Maschinerie beweise haarscharf, dass alle jene handgreiflichen Widersprüche bloßer Schein der gemeinen Wirklichkeit, aber an sich, also auch in der Theorie gar nicht vorhanden sind. Er spart sich so alles weitre Kopfzerbrechen und bürdet seinem Gegner obendrein die Dummheit auf, nicht die kapitalistische Anwendung der Maschinerie zu bekämpfen, sondern die Maschinerie selbst.» (MEW 23:465.)
Wenn die für lohnarbeitenden Menschen in frühkapitalistischer Zeit also zunächst die Maschinen zerschlugen (Maschinenstürmerei), von denen sie sich unmittelbar geknechtet fühlten, dann irrten sie sich in der Bestimmung ihres Feindes. Für höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen, Verkürzung der Arbeitszeit und gegen die Ausbeutung durch die Kapitalisten zu kämpfen, war später Ausdruck eines besseren Verständnisses der Gründe ihrer verzweifelten Lage.
Ohne jeden Zweifel lag der Schwerpunkt der Marxschen Kritik an der kapitalistisch entwickelten Industrie auf ihrer Eigenschaft, den ausgebeuteten Menschen das Leben zur Hölle zu machen. Die Vorstellung, dass die Entwicklung der Produktivkräfte letztlich durch die kapitalistische Produktionsweise gehemmt wird und deren Fesseln gesprengt werden müssen, um sich unter den assoziierten Produzentinnen und Produzenten erst richtig zu entfalten, war ein wichtiger Bestandteil seiner Konzeption.
Doch finden sich bei ihm und seinem Freund Friedrich Engels auch genügend Textstellen, die belegen, dass sie die Despotie der modernen Industrie selbst überwinden wollten, z.B. die folgende: «Wenn der Mensch mit Hilfe der Wissenschaft und des Erfindergenies sich die Naturkräfte unterworfen hat, so rächen diese sich an ihm, indem sie ihn, in dem Maße, wie er sie in seinen Dienst stellt, einem wahren Despotismus unterwerfen, der von aller sozialen Organisation unabhängig ist.» (MEW 18:306.) «Das Reich der Freiheit» lag daher für Marx und Engels «jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion» (MEW 25:828).
Beide schrieben auch immer wieder über die Zerstörung von Wäldern, die Vergiftung von Flüssen und Luft, die ruinöse Ausbeutung von Rohstoffen usw. Bei Marx erscheint die kapitalistisch entwickelte Technologie am wenigsten als neutral im Bereich der Landwirtschaft:
«Und jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit für eine gegebne Zeitfrist zugleich ein Fortschritt im Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit. Je mehr ein Land, wie die Vereinigten Staaten von Nordamerika z.B., von der großen Industrie als dem Hintergrund seiner Entwicklung ausgeht, desto rascher dieser Zerstörungsprozess. Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.» (MEW 23:529–530.)
Die Steigerung der Produktivkräfte war für Marx kein Selbstzweck; sie sollte der Schaffung von möglichst viel freier Zeit dienen, in der die Menschen ihre Fähigkeiten und Anlagen schöpferisch entwickeln. Mit unserem heutigen ökologischen Problembewusstsein ist uns klar, dass die kapitalistische Produktionsweise seitdem viele Produktlinien und Technologien hervorgebracht hat, die Menschen und Natur zerstören. Eine befreite Gesellschaft der weltweit assoziierten Produzenten muss nicht nur auf offensichtlich überflüssige und zerstörerische Produktionen verzichten (deren es sehr viele gibt, angefangen mit der Waffenproduktion), sondern auch auf so manche mögliche Steigerung der Arbeitsproduktivität z.B. durch besonders energieintensive Produktionsverfahren und land­wirtschaftliche Monokulturen. Wie schon zu Zeiten von Marx kommt dem Kampf um Arbeitszeitverkürzung ohne Lohneinbußen besondere Bedeutung zu, ergänzt um die Forderung nach der Konversion vieler Produktionen im Sinne ökologischer Verantwortlichkeit.

In Teil 8 (in SoZ 11/2018) ging es um Krise und Zusammenbruch. – Hiermit endet die Serie 200 Jahre Karl Marx. Der Marxsche Internationalismus wurde in einem eigenen längeren Beitrag behandelt (in SoZ 5/2018).


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