Lohnerhöhungen in Ungarn


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2019/03/lohnerhoehungen-in-ungarn/
Veröffentlichung: 01. März 2019
Ressorts: Arbeitskämpfe, Arbeitswelt, Europa, Industrie

Streik in Györ – Produktionsstopp in Ingolstadt
von Marika Varga*

Ende Januar sorgte ein Streik bei Audi im ungarischen Györ erst für viel Aufsehen und dann für eine satte Lohnerhöhung von 18 Prozent.
Der für die Dauer von einer Woche geplante Streik führte bereits nach wenigen Tagen dazu, dass auch am Audi-Stammsitz in Ingolstadt die Produktion eingestellt werden musste, weil die Motoren aus Györ fehlten. Die IG Metall und die Betriebsräte aus Deutschland hatten sich mit den Kollegen in Ungarn solidarisiert. In Györ führte der Streik am Tag 6 schließlich zum Ergebnis und wurde beendet. Der Audi-Streik wurde damit zum vorläufigen Höhepunkt in einer Reihe von Entwicklungen in Ungarn und Mittel-Osteuropa (MOE).
Nach der Wende gab es Streiks in der ungarischen Automobilindustrie nur sehr vereinzelt. Seit etwa 2016 lässt sich in Ungarn und anderen MOE-Ländern beobachten, dass die Enttäuschung über die noch immer großen Lohnunterschiede gegenüber den westeuropäischen Standorten zugenommen hat. Die tschechischen Gewerkschaften starteten eine Kampagne, der EGB und die europäische Industrieföderation Industrie All European Trade Union griffen das Thema auf und führten ebenfalls öffentliche Kampagnen. Aber auch rechte Parteien nahmen sich des Themas an und gründeten die Europäische Bürgerinitiative «wage gap». Die Forderungen richteten sich im allgemeinen an die Politik: Anhebung der Mindestlöhne, Wiederherstellung der Konsultationsgremien auf Regierungsebene unter Beteiligung der Gewerkschaften, Aufhebung der Einschränkungen der Tarifautonomie infolge der Austeritätsprogramme, etc.
In Ungarn tun sich inzwischen auch andere Wege auf, Lohnerhöhungen durchzusetzen: gewerkschaftliche Organisierung und notfalls Streik. Die unabhängige Betriebsgewerkschaft bei Audi in Györ (AHFSZ) hat 2016 erstmals ein Streikkomitee gegründet. Damit beginnt eine siebentägige Frist, in der verhandelt wird, aber auch Warnstreiks stattfinden können. Erst danach ist ein längerer oder gar unbefristeter Streik möglich. 2016 kam es bei Audi zu einem guten Abschluss – ohne Warnstreik.
Im gleichen Jahr haben die Grundorganisationen der Branchengewerkschaft Vasas bei Autoliv, Schaeffler und Mercedes-Benz an den ungarischen Standorten Warnstreiks durchgeführt, im Jahr 2017 dann die AHFSZ bei Audi. Einige Monate später kam es im slowakischen VW-Werk Bratislava zu einem mehrtägigen Streik. Im Herbst 2018 fanden bei Mercedes-Benz im ungarischen Kecskemét erneut Lohnverhandlungen statt. Hier hatte die Vasas-Grundorganisation erstmals eine Verhandlungskommission gebildet, die Forderungen im Vorfeld mit den Vertrauensleuten diskutiert und Flugblätter am Tor verteilt. Dies führte zu einem Abschluß von 22 Prozent.
Bei Audi in Györ zeigte sich der Arbeitgeber zunächst wenig verhandlungsbereit. Generell liegen die Audi-Löhne in Györ ein wenig über dem ungarischen Durchschnitt, während sich die bei Mercedes in Kecskemét eher im ungarischen Durchschnitt befanden. Im Januar 2019 hat Audi der Gewerkschaft ein Angebot gemacht, die Löhne 2019 und 2020 um jeweils 10 Prozent zu erhöhen. Dies wäre für die AHFSZ eine absolute Niederlage gewesen, angesichts der 22 Prozent bei Mercedes. Die AHFSZ hatte im Januar etwa 9000 der 13000 Beschäftigten organisiert, nach dem Streik sind es einige Hundert mehr.
Im Dezember und Januar fanden zahlreiche gewerkschaftliche Proteste gegen die Flexibilisierung der Arbeitszeit in ganz Ungarn statt. An diesen Protesten hat sich die AHFSZ von Januar an nicht mehr beteiligt. Dabei wurde sehr viel über Generalstreik diskutiert und in der Öffentlichkeit stieg die Sympathie für das Instrument Streik. All diese Faktoren trugen dazu bei, dass der Streik der AHFSZ stattfinden konnte. Sie hat was Gutes daraus gemacht. Die Vasas-Grundorganisationen bei den Zulieferern wollen sich jetzt auch organisieren und höhere Löhne durchsetzen.

* Die Autorin arbeitet für die Internationale Abteilung der IG Metall in Frankfurt am Main.