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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Richard Zach (1919–1943)

Ein verkannter österreichischer Dichter und Antifaschist
von Angela Klein

«Werde ein guter Bürger, mein Sohn.
Glaube an Volk und Tradition.
Und eines lass Dir ewiglich raten:
Du, wage es nie, mit dem Staate zu raufen.
So saufe doch, saufe, Du must Dich besaufen,
wenn es auch Deine Ahnen taten.
Glaub’ ja nicht den Schwindel vom freien Schaffen.
Knie nieder und bete zum Paragrafen.
Dreh weg dich vom Neuen mit lautem Entsetzen
und glaube den alten, den starken Gesetzen.»

Dieses Gedicht schrieb Richard Zach, geboren in Graz im Jahr 1919, als 13jähriger Hauptschüler. Das Gedicht hat noch vier weitere Strophen, die alle die Aufforderung zum Katzbuckeln aufs Korn nehmen.
Zach entstammte einer armen Familie von Fassbindern. Die Mutter starb früh, über den Vater wird nichts ausgesagt, der Bub kommt zur Tante, sein Bruder zum Großvater. 14jährig beginnt er eine Lehrerausbildung, wo er kommunistische und sozialistische Mitschüler kennenlernt. Sie gründen eine Untergruppe des christlich-sozialen «Jugendfreiheitsbunds», der schon damals halblegal ist; sie wandeln ihn später in den «Studentenarbeiterbund» um. Das war 1936.
Österreich 1936, das ist die austrofaschistische Diktatur Schuschnigg und die Ausschaltung jeglicher politischen Opposition. Es ist auch die wachsende Unterwanderung des «Ständestaats» durch die Nazis, die zielstrebig daraufhin arbeiten, den österreichischen Staat unter ihre Kontrolle zu bekommen und den Anschluss an das Deutsche Reich vorzubereiten.
Dass für einen «Jugend­freiheitsbund» damals die antifaschistische Arbeit an erster Stelle steht, versteht sich von selbst. Unter dem Deckmantel des Bundes baut Zach ein Widerstandsnetz auf, das zeitweise bis zu 50 Mitstreiterinnen und Mitstreiter zählt. Ihre Hauptaktivität besteht in der Verbreitung alternativer Nachrichten, basierend auf Meldungen ausländischer Radiosender, und Analysen zur aktuellen Lage; ihre Flugblätter erreichen eine Auflage von 150 Stück.
Um seine subversive Arbeit zu schützen, trat Zach dem NS-Lehrerbund, später auch der Hitlerjugend bei, für die er als Pressereferent arbeitete. Als er 1940 zum Überfall auf Polen eingezogen wurde, sorgte er alsbald für einen Skiunfall, der ihn ein Jahre lang ans Bett im Spital fesselte. Von hier aus organisierte er fleißig weiter die Untergrundarbeit, wurde nach der Entlassung «dienstuntauglich» geschrieben und konnte wieder als Lehrer arbeiten.
All diese Tätigkeit hat Zach mit dem Schreiben von Gedichten begleitet, sie geben Einblick in die Gemütsverfassung eines jungen Mannes, der sich ständig auf der Rasierklinge bewegt, sich der Gefährlichkeit seines Tuns absolut bewusst ist und dennoch bis zum Schluss das Leben liebt.

«Ich lebte gut in meiner Welt,
entbehrte weder Gut noch Geld,
war nicht verrückt vor Liebesschmerz,
trug keinen stillen Gram im Herz,
vergrub mich kaum in Wahngedanken,
litt auch an keiner Sucht zu zanken,
erträumte nie ein Herrschertum,
in Eitelkeit und lautem Ruhm,
empfing für meine Arbeit Lob –
warum ich dennoch mich erhob?
Weil ich auf allen Lorbeer pfeife,
wenn Sklaven sich in Qualen winden!
Weil ich es einfach nicht begreife,
dass jene sich zu Tode schinden,
nur um den reichen Tagedieben,
reich durch den Schweiß von tausend Armen,
zur Fron getrieben ohn’ Erbarmen,
noch mehr Genüsse zuzuschieben!
Weil mich ein jedes Lied erwürgt,
wenn es nur solche Töne singt,
von denen die Zensur verbürgt,
dass keiner hell nach Wahrheit klingt.
Weil mir ein jeder Bissen Brot
in meiner Kehle stecken bleibt,
wenn überall die Willkür droht
und schamlos die Gesetze schreibt.
Denn eher leb’ ich ohne Brot
als ohne Recht auf freies Wort!
Und lieber schinde ich mich tot
als Trug zu fressen fort und fort!
Ich möchte Mensch sein unter gleichen,
dem niemand seine Rechte strich,
in Hirn und Herz das Freiheitszeichen!
Darum, darum erhob ich mich!»

Alle Tarnung nutzte am Ende nichts. Die Gruppe flog auf und Zach wurde am 31.Oktober 1941 verhaftet. Seine literarische Tätigkeit intensivierte sich, seine Gedichte brachte er als Kassiber auf den Weg nach draußen. Bis zu seiner Hinrichtung am 27.Januar 1943 in Berlin verfasste er noch über 600 Gedichte. Sie wurden bei CLIO Graz im Jahr 2017 unter dem Titel Richard Zach. Den anderen Weg gegangen veröffentlicht. Dass sie nicht in Vergessenheit gerieten, ist vor allem seinem Bruder zu verdanken, der bis zu seinem Tod 2001 jede Zeile von Richard gesammelt hat.
Immer wieder gibt es Versuche, das Werk von Richard Zach präsent zu halten. Einen davon hat Dieter Braeg mit seinem Sprechstück Wir wissen wofür. Leben und Werk des österreichischen Widerstandskämpfers Richard Zach unternommen. Es präsentiert auf 36 Seiten sowohl Gedichte als auch biografische Angaben und Originaldokumente und ist bei der Buchmacherei in Berlin gegen 6 Euro plus Portokosten zu haben.
Bis zum Schluss blieb Zach «ganz ruhig», wie er am Tag der Hinrichtung seiner Frau Herma schrieb. Noch eines seiner letzten Gedichte verströmt diese kolossale Souveränität:

«Zählt mich immer zu den Enterbten,
zu den frechen Gesetzesverächtern,
weil ich es wagte, zu fluchen den Knechtern.
Bessere finden sich bei den Verderbten
als unter eurem geheiligten Kreis
privilegierter Titelbesitzer!
Hinter der Würde, dem Stolz, dem Geglitzer
steckt doch die Angst nur, um jeglichen Preis
das gestohlene Gut zu erhalten,
die ermeuchelte Macht zu festen.
Lüge sind die großartigen Gesten.
Die gepflegten Finger umkrallen
einzig den Raub. Ihr seid ärger befleckt
als die Verbrecher, die vielfach verfluchten.
Zählt mich ruhig zu den Verruchten.
Maß bleibt für mich doch, was in mir sich reckt.»


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