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Agnès Varda (1928–2019)

Zum letzten Film und ihren Werken
Paul B. Kleiser

Am 29.März ist die belgisch-französische Fotografin und Filmemacherin Agnès Varda in betagtem Alter gestorben. Bis zuletzt war sie als Regisseurin, aber auch als bildende Künstlerin aktiv; ihr letzter Film Varda par Agnès wurde auf der Berlinale uraufgeführt und soll bald in die Kinos kommen.
Die Familie von Agnès Varda floh 1940 vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in Belgien nach Sète am Mittelmeer und überlebte dort den Krieg. Agnès studierte in Paris an der Hochschule der Schönen Künste Fotografie, danach Kunstgeschichte an der Schule des Louvre. 1948 fotografierte sie erstmals auf dem Festival von Avignon und wurde dann die offizielle Fotografin dieses Festivals; besonders ihre Bilder vom Schauspieler Gérard Philipe wurden berühmt.
Agnès Varda war eine der Pionierinnen der Nouvelle Vague, manche nannten sie auch die «Jeanne d’Arc der Kamera». Man kann ihren ersten Langfilm, La Pointe courte (nicht in Deutschland gezeigt), von 1955 als erstes Werk dieser Strömung ansehen, zu der etwas später Filmemacher wie Truffaut, Godard, Chabrol, Resnais, Rivette, Louis Malle usw. hinzutraten. Der Film spielt in ihrer «zweiten Heimatstadt», Sète. Der Begründer der Filmzeitschrift Cahiers du cinéma, André Bazin, rühmte schon damals den neuen Geist ihres ersten Films; die Hauptrollen spielten Philippe Noiret und Silvia Monfort, die später bedeutende Filmschauspieler wurden. Das war immerhin vier Jahre vor Truffauts Debutfilm Sie küssten und sie schlugen ihn und Alain Resnais Hiroshima mon amour, die beide 1959 in die Kinos kamen.
In einem Interview mit Le Monde sagte Varda 1962 über ihre Überlegungen und Vorgehensweise: «1954 war ich Theaterfotografin und kannte das Kino kaum. Ich glaubte aber, dass viele der ‹literarischen Revolutionen› keine Entsprechung auf der Leinwand hatten. Bei meinen Recherchen habe ich mich von Brecht und Faulkner inspirieren lassen; ich versuchte, die Erzählung zu unterbrechen, einen Ton zu finden, der gleichzeitig objektiv und subjektiv war, um dem Zuschauer die Freiheit der Teilnahme und des Urteils zu lassen.»
Zwei ihrer besten Filme, nämlich Cléo von 5 bis 7 (1962) und Vogelfrei (1985, mit der fantastischen Sandrine Bonnaire), waren kürzlich wieder in schön restaurierten Fassungen auf Arte zu sehen. Da sie nicht bereit war, künstlerische Kompromisse einzugehen, musste sie ihre Filme fast immer mit geringen Mitteln – und deshalb mit großer Freude an neuen Ideen und jungen Schauspielern gestalten.
In den frühen 1960er Jahren heiratete sie den Regisseur Jacques Demy, mit dem sie einen Sohn hatte. Demy ist vor allem durch Die blonde Sünderin (mit Jeanne Moreau) und dem musicalartigen Tanzfilm Die Regenschirme von Cherbourg bekannt geworden, der Catherine Deneuve auf den Filmfestspielen von Cannes den Durchbruch brachte. Demy schrieb an einem Drehbuch über seine Kindheit, als er 1990 starb – die Arbeiten am Drehbuch und Film wurden dann zum Stoff für Vardas Film Jacquot de Nantes, auch eine Art Liebeserklärung an ihren Mann.
Im Hinblick auf ihren ersten großen Erfolg, Cléo von 5 bis 7, sprach sie von einem «subjektiven Dokumentarfilm». Die junge Cléo (Corinne Marchand) wartet auf die Ergebnisse einer medizinischen Untersuchung, weil sie befürchtet, Krebs zu haben. In der Zwischenzeit wandert sie durch Paris, geht in ein Hutgeschäft und in ein Café und trifft sich mit Bekannten. In kleinen Rollen treten viele bekannte Gesichter auf: So geben Jean-Luc Godard und seine damalige Freundin Anna Karina ein recht komisches Gastspiel. Und immer wieder wird die verstreichende Zeit eingeblendet. Mehr noch als ein Film über eine junge Frau in Angst ist es ein Film über Paris; wer das damalige Aussehen der Stadt und ihren «Zeitgeist» sehen möchte, kommt an Vardas Film nicht vorbei.
Auf Cléo folgte Le Bonheur (Das Glück), die Geschichte eines verheirateten Mannes, der gleichzeitig eine Beziehung zu seiner Maitresse pflegt. Es geht um die Glücksansprüche in der bürgerlichen Gesellschaft und wie sie von Männern und Frauen unterschiedlich erlebt und gesehen werden. Die Familie Drouot spielte die meisten Rollen.
Nach der Bewegung von 1968, die sie vor allem in den USA erlebte, wo sie die Filme Black Panthers und Lions Love drehte, wandte sich Varda noch deutlicher dem Feminismus zu; sie unterschrieb das «Manifest der 343», das die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs verlangte. Die Rolle der Frauen der 1960er und 1970er Jahre reflektierte sie in Die eine singt, die andere nicht (mit Thérèse Liotard).
In Vogelfrei spielt Sandrine Bonnaire eine Streunerin, die durch das kalte Südfrankreich zieht und versucht, etwas zu essen und ein Dach über den Kopf zu bekommen. Es ist ein Film über Not und soziale Ausgrenzung im Zeitalter des beginnenden Neoliberalismus, der für die Protagonistin mit dem Tod durch Erfrieren in einer Kuhle endet. Gleichzeitig finden sich im Film bereits Partien über das Absterben der Bäume und die heraufziehende ökologische Krise. Varda hatte immer einen starken Sinn für die Widersprüche und Opfer des kapitalistischen Modernisierungsprozesses.


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