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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2019 |

Den Lehrerinnen und Lehrern reicht es

Über 70 Prozent in Polen streiken
Gespräch mit Urszula Frey

Die Lehrer sind recht geduldig, das letzte Mal haben sie 1993 gestreikt. Sie sind es gewohnt, dass sie zu den Geringverdienern gehören. 2009 gab es eine Lohnerhöhung, aber die Inflation hat sie längst aufgefressen. Als die PiS im Angesicht der diesjährigen Europa-und Parlamentswahlen Geschenke verteilte, gehörten die 700.000 Lehrer nicht dazu, schließlich zählen sie nicht zu den potenziellen PiS-Wählern. Zu potentiellen PiS Wählern gehören aber die 9 Millionen Rentner, die in diesem Jahr bereits eine 13. Rente ausbezahlt bekommen haben. Nach der Regierungsübernahme 2015 gab es ab dem zweiten Kind außerdem 500 Zloty. Jetzt gibt es auch schon für das erste Kind 500 Zloty.

Urszula Frey unterrichtet seit 21 Jahren an einer Sonderschule und hat dementsprechende Zusatzqualifikationen wie etwa Pädagogik für Kinder mit Autismus, Asperger, Montessori-Pädagogik, u.a. Sie ist Mitglied der Gewerkschaft der Polnischen Lehrer (ZNP). Die ZNP ist die größte Lehrergewerkschaft, sie ist bei den Konservativen als links, ja gar als kommunistisch verschrien, es gibt sie mit kurzen Unterbrechungen (durch Krieg und Kriegsrecht) seit 1905, und sie war auch zu Zeiten der Volksrepublik aktiv. Mit Urszula sprach Norbert Kollenda für die SoZ.

Am 8.April sind 500.000 LehrerInnen in den Streik getreten. Ist die Forderung nach Lohnerhöhung die einzige Ursache dafür?

Nein, wir haben fünf Forderungen an unseren Arbeitgeber gerichtet, Lohnerhöhung ist eine davon.

Eine andere Forderung betrifft den Berufsaufstieg. Anfänger verdienen weniger als den landesüblichen Mindestlohn – 40 Prozent weniger als Unqualifizierte in Supermärkten. Vor allem in den größeren Städten können sie ihren Lebensunterhalt damit nicht bestreiten. Der nächste Berufsaufstieg ist erst nach sechs Jahren möglich. Viele Bereiche haben schon Lohnerhöhungen erhalten: die Ärzte, die Sozialarbeiter, die Soldaten – diese sogar dreimal – und die Polizisten, alle haben sie mehr Lohn erhalten. Deswegen ist uns dieser Punkt wichtig.
Eine weitere Forderung betrifft die Verringerung der bürokratischen Aufgaben. Die Dokumentation erstickt uns förmlich. Wir wollen das Gute für den Schüler im Auge behalten, aber jetzt müssen wir unser Augenmerk ständig auf die Dokumentation richten, so dass wir die Schüler aus den Augen verlieren.

Wenn ich mir die Karte ansehe, wieviel Prozent in den einzelnen Regionen streiken, frage ich mich: Geht es hier um Beschäftigte oder Einrichtungen?

Es geht um Einrichtungen – Schulen und Kindergärten. Im allgemeinen streiken alle. Wenn wir hier in Zabrze von 85 Prozent sprechen, so handelt es sich bei den restlichen 15 Prozent um nichtöffentliche Einrichtungen – also kirchliche und private Schulen. Ansonsten streiken hier alle, außer den Katecheten und Priester, denen hat die Kirche verboten zu streiken, denn sie hätte eine «missio», einen Verkündigungsauftrag der Kirche zu erfüllen, und dabei spielt Geld keine Rolle.

Das bedeutet also, dass bei euch 100 Prozent der Lehrer an den staat­li­chen/ öffentlichen Schulen im Streik sind?

Ja, so kann man es sagen. Aber das betrifft unsere Region. Im Osten sind es weniger. Sie haben den Termin im Januar verpasst, um die notwendigen Prozeduren anzugehen. Deshalb können sie nicht aktiv am Streik teilnehmen, aber sie bringen auf unterschiedliche Weise ihre Solidarität zum Ausdruck.

Wieviele Gewerkschaften gibt es im Bildungswesen?

Die Solidarnosc, die ZNP und das Forum der Gewerkschaften (FZZ). Die ZNP ist die größte Lehrergewerkschaft. An unserer Schule gehören ihr 40 Prozent an, andere sind in der Solidarnosc oder gar nicht gewerkschaftlich organisiert. Aber am Streik nehmen alle teil.

Bei euch streiken also auch Mitglieder der Solidarnosc, grundsätzlich tun diese das aber nicht?

Nein, nein, das eine ist die Zentrale, das andere die Basis. Die Zentrale hat nämlich mit der Regierung ein Abkommen unterzeichnet, womit die Basis nicht einverstanden ist und deshalb Arm in Arm mit uns streikt. Es werden Stimmen laut, Ryszard Proksy, den Vorsitzenden der Solidarnosc für den Bereich Bildungswesen abzusetzen, weil er als PiS-Abgeordneter nicht die Interessen seiner Gewerkschafter vertritt.

Du sprichst von dem Abkommen, das am 7.April mit Beata Szydlo, der ehemaligen Ministerpräsidenten, als Verhandlungsführerin der Regierung getroffen wurde?

Ja genau. Das war der Anlass für einige, sofort ihre Mitgliedsausweise der Solidarnosc zurückzugeben. Das Abkommen sieht nicht 30, sondern rund 9 Prozent Lohnerhöhung vor, und es spricht zwar allgemein von einer Verringerung der Dokumentation, sagt aber nichts konkretes. Darüber hinaus hat Szydlo eine Erhöhung der Stundenzahl an der Tafel von 18 auf 24 Stunden ins Spiel gebracht, was allein mathematisch bei 30 Prozent Lohnerhöhung eine Null wäre. Die Folge wäre, dass 20 Prozent der Lehrer entlassen würden. Dabei ist durch die Schulreform schon ein großer Teil von Lehrern entlassen worden.
Die ZNP und das FZZ betrachten dieses «Angebot» der Regierung als eine Farce, die nur dazu dient, in der Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken, als seien die Gewerkschaften nicht bereit zu verhandeln.

Wie lange wird der Streik dauern?

Die Leute sind sehr entschlossen, aber wir haben nur ein begrenztes Budget. Ein Termin sind die Abiturprüfungen, dazu brauchen sie die entsprechenden Lehrer, um eine Zensurenkonferenz durchzuführen. Im Augenblick werden die Abschlussarbeiten in der Mittelschule (Gymnasium) von Katecheten, Priestern, Nonnen und Soldaten beaufsichtigt, die dafür eine Qualifikation haben. Ein Priester erhält vom Staat für drei Tage Aufsicht 1000 Zloty. Aber Priester und Soldaten können keine Abiturprüfungen durchführen.

Wie sieht die Unterstützung durch die Gesellschaft aus?

Sehr unterschiedlich, denn wir nehmen die Kinder nicht in der Schule auf. Natürlich sind dadurch viele Eltern genervt, vor allem wenn sie noch junge Kinder haben, die sie nicht allein zu Hause lassen können. Gestern hat mich eine Mutter von drei Schulkindern angemacht. Ihnen wird im staatlichen Fernsehen alles mögliche erzählt, es werden die Bruttoverdienste angegeben, dann wird so getan, als ob die 18 Stunden vor der Klasse die einzige Arbeitszeit wäre, keine Weiter- und Fortbildung nötig wären, die Ferienzeit nur Urlaub für uns wäre – so wird Stimmung gemacht. Wer sich kein eigenes Urteil bilden kann oder will, fällt darauf rein.
Aber wir bekommen auch viel moralische Unterstützung. Auch unsere Schüler und deren Eltern unterstützen uns. Denn die Leute wissen, dass vor allem die jungen Lehrer nicht in der Lage sind, von diesem Geld zu leben. Bei mir ist es etwas anders. Nach 21 Jahren im Schuldienst habe ich verschiedene Zulagen.

Gibt es auch für die Kinder der Sonderschule keine Möglichkeit der Aufsicht?

Bei uns sind es von 100 Kindern nur 6, die eine Betreuung brauchen. Da unsere Direktorin nicht streiken darf, beschäftigt sie sich mit den sechs Kindern. Aber es gibt Schulen, die vollkommen geschlossen sind und diese Möglichkeit nicht bieten, dazu gibt es natürlich unterschiedliche Ansichten in der Gesellschaft.


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