Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2019 > 05 > Friedensbedingungen von Versailles

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2019 |

Friedensbedingungen von Versailles

Die Linke und die deutsche nationale Empörung 1919-1923
von Manuel Kellner

Die revolutionäre Linke, voran die Bolschewiki, waren für „Frieden ohne Annexionen und Kontributionen“. Weil es sich von beiden Seiten her um einen imperialistischen Krieg handelte. Weil die Einverleibung von Gebieten und das Eintreiben von Beute den Keim des nächsten Kriegs in sich tragen, Revanchismus und Nationalismus befeuern. Was Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg betrifft, so ist das mit den Bestimmungen der Versailler Friedensbedingungen bekanntlich prächtig gelungen.

Die deutsche Regierung war nicht konsultiert worden. Am 7. Mai 1919 wurde ihr mitgeteilt, was die Konferenz der Siegermächte – führend unter ihnen die Präsidenten bzw. Regierungschefs der USA (Woodrow Wilson), Großbritanniens (Lloyd George) und Frankreichs (Georges Clemenceau) – beschlossen hatte: Für Deutschland Zuweisung der Alleinschuld und damit begründet Gebietsverluste, Souveränitätsbeschränkungen, horrende Reparationen.

Deutschland wurden nicht nur alle Kolonien genommen, sondern auch 13 Prozent seines Territoriums (zehn Prozent seiner Bevölkerung), damit siebzehn Prozent seiner Kartoffelernte und 13 Prozent seiner Weizenernte. Das von Wilson proklamierte nationale „Selbstbestimmungsrecht“ galt für die Deutschen nicht. Das deutsche Heer sollte auf höchstens 100.000 Mann, die Marine auf 25.000 verkleinert werden. Rund 300.000 Reichswehrsoldaten und Freikorpsleute standen damit vor der Demobilisierung.

Reichstag stimmt zu

Am 23. Juni 1919 stimmte eine große Mehrheit im Reichstag für die Annahme der Friedensbedingungen von Versailles. Am 28. Juni wurden sie in Versailles unterzeichnet, am 18. Januar 1920 traten sie in Kraft. Die Oberste Heeresleitung selbst – durch General Groener, der Hindenburg unterstand – hatte dem SPD-Reichspräsidenten Ebert auf dessen Anfrage hin mitgeteilt, der Friede müsse „unter den vom Feinde gestellten Bedingungen angenommen“ werden. Ein militärischer Widerstand sei nicht möglich. Das hinderte Hindenburg nicht daran, zum ersten Verkünder der Dolchstoßlegende zu werden und der Arbeiterbewegung einschließlich der SPD die Schuld an der Niederlage im Krieg in die Schuhe zu schieben.

Im Sommer 1919 betrug die Staatsverschuldung Deutschlands 153 Milliarden Mark. Bis Mai 1921 sollten vorab Reparationen im Wert von 20 Mrd. Goldmark (damals die Verrechnungseinheit, eine Goldmark entsprach dabei 0,36 Gramm Feingold) bezahlt werden. Am 29. Januar 1921 forderten die Alliierten dann 226 Mrd. Goldmark ab dem 1. Mai 1921, verteilt auf 42 Jahre, dazu jeweils 12 Prozent des Werts der deutschen Exporte. Empfänger sollten Frankreich (52%), England (22%), Italien (10%), Belgien (8%) und die übrigen kleineren Staaten (8%) sein.

Der deutsche Regierungschef Fehrenbach erklärte, das gehe nicht. Deutschland schlug alternativ 50 Mrd. Goldmark vor. Das lehnten die Siegermächte ab. Sie hatten sich vorbehalten, bei Nichterfüllung der Forderungen mit alliierten bzw. französischen Truppen Teile des Industriegebiets an Rhein und Ruhr zu besetzen. Am 8. März 1921 wurden die „Sanktionsstädte“ Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort tatsächlich militärisch besetzt.

Nationalbolschewismus

In der jungen deutschen kommunistischen Bewegung, die unter den Bedingungen der Illegalität arbeitete, gab es früh Stimmen, die an die um sich greifende nationale Empörung gegen die Siegermächte anknüpfen wollten. Fritz Wolffheim und Heinrich Laufenberg waren Mitglieder der linken, als syndikalistisch etikettierten Opposition der KPD(S), die den Boykott der Parlamentswahlen, den Austritt aus den Gewerkschaften, den Aufbau von Arbeiter-Unionen und einen „Kommunismus ohne Führer“ verlangte. Schon im Oktober 1918 hatten sie in Hamburg die Parole der Umwandlung der kommenden Revolution in einen „revolutionären Volkskrieg im Bündnis mit Sowjetrussland gegen die Imperialisten der Entente“ ausgegeben. Im Mai 1919 brandmarkten sie die anstehende Unterzeichnung des Vertrags von Versailles durch die deutsche Reichsregierung heftig als „Kapitulation vor dem Weltimperialismus“.

Auf dem Kongress der KPD(S) in Heidelberg im Oktober 1919 wurde die linke Opposition mit knapper Mehrheit überstimmt. Ihr gehörten fast die Hälfte der Mitglieder an, und so hatte die von Paul Levi geführte Zentrale der Partei, die sie auszuschließen entschlossen war, ihr liebe Not damit. Doch gelang es letztlich, weil diese Opposition verschiedene Orientierungen in sich barg. Am 3. November 1919 erschien in einem Supplement der Hamburger Kommunistischen Arbeiterzeitung ein Text von Wolffheim und Laufenberg, in dem sie die „Proletarisierung der deutschen Nation“ feststellen und das Bündnis dieser Nation mit der russischen Revolution gegen die alliierten Siegermächte fordern. In einem zweiten Beitrag („Kommunismus gegen Spartakismus“) gehen sie so weit, Paul Levi als „Judas der deutschen Revolution“ zu beschimpfen, da der 1918 mit seiner defätistischen Propaganda die deutsche Front rücklings erdolcht habe.

Die beiden sprachen vom deutschen „Volksganzen“, in dem die Kapitalisten nur eine kleine Minderheit waren. Den Klassenkampf sahen sie als Vorstufe zum „Volkskampf“, der zur sozialistischen Räterepublik führen sollte. Die große Mehrheit der Kommunistinnen und Kommunisten – Opposition oder nicht – war entschieden gegen diese Strömung, deren abschätzige Bezeichnung als „Nationalbolschewismus“ Karl Radek zugeschrieben wird, einem führenden Mitglied der Kommunistischen Internationale, das sich besonders intensiv mit den Fragen der deutschen Revolution beschäftigte. Doch sollte Radek selbst wenige Jahre später zum „nationalbolschewistischen“ Wiedergänger werden.

Ende März 1921 scheiterte die „Märzaktion“ der KPD. Am 2. Mai rückten mit Duldung der Entente polnische Freiwilligenverbände in Oberschlesien ein. Deutsche Freiwillige schlugen sie zurück. Der Völkerbund, aus dem Deutschland ausgeschlossen war, beschloss, Deutschland habe den östlichen Teil Oberschlesiens an Polen abzutreten – obwohl sich in einer Volksabstimmung 60% für den Verbleib in Deutschland ausgesprochen hatten.

Am 4. Mai 1921 trat die Regierung Fehrenbach zurück. Am 5. Mai verlangten die Alliierten die Annahme ihrer auf 132 Mrd. Mark reduzierten Forderungen, dazu kamen ca. 2 Mrd. Mark „Zins und Tilgung“ pro Jahr sowie 26% des Werts der deutschen Exporte jährlich. Widrigenfalls werde ab dem 12. Mai das Ruhrgebiet besetzt. Bis zum August 1922 zogen sich die Verhandlungen um Zahlungsaufschübe und Ersetzung von Geld- durch Sachleistungen hin. Im April 1922 hatte der Rapallo-Vertrag mit Sowjetrussland gezeigt, dass es auch anders geht: Gegenseitiger Verzicht auf Entschädigungen für Kriegsschäden und Enteignungen. Die ebenfalls vereinbarten Handelsbeziehungen nach dem Prinzip der „Meistbegünstigung“ waren aber auch eine Herausforderung an die Adresse der Westmächte.

Schlageter-Affäre

Im August 1922 verzichteten die Alliierten „vorläufig“ auf Geldforderungen an Deutschland. Dafür sollten entsprechende Mengen an Kohle und Holz geliefert werden. Deutschland kam dieser Forderung nicht nach. Am 11. Januar 1923 marschierten fünf französische Divisionen und eine belgische Division in Essen und Gelsenkirchen ein. Die Stärke der Invasionstruppen erreichte im Lauf der kommende Monate 100.000 Mann. Sie dehnten sich nach Osten über Bochum und Dortmund aus. Unter ihrem Schutz sollte eine französisch-belgisch-italienische Ingenieursgruppe die Kohleförderung kontrollieren.

Die Reichsregierung stellte daraufhin alle Reparationszahlungen ein und wies die Beamten an, jegliche Zusammenarbeit mit den Besatzern zu unterlassen. Am 13. Februar 1923 rief der Reichspräsident Ebert den „passiven Widerstand“ aus. Der Abtransport von Kohle und Holz war alsbald faktisch nicht mehr möglich. Die Besatzer legten alle Zechen still und wiesen 180.000 Leute aus der Region aus. Deren nötig gewordene staatliche Versorgung war letztlich der Tropfen, der das Fass überlaufen ließ zur folgenden Hyperinflation im Juni 1923.

Insgesamt kosteten Besatzung und Widerstand in etwa 140 Tote und 600 Verletzte sowie Schäden für bis zu vier Mrd. Goldmark. Natürlich gab es auch rechtsextremistische Sabotageakte wie Brückensprengungen und Anschläge auf alliierte Militärposten. Die Anzahl ihrer Opfer wird auf mehr als acht geschätzt. Der 29jährige Albert Leo Schlageter, ehemaliger Freikorps, Mitglied der NSdAP und anderer völkischer Verbände, war einer dieser Partisanen. Ein französisches Militärgericht verurteilte ihn zum Tode. Am 26. Mai 1923 wurde er hingerichtet und rasch zum Märtyrer und zur Symbolfigur des rechtsnationalen Widerstands.

Im Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (EKKI) nahm Karl Radek am 21. Juni 1923 darauf Bezug: „Schlageter, der mutige Soldat der Konterrevolution, verdient es, von uns, Soldaten der Revolution, männlich ehrlich gewürdigt zu werden … Wenn die Kreise der deutschen Faschisten, die ehrlich dem deutschen Volke dienen wollen, den Sinn des Geschicks Schlageters nicht verstehen werden, so ist Schlageter umsonst gefallen … Mit wem wollen sie sich verbinden? Mit den russischen Arbeitern und Bauern zur gemeinsamen Abschüttelung des Jochs des Ententekapitals oder mit dem Ententekapital zur Versklavung des deutschen und russischen Volkes?“

In der Folgezeit versuchte die KPD sich als „nationale Kraft“ zu präsentieren und die faschistisch radikalisierten kleinbürgerlichen Massen davon zu überzeugen, dass die deutsche Befreiung aus der Kolonisierung durch die Siegermächte nur auf kommunistischem Weg und gemeinsam mit der russischen Sowjetrepublik möglich sei. Diese Linie, die die NSdAP und andere völkische Verbände zweitweise durchaus beunruhigte, führte bis hin zu Exzessen wie Hakenkreuzen zusammen mit Hammer und Sichel auf Plakaten und auch zu skandalösen Reden von KPD-Mitgliedern, die am aggressiven Antisemitismus anzuknüpfen versuchten, um diesen irgendwie ins Antikapitalistische umzubiegen.

Mit dem offiziellen Ende des „passiven Widerstands “ und der Massenstreikbewegung im August 1923 endete die Wiedergeburt des „Nationalbolschewismus“ so plötzlich, wie sie gekommen war. Die Lehre aus dieser Verwirrung scheint mir, dass auch in einem geschlagenen, schwächeren, von außen bedrückten imperialistischen Land die scharfe Abgrenzung von nationalistischen und völkischen Radikalisierungen nie zugunsten einer Anbiederung aufgegeben werden darf. „Querfront“ darf nicht sein.

So konnten auch damals die kommunistischen Kräfte in der Weimarer Republik nicht gewinnen, indem sie sich als die „radikalsten“ – besser rabiatesten – Feinde von Versailles darzustellen versuchten. Radikal für den Sturz der Kapitalherrschaft im eigenen Land zu sein und gegen jegliche Unterdrückung anderer Länder und ihrer Bevölkerungen zu kämpfen ist eine andere – und sehr viel bessere revolutionäre Sache.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.