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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Zur Diagonale 2019

Das Filmfestival in Graz
von Kurt Hofmann

Die Diagonale 2019, das Festival des österreichischen Films, war eine Mischung aus vertrauten Programmformen und neuen Ansätzen. Wenig schien in diesem Jahrgang von ungefähr zu sein und vieles durchdacht.
Erst kürzlich haben die Angriffe der schwarz-blauen Rechtskoalition auf den ORF, die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt, wieder zugenommen. Ein neues Gesetz soll her, um allfällige Unbotmäßigkeiten künftig schon im Ansatz zu verhindern, die Kontrollgremien des Rundfunks wurden bereits planmäßig umgefärbt, der Druck auf die derzeitige ORF-Führung steigt. In dieser Situation verweist der ORF auf das Paradebeispiel öffentlich-rechtlicher Praxis: Ö1, ein Kultur- und Informationsprogramm. Und wenn es auch zweifellos abseits der rechten Einwürfe genug Anlass zur Kritik am ORF und dessen häufige Anbiederung an das Seichte und Verwechselbare gibt: Ö1 ist mit seinem Mix aus Information, Diskussion, Klassik, Features und innovativen, bisweilen sogar experimentellen Formen ein unverkennbares und zudem werbefreies Gegenbeispiel, wenngleich, da keine «Cashcow», ständig von finanziellen Kürzungen geplagt.

Radio in seiner puren Form ist eine bedrohte Spezies. Deshalb kommt ­Gehört, Gesehen – Ein Radiofilm von Jakob Brossmann und David Paede im wahrsten Sinne des Wortes zur rechten Zeit in die Kinos und wurde bei der Diagonale uraufgeführt.
Zwei Jahre lang waren die Filmemacher mit dabei, wenn auf Ö1 die Sendungen produziert, über Programmlinien diskutiert und wiederholte finanzielle Einschränkungen verarbeitet werden  mussten. Unverwechselbar bleiben, aber dabei alles hinterfragen. Nicht im Glashaus sitzen, aber das Erreichte verteidigen und Argumente dafür finden. Das ist work in progress, vor allem aber ist der Spaß an der Arbeit jederzeit spürbar. Gehört, Gesehen – Ein Radiofilm zeigt, einem  Kaleidoskop gleich, die Vielfalt eines pulsierenden (Kultur-)Senders und wie dieser mit seinem  Publikum – abseits der Quotenüberlegungen – interagiert.

Wo kommen sie her, die Wähler der rechtsextremen Koalitionspartei FPÖ und was treibt sie an? Dieser Frage ist Ulli Gladik in Inland nachgegangen und schon der Titel ihres Filmes hat mit ihren Protagonisten zu tun. Denn alles, was von «draußen» ins Land gekommen ist, und damit meinen die drei Befragten keineswegs nur Flüchtlinge, sondern auch türkisch- oder serbischstämmige ÖsterreicherInnen, die halt nicht «autochthon» sind, wird von ihnen kategorisch abgelehnt. Erkenntnisgewinn konnte man sich von einer Unternehmung wie dieser nicht erwarten, aber die absolute Resistenz der Porträtierten gegenüber Argumenten, die deren wirrem Weltbild widersprechen, ist doch erstaunlich. Wiewohl bei allen Dreien nach dem ersten Halbjahr «ihrer» Regierung Anzeichen von Ernüchterung spürbar sind, bleiben sie doch bei ihrer Passion…
Der unangenehmste Fall ist dabei der Magistratsbeamte Christian, ein ehemaliger SPÖ-Funktionär. Obwohl er selbst einst ein «Ziegelböhm», ein Zuwanderer, war und als Kind ausgegrenzt wurde, findet er für seine türkischstämmigen Kollegen kein gutes Wort. Dabei geht er regelmäßig zum türkischen Friseur, der sei ja viel billiger und zudem besser als die «einheimischen» Haarschneider…
Wenn Inland also erwartungsgemäß keine neuen Erkenntnisse befördert, taugt Gladiks Film doch als Lehrfilm für jene rechten SPÖ-Funktionäre, die davon faseln, man könnte die einstigen  Wähler wieder «zurückholen» von dort, wo sie gelandet sind: ganz rechts.

Besonders bemerkenswert in der Spielfilm-Abteilung ist Peter Brunners To the Night, der US-Independent-Film eines österreichischen Regisseurs.
Norman ist ein Getriebener, der nicht zur Ruhe kommt. Er kann sein Leben nicht zusammensetzen, es fehlen Puzzlesteine der Erinnerung. Bilder eines Brandes tauchen in seinem Kopf auf (es ist der verdrängte Schrecken des Feuers, in dem seine Eltern einst umkamen), werden wieder gelöscht und durch andere Bilder ersetzt, die der intensive Drogenkonsum hervorbringt, kommen wieder. Wir schauen Norman in To the Night in einer ungleichzeitigen Erzählung beim Fallen und dem Versuch wieder aufzustehen zu. Wie er ein guter Vater für seinen kleinen Sohn sein will und wie ihm die Freundin aus guten Gründen das Kind verweigert. Wie er, der Künstler, der Kreative, vom Manischen ins  Depressive verfällt – und retour…
Caleb Landry Jones spielt wie unter  Strom, sein Körper verbiegt sich, ist schon Asche und will wieder Phönix sein. Sein Norman ist fahrig, chaotisch, unberechenbar und gefährlich – letzteres zuvorderst allerdings für sich selbst…
To the Night erinnert bisweilen an die frühen Filme von Cassavetes, doch er hinterlässt eigene, unverwechselbare Spuren.


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