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Frauen am Bauhaus

«…für die Werkstatt nicht geeignet»
von Angela Klein

Das 1919 gegründete Bauhaus hat viele Vorläufer. Seine Besonderheit liegt darin, dass bei ihm nicht nur der Wunsch nach künstlerischer Erneuerung Pate stand, sondern auch die gefühlte Notwendigkeit, «alle Bereiche des Lebens zu reformieren», wie es in der lesenswerten Geschichte des Bauhauses von Magdalena ­Droste heißt.
Teil dieser Aufbruchstimmung war das Drängen der Frauen nach gesellschaftlicher Anerkennung in allen gesellschaftlichen Bereichen. Junge talentierte Frauen, die bis dato nur Zugang zu Kunstgewerbeschulen hatten – und auch das erst seit den 1870er Jahren –, fühlten sich vom Bauhaus angezogen, weil es offen für alle «unabhängig von Geschlecht, Klasse, Nationalität» und – vor allem in den Anfangsjahren – ein gigantisches Experiment war – mit dem Anspruch, «Künstler, Handwerker und Techniker zusammenzubringen, um gemeinsam am Bau einer neuen Zukunft zu arbeiten.» Die «hochmütige Mauer zwischen Künstler und Handwerker» sollte fallen, die Kunst Teil des Alltags werden (Droste).
Ein starker Gemeinschaftsgeist prägte die ersten Bauhausjahre. Vorrangig wurden neue Lehrmethoden entwickelt, mit dem Ziel, Schülerinnen und Schüler zu befähigen zu erleben, zu erkennen, den eigenen Rhythmus zu finden. «Das Wichtigste für alle bleibt die Heranziehung starker, lebendiger Persönlichkeiten», formulierte der Gründer des Bauhauses, Walter Gropius, in einem Brief.
Unter den 150 Schülerinnen und Schülern, die dem Aufruf von Gropius im April 1919 gefolgt waren, machten Frauen fast die Hälfte aus. Vielleicht wäre es so weitergegangen, hätte nicht Gropius um den Ruf seiner Hochschule gebangt und schon im Jahr darauf «scharfe Aussonderung gleich bei der Aufnahme, vor allem bei dem der Zahl nach zu stark vertretenen weiblichen Geschlecht» gefordert. Ferner wurde empfohlen, «keine Experimente» zu machen und die Frauen nach dem Vorkurs gleich in die Weberei zu schicken, auch Töpferei und Buchbinderei seien möglich. 1920 wurde eine speziell «Frauenklasse» eingerichtet, die kurz darauf mit der Handweberei verschmolz und Frauen von der Arbeit in traditionell männlichen Domänen abhalten sollte.
Zu den wenigen, die sich gegen die Widerstände durchsetzen konnten, gehörten Marianne Brandt in der Metallwerkstatt, Marguerite Friedlaender in der ­Keramikwerkstatt und Alma Buscher in der Möbelwerkstatt. Zur Architektur sollten Frauen schon gar nicht zugelassen werden – dennoch konnte eine Handvoll Frauen auch die Architekturklassen besuchen.
Am Ende haben von 1919 bis 1933 432 Frauen das Bauhaus an einem seiner drei Standorte Weimar, Dessau, Berlin besucht – sie stellten rund ein Drittel aller Studierenden. Ein großer Teil davon war großbürgerlicher und jüdischer Herkunft; neun von ihnen kamen im Holocaust ums Leben. Aber auch jene, die nicht verfolgt wurden, hatten es nach der Schließung des Bauhauses durch die Nazis
1933 schwerer als ihre männlichen Kollegen,
in einer neuen Heimat oder im Nachkriegsdeutschland ihre zerstörten Karrieren wiederaufzubauen.
Allen Erschwernissen zum Trotz haben Frauen am Bauhaus Hervorragendes geleistet, ihre Arbeiten wurden erst in jüngster Zeit ­einem breiteren Publikum bekannt gemacht. Dazu zählt das in diesem Jahr ursprünglich auf Englisch erschienene Buch von Patrick Rössler und Elizabeth Otto, Frauen am Bauhaus. Wegweisende Künstlerinnen der Moderne; es stellt 45 dieser Frauen und ihre Werke vor.

Gunta Stölzl, deren Urgroßvater selbst Webermeister und deren Vater Reformpädagoge gewesen war, war die einzige Frau, die am Bauhaus eine vollwertige Führungsposition als Meisterin erlangte. Sie führte die Weberei zum industriellen Textildesign der Moderne. Stölzls Kommilitonin Anni Albers erinnerte sich später: «Zu Beginn lernten wir überhaupt nichts. Ich habe viel von Gunta gelernt, die ein großartige Lehrerin war. Wir saßen da und haben es einfach probiert.»
Für Gunta wie für viele andere Weberinnen wurde Paul Klee, der 1921 zum Bauhaus kam und dort Bildnerische Formenlehre unterrichtete, zum wichtigsten künstlerischen Theorielehrer. Sie ließ die Studentinnen verstärkt mit synthetischen Materialien experimentieren, die auf Eigenschaften wie Flexibilität, Verschleißfestigkeit, Lichtbrechung oder Schallabsorption getestet wurden, und führte Werkstattunterricht, Mathematik und Geometrie in die Lehrpläne ein. Unter ihrer Führung wurden die Stoffe und Prototypen aus der Weberei zu einer der wichtigsten Einnahmequelle der Schule. Dafür wurde sie schlechter entlohnt als ihre männlichen Kollegen und bekam weder einen Rentenanspruch noch einen Professorentitel.
In den letzten Jahren, unter der Leitung von Mies van der Rohe, wurde die eher linksorientierte Gunta zunehmend Opfer von Mobbing durch nazistische Studenten. Da sie von der Bauhausleitung nicht mehr ausreichend Rückendeckung erfuhr, verließ Stölzl das Bauhaus 1931 und ging in die Schweiz. Dort gründete sie zusammen mit anderen Bauhäuslern ein eigenes Unternehmen, wurde aber von Gropius ausgebremst, der ihren größten Kunden an ­Otti Berger vermittelte, die die Leitung der Werkstatt nach Stölzls Weggang übernahm. Stölzl konnte dann eine eigene Handweberei gründen und war vor allem mit der Herstellung von Wandteppichen erfolgreich.

Otti Berger arbeitete eng mit dem Linkssozialisten Hannes Meyer zusammen, der Walter Gropius 1928 in der Bauleitung nachfolgte, und verließ das Bauhaus, als Meyer 1932 durch Mies van der Rohe ersetzt wurde. Bis zum Schluss musste sie mit dem Bauhaus um Verwertungsrechte und Honoraranteile streiten, das Bauhaus blieb ihr 800 Reichsmark schuldig. Sie analysierte und gestaltete Textilien hinsichtlich Struktur, Textur, Faktur und Farbe in engem Bezug zur neuen Architektur; ihr oblag die Verantwortung für die Produktion der Stoffe, mit der die Bundesgewerkschaftsschule, die Hannes Meyer für den ADGB in Bernau baute, ausgestattet werden sollte.
Nach 1933 machte sie sich selbständig. Noch 1934 erhielt sie ein Reichspatent für Möbelstoffdoppelgewebe, doch 1936 wurde ihre Aufnahme in die Reichskammer der bildenden Künste abgelehnt. Sie hätte die Möglichkeit gehabt, in die USA auszuwandern, besuchte zuvor jedoch noch ihre erkrankte Mutter in ihrer Heimatstadt im heutigen Kroatien. Dort wurde sie verhaftet und nach Auschwitz deportiert.

Auch Wera Meyer-Waldeck hatte ihre beste Zeit am Bauhaus unter der Leitung von Hannes Meyer. Sie war die bedeutendste unter den wenigen am Bauhaus ausgebildeten Architektinnen. Sie konnte ihre Lehre mit einem ­Diplom abschließen, das auch ihre Mitarbeit an der Wohnung für das Ehepaar Piscator, dem Leiter der Volksbühne in Berlin, sowie dem von Gropius entworfenen Arbeitsamt in Dessau bescheinigte. Nach dem Krieg lebte sie ein paar Jahre in der DDR, bevor sie nach Bonn umsiedelte. Dort hatte sie ihr eigenes Architektenbüro, das u.a. den Innenausbau des Bundestags übernahm.

Die Keramikerin Margarete Heymann-Loebenstein aus jüdischer Familie wurde eine ­erfolgreiche Unternehmerin – der Bauhausleitung zum Trotz, die ihr zwei Semester in Folge den Zugang zur Keramikwerkstatt untersagte. Der Leiter der Werkstatt, Gerhard Marcks, ­erklärte, sie sei «wohl begabt, aber nicht für die Werkstatt geeignet». Danach verließ sie das Bauhaus und gründete mit ihrem frisch geheirateten Mann zusammen die international ­erfolgreiche Keramikfirma Hael, um moderne, praktische und schöne Haushaltsartikel für den privaten Konsum zu produzieren; hier war sie für die Entwürfe zuständig. 1936 emigrierte sie nach England.

Lucia Moholy (geb. Schulz) hat mit ihren Fotografien unser Bild vom Bauhaus geprägt – sie zählt zu den wichtigsten Fotografinnen der Neuen Sachlichkeit. Geboren in Prag, wuchs sie in einem großbürgerlichen jüdisch-sozialistischen Elternhaus auf. Sie ist eine der wenigen, von denen ein linkes Engagement bekannt ist. Noch vor dem Ersten Weltkrieg schloss sie ein Studium in Englisch und Philosophie ab und arbeitete dann bei der Wiesbadener Zeitung als leitende Redaktionssekretärin. Die Sommer 1918 und 1919 verbrachte sie mit einem führenden Bremer Kommunisten, Alfred Danath, in der Künstlerkolonie Worpswede. 1920 heiratete sie den ungarischen Künstler László Moholy-Nagy. Ihr Mann wurde am Bauhaus Leiter des Vorkurses und der Metallwerkstatt, während sie bei einem Berufsfotografen lernte. Später war mit dem kommunistischen Reichstagsabgeordneten Theodor Neubauer liiert.
Für die immer wichtiger werdende PR-Arbeit am Bauhaus steuerte sie zahlreiche Abbildungen bei. Zurück in Berlin eröffnete sie ihr eigenes Fotoatelier. Als ihr Mann verhaftet wurde, floh sie nach Prag, später nach London. Ihre wertvollen Glasnegative ließ sie dabei in der Obhut ihres ersten Mannes zurück, der sie an Gropius übergab. Dieser entschwand damit in die USA und rückte sie erst nach einer heftigen Auseinandersetzung in den 50er Jahren wieder heraus.

Patrick Rössler, Elizabeth Otto: Frauen am ­Bauhaus. Wegweisende Künstlerinnen der ­Moderne. München: Knesebeck, 2019 (nur noch als PDF erhältlich).


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