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Ich bin mal eben in China…

Eine Untersuchung über die Arbeitssituation in deutschen Betrieben in China*
von Violetta Bock

Ein Restaurant in einem Arbeiterdorf nahe eines chinesischen Amazon-Betriebsgeländes. Es hatte sich herumgesprochen, dass Besuch aus Deutschland dort aufkreuzen würde. Dennoch war man unsicher, wieviele der chinesischen Beschäftigten kommen würden. Das Treffen fand während der Schicht statt und die KollegInnen mussten extra Überstundenabbau beantragen.
Sechs bis sieben sind neugierig genug. Wie sich herausstellt, arbeiten sie in Vorgesetzten- und Spezialistenpositionen, sind aber durchaus auskunftsfreudig. Es wird ein ausgelassener Abend mit AmazonkollegInnen aus Deutschland und China sowie Engagierten, die den Austausch ermöglicht haben. Was Bad Hersfelder KollegInnen schon in Frankreich und Polen erleben durften, erfahren sie nun auch in China – hier fährt Amazon die gleiche Strategie. Auch in China liegt der Lohn etwas oberhalb des Mindestlohns, Arbeitsbedingungen und -abläufe sind ähnlich.
Im Gegensatz zum europäischen oder amerikanischen Markt, hat Amazon in China nur einen geringen Marktanteil. Da sollte es doch nahe liegen, sich gemeinsam als internationale Arbeiterklasse zu organisieren. Doch oft wissen Belegschaften wenig über die Lebensbedingungen ihrer KollegInnen in anderen Ländern. Das Forum Arbeitswelten (FAW) in Deutschland und Globalization Monitor (GM) in Hong Kong/China wollen dazu beitragen, die Spaltung zu überwinden. 2015 starteten sie ein gemeinsames Projekt, bei dem sie in China Beschäftigte aus international agierenden Unternehmen interviewten, befragten, Seminare organisierten und versuchten, direkten Kontakt zu KollegInnen in Deutschland herzustellen. In einem Bericht, der im Juli 2018 erschienen ist, dokumentieren sie ehrlich und offen die Ergebnisse der Begegnungen von Aktivisten und Gewerkschaftern in China und Deutschland. Zwar gibt es viele Publikationen über die deutsch-chinesischen Arbeitsbeziehungen, aber selten aus der Perspektive der ArbeiterInnen. FAW und GM legen daher einen Fokus auf ArbeiterInnen aus gleichen Betrieben und konzentrieren sich in China auf die Regionen Suzhou, Wuhan und das Perlflussdelta.
Aber so einfach ist Internationalismus gar nicht. So gibt es zwar ein reges Interesse und große Offenheit, doch häufig stoßen sie auf Ratlosigkeit, wie sie denn nun umgesetzt werden soll, diese internationale gewerkschaftliche Zusammenarbeit. In China galt es, zuerst einmal ArbeiterInnen zu finden, und stieß man auf ArbeiterInnen, die sich in ihrem Betrieb organisieren, erschwerte Repression den Kontakt. So gibt es durchaus Drohungen oder zumindest Hindernisse, gerade an internationalistischen Aktivitäten teilzunehmen. Beschäftigte der Daimler AG in China fürchteten etwa, ihren für China überdurchschnittlichen Lohn zu verlieren. In Deutschland hatten mehrere Betriebsratsmitglieder durchaus Interesse oder Vorstellungen von einem Weltbetriebsrat, doch am Ende hatten sie keine Zeit wegen akuter Verhandlungen mit der Geschäftsleitung, oder andere Schwerpunkte schienen wichtiger.
Der internationale Austausch ist für manche daher eher ein Add-on als integraler Bestandteil der eigenen Gewerkschaftsarbeit. Ein paar Treffen und erfolgreiche Reisen gab es aber doch, die gefüllt waren mit Veranstaltungen und Betriebsbesichtigungen.
Neben diesen konkreten Berichten, findet sich in der 75 Seiten langen Broschüre ein kurzer Überblick über die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen. Ein Großteil (73 Prozent) der deutschen Unternehmen in China ist klein oder mittelständisch mit bis zu 250 Beschäftigten. Nur 7 Prozent beschäftigen mehr als 3000 ArbeiterInnen. China ist auch längst nicht mehr nur Produktionsstandort, bei 40 Prozent der chinesischen Standorte liegt der Fokus auf Forschung und Entwicklung.
Ein Großteil der Broschüre besteht aus Fallstudien, bei denen zuerst kurz die Unternehmen skizziert werden, und dann mal die Situation in Deutschland, meist die in China auf Grundlage von Interviews mit 51 Beschäftigten aus neun Betrieben dargestellt wird. Die Systematik ist dabei nicht immer ganz klar, dennoch erhält man einen Einblick, nicht zuletzt in die gewerkschaftlichen Strukturen. In den ausgewählten Regionen in China stießen die Autoren dabei häufiger auf das Bild, dass Gewerkschaften für die Chefs da sind. Aber letztendlich kennen wir das ja auch hier von manchen Betriebsräten.

* Forum Arbeitswelten e.V., Globalization Monitor (Hrsg.) (2018): Untersuchung über die Arbeitssituation in Unternehmen mit Betrieben in Deutschland und China. Die Broschüre findet sich auch als PDF-Datei auf der Webseite www.forumarbeitswelten.de/projekte/projekt-deutsche-unternehmen-in-china/.


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