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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Über Bäume reden

An den Rand notiert
von Rolf Euler

Viele unserer Leserinnen und Leser werden die Worte von Bertolt Brecht aus dem Gedicht «An die Nachgeborenen» kennen: «Was sind das für Zeiten, wo | Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist | Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!» Wie wäre es mit einer Aktualisierung: «Was sind das für Zeiten, wo, wenn nicht über Bäume gesprochen wird, dies ein Schweigen über Untaten einschließt.»
Es geht nicht nur, weil er besonders auffällig ist, um den Hambacher Forst. Es geht darum, dass in diesem Land jeden Tag Flächen in der Größe mehrerer Fußballfelder mit Straßen und Hausbauten versiegelt werden. Dass die Wiedergewinnung von «unberührter Natur» den zivilen Initiativen wie BUND, NABU, Baumschützergruppen in Nischen überlassen wird, die die Entwicklung nicht kompensieren können. Es geht auch darum, dass nach wie vor massive Baumfällungen an Straßen und Eisenbahnen stattfinden. Es geht darum, dass Ersatzpflanzungen zwar angeordnet werden, aber die ökologischen Funktionen eines großen alten Eichen- oder Buchenbaums, wenn verschwunden, erst durch hunderte von kleinen Bäumen ersetzt würden, die an gleicher Stelle gar nicht gepflanzt werden könnten. Es geht auch darum, dass aufgrund des steigenden Fleischkonsums, der Massentierhaltung, der Lebensmittelverschwendung in den reichen Ländern die Urwälder zugunsten von Soja- und Ölpalmenplantagen abgeholzt werden.
Ein Hoch auf die Stadt- und Landschaftsplaner des beginnenden 20.Jahrhunderts mit ihren baumgesäumten Straßen und Alleen – gerade jetzt wieder in den heißen Tagen auch Beispiele für radfahrerfreundliche Wege.
Das Gegenbeispiel liefert der Landesbetrieb «Straßen.NRW» mit seiner großflächigen Abholzungspolitik, besonders wieder mal zu sehen an der Autobahnverbreiterung der A43 zwischen Recklinghausen und Bochum).
Das steigende Nord-Süd-Verkehrsaufkommen, die mangelnde Bahninfrastruktur im Revier werden als Begründung und «Sachzwang» angeführt. Vor allem innerhalb der Kreuze Herne, Recklinghausen und anderer Abfahrten wird alles abgeräumt.
Verkehrspolitik könnte natürlich dem Ausbau der Eisenbahnstrecke parallel zur Autobahn Vorrang einräumen, vorhandene Gleise und Signale ertüchtigen. Sicher billiger, als 600 Millionen Euro für 20 Kilometer Autobahnverbreiterung. Die Stilllegung der durchgehenden Straßenbahn von Recklinghausen nach Bochum/Hattingen vor 37 Jahren und der Ersatz durch Bus- und U-Bahn-Verkehr hätte längst rückgängig gemacht werden müssen, da allein der Studiumsverkehr zur Uni Bochum dadurch zerstückelt und mit öffentlichen Mitteln fast unmöglich gemacht wurde.
Das Ergebnis ist nicht nur die Vernichtung von ökologisch nötigem Baumbestand, sondern eine Ausweitung von klimaschädlichem Verkehr. Also doch über Bäume reden, auch wenn tödliche Folgen hier noch selten sind.


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