Fridays for Future


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2019/08/fridays-for-future/
Veröffentlichung: 29. August 2019
Ressorts: Bewegung, Nur Online, Startseite

Radiografie einer Bewegung

Moritz Sommer, Dieter Rucht, Sebastian Haunss, Sabrina Zajak
„Fridays for Future. Profil, Entstehung und Perspektiven der Protestbewegung in Deutschland“*

Das ist die erste umfassende Studie zu F4F. Sie basiert auf der Befragung von 336 Teilnehmenden auf den Demonstrationen am 15.März 2019 in Berlin und Bremen sowie auf parallel und zur Kontrolle geführten Onlineumfrage; die Studie gilt als annähernd repräsentativ.

Zeitgleich wurden in 8 weiteren Ländern Demonstrationsbefragungen durchgeführt, deren Ergebnisse in die Studie eingearbeitet sind. Es ist eine quantitative Studie, die gleichwohl Schlüsse über Zusammensetzung, Zielsetzung und Perspektiven der Bewegung Aufschluss geben soll.

Wenn im folgenden Zahlen angegeben sind, beziehen diese sich, sofern nicht anderes genannt ist, auf die Altersgruppe der 14–19jährigen, die 51% der Teilnehmenden ausmachten; Schüler*innen und Studierende zusammen machten 71% aus. Örtlich schwanken diese Zahlen, in Berlin war der Anteil an Studierenden höher.

Hier nun einige wichtige Merkmale der Bewegung, die die Studien herausgearbeitet hat:


1. Der explosionsartige Ausbruch der Bewegung,

für die das Beispiel von Greta Thunberg eine wichtige Auslöserfunktion spielt:

* Am 20.August beginnt Greta Thunberg ihren dreiwöchigen Schulstreik für das Klima;

* am 1.Dezember finden in Köln und Berlin Großdemonstrationen für den schnellen Kohleausstieg statt;

* Mitte Dezember ist Greta zum EU-Klimagipfel in Kattowitz eingeladen, am Gipfel nimmt auch Luisa Neubauer teil, von Great übernimmt sie die Idee des Schulstreiks, die sie in den Folgewochen in Deutschland verbreitet;

* im Dezember finden eine Reihe kleinerer Demonstrationen in Freiburg, Göttingen, Berlin, Kiel und Flensburg statt – zu den Erstinitiatoren gehören neben der Studentin Neubauer auch der Gymnasiast Jakob Blasel aus Kiel.

Zur Vorgeschichte von Neubauer gehört, dass sie seit 2016 Jugendbotschafterin der entwicklungspolitischen Lobby- und Kampagnenorganisation ONE ist, die sich u.a. für den Abzug von Investitionen aus Kohle, Gas und Öl einsetzt. In dieser Eigenschaft ist sie u.a. Mitinitiatorin eines Offenen Briefs an die Bundesregierung als Reaktion auf die geplanten Rodungen im Hambacher Forst, in dem diese zur Verurteilung des Vorgehens von RWE aufgefordert wird. Der Brief wurde von 100 jungen Menschen sowie der Jugendorganisation des BUND unterzeichnet.

Jakob Blasel ist seit 2017 Mitglied von Greenpeace und war Beisitzer im Vorstand der Grünen Jugend.

* Am 18.Januar 2019 demonstrierten bereits 25.000 Menschen an 50 Orten in Deutschland; der 15.März ist der erste globale und international koordinierte Protesttag, weltweit beteiligen sich daran 1,79 Millionen Menschen, deutschlandweit 300.000 an 220 Orten.

Weitere Höhepunkte waren der 24.Mai, der 21.Juni, der Sommerkongerss Anfang August und der 20.September.


2. Die Bewegung ist gut organisiert

* die Zahl ihrer Ortsgruppen wird inzwischen mit 600 angegeben;

* jenseits dieser neu gebildeten Strukturen spielen die an allen Schulen existierenden Strukturen von Klassensprecher*innen und Schülermitverwaltung, lokal bis bundesweit, eine nicht zu unterschätzende Rolle, verleihen sie doch den Aktionen eine Art „elementare“ Autorität;

* für die Mobilisierung spielen persönliche Gespräche mit Freunden und Bekannten die zentrale Rolle (zur Demo gehen sie deshalb in aller Regel auch mit Freundinnen oder Mitschülern, nicht allein) – mit 92% deutlich mehr als die sozialen Medien (62%). Die Kommunikation im Rahmen von Organisationen oder Initiativen spielt mit 30% eine geringe Rolle, der Austausch in der Familie so gut wie keine – obwohl mehr als 50% der Schüler*innen angaben oft bis sehr oft mit den Eltern über Politk zu diskutieren;

* kommuniziert wird über direkte Treffen innerhalb und außerhalb der Schule sowie über WhatsApp.

Basiseinheiten sind die unabhängigen Ortsgruppen, für die bundesweite Koordination werden meist zwei Delegierte bestimmt, deren Hauptfunktion ist die Teilnahme an den wöchentlichen Telefonkonferenzen; daneben gibt es aufgabenspezifische Arbeitsgruppen.


3. Sie ist hoch gebildet und weiblich…

* der Frauenanteil beträgt unter den Schüler*innen fast 65%, also fast zwei Drittel – so hoch wie sonst bei keiner Demonstration bisher;

* Vollzeitbeschäftigte hatten an den Demos einen Anteil von 21%;

* fast die Hälfte kommt aus akademischen Haushalten (bei den ab 20jährigen sind es fast 60%) – dabei fällt auf, dass nicht nur die Väter einen Hochschulabschluss haben, sondern auch fast ebensoviele Mütter – das sind Werte, die etwa doppelt so hoch sind wie in der Gesamtbevölkerung;

* über die Hälfte strebt die Fachhochschulreife oder das Abitur an, ein Drittel ein Studium;

* 44% verorten sich selbst in der oberen Mittelschicht, immerhin 26% in der unteren Mittelschicht; über 26% haben keine klare Meinung zu dieser Frage.


4. …stark politisiert

* Die Bewegung zeichnet sich auch dadurch aus, das überdurchschnittlich viele Erstdemonstrierende an den Protesten teilnehmen (knapp 40%), fast 43% hatten 1–5mal an Demos teilgenommen. Insgesamt (also alle Altersstufen zusammengenommen) bekunden 78% ein großes bis sehr großes Interesse an Politik, vor allem am Klimawandel, darunter sind 34% protesterfahren, 17% Erstdemonstrierende. 53% der Schüler*innen sprechen mit ihren Eltern oft oder sehr oft über das Thema Klimawandel. Über zwei Drittel geben an, dass sich auch ihre Eltern mit dem Thema beschäftigen;

* aber nur 18% meinen, dass ihre Eltern sich ausreichend gegen den Klimawandel engagieren;

* 60% der Schüler*innen sind auch über das Demonstrieren hinaus politisch aktiv: knapp 5% sind aktives oder passives Mitglied in einer Partei oder Jugendorganisation, knapp 10% in einer Umweltorganisation. Schülervertretungen sind, neben Sportvereinen, die zentralen Orte bürgerschaftlichen Engtagements. Die Vorstellung einer von den Umweltorganisationen oder gar den Grünen instrumentalisierten Bewegung geht an dieser vorbei.


5. … optimistisch

* über 55% der Schüler*innen sind optimistisch, mit ihrem Engagement die Politik beeinflussen zu können und den Klimawandel eindämmen zu können (gegenüber 47% bei den über 20jährigen); über 77% halten kollektives Handeln für einen zentralen Weg, Politik zu beeinflussen.

„Die Jugendlichen glauben fest an die Gestaltbarkeit ihrer Zukunft. Genau dieser Glaube versetzt sie in die Lage, im Hier und Jetzt zu handeln und sich selbst als wirkmächtig zu erfahren.“ Die Kategorie „hoffnungslos“ hat die geringsten Zustimmungswerte;

* dieser Grundton hängt auch damit zusammen, dass ihre Einstellung zu den staatlichen Institutionen mehrheitlich positiv ist. Am meisten vertrauen sie Umweltgruppen und der Polizei (negative Erfahrungen haben sie mir ihr ja noch nicht gemacht), gefolgt von der EU und den Vereinten Nationen. Am wenigsten Vertrauen haben sie in politische  Parteien, Massenmedien und der Bundesregierung (das Vertrauen in die Industrie scheint nicht abgefragt worden zu sein). Die strukturelle Vertrauenskrise ist in diesem Milieu noch nicht angekommen;

* zum dritten trägt zu ihrem Optimismus sicher auch bei, dass das Thema Klimaschutz von ganz links bis zur Union anschlussfähig ist; die Demonstrierenden können also das Gefühl haben, zu einem Thema zu handeln, das ihnen Anerkennung von allen Seiten einbringt, wo sie aber aufs Tempo drücken müssen.


6. …links

* 67% der Schüler*innen ordnen sich links der Mitte ein, das ist weniger als bei dezidiert linken Demonstrationen, aber deutlich mehr als in der Gesamtbevölkerung. Ein Indikator dafür sind die Positionen zur Migration: 86% der Befragten stimmen der Aussage zu: „Menschen aus anderen Ländern sollte es erlaubt sein, in mein Land zu kommen und dort dauerhaft zu leben.“

* über 50% der Schüler*innen haben keine klar Parteipräferenz, unter den Protestneulingen sogar über 63%; 31% präferieren die Grünen, 7,4% die LINKEN. (Bei den über 20jährigen sind die Präferenzen für die Grünen und die LINKE stärker ausgeprägt.) Damit birgt diese Generation für die Grünen ein großes Potential, aber dass sie mit der Grünen Partei eng verbunden sei, das bestätigt die Untersuchung nicht.


7. Was sie will

Auf dem europäischen Treffen von F4F in Lausanne im August wurde eine Erklärung in drei Punkten verabschiedet (nachdem Versuche, für einzelne Teilbereiche weitaus konkretere Forderungen zu nennen, abgeblockt worden waren):

– die Berücksichtigung des jeweils besten wissenschaftlichen Forschungsstands in der Klimapolitik;

– die Herstellung von Klimagerechtigkeit

– die Begrenzung der Erderwärmung auf weniger als 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter.

* Die Sorge um die eigene Zukunft ist das in der Studie am häufigsten genannte Motiv für die Teilnahme an den Protesten.

* Bei der Frage nach den Schuldigen am Klimawandel gibt es zwei Schwergewichte: die einen betonen, alle Menschen sind durch ihren Lebensstil verantwortlich für den Klimawandel; die anderen sehen in erster Linie Wirtschaft und Politik in der Verantwortung („die Regierungen sind zu korrupt, um daran etwas zu ändern“); und natürlich alle Zwischenpositionen; 

* die beiden Schwerpunkte finden sich auch bei den Handlungsoptionen:

Neben Bildung und Aufklärung nennen fast 60% der Schüler*innen: „Um den Klimawandel zu stoppen, bedarf es in erster Linie freiwilliger Änderungen des individuellen Lebensstils“ – also Verhaltensänderungen, die auf Entschleunigung und Konsumminimierung hinauslaufen (da wird man das Beispiel von Greta nicht unterschätzen können); bei den über 20jährigen ist es gutes Drittel.

Auf der anderen Seite werden strukturelle Maßnahmen wie Kohleausstieg, Erschwerung der Massentierhaltung, strenge Auflagen für die Industrie. „In der Kritik steht vor allem die Orientierung am Wirtschaftswachstum, teilweise verbunden mit dem dem Plädover für eine ‚Postwachstumsökonomie‘ und ‚Zeitwohlstand als neue, immaterielle Wohlstandsorientierung‘.“ Selten ist die Annahme, in der Marktwirtschaft liege die Lösung – vor allem im europäischen Vergleich: in Polen und in der Schweiz wird dieser Lösungsweg weitaus häufiger genannt. Eher wird der Kapitalismus als der Schuldige bezeichnet: „Der Kapitalismus muss abgeschafft und ersetzt werden durch die System, das das Wohl des Planeten und der Menschen über das der Konzerne stellt.“

* Bei der Frage nach den möglichen Akteuren ist das Bild ganz klar: Nur 13,5% würden sich auf „Unternehmen und den Markt“ verlassen, nur 13,8% auf die Regierung, aber 50,7% auf die Wissenschaft. Da diese Lösungen aber nur aufzeigen, nicht umsetzen kann, sehen die Schüler*innen mit großer Mehrheit nur einen Akteur: sie selbst.

Die Autoren stellen am Ende die Frage, ob es sich bei F4F um eine soziale Bewegung handelt. Damit meinen sie eine Bewegung, die einen „tiefgreifenden sozialen Wandel“ herbeiführen will, also auch auf gesellschaftliche Machtkonstellationen und Verteilungsfragen abzielt“. Ihre Antwort: „Das legen die bisherigen Aussagen und Forderungen nicht unbedingt nahe.“ Sie würden sie eher als eine politische Protestkampagne definieren, stellen auch in Frage, ob die Bezeichnung „Streik“ das richtige sei, um ihre Aktionsform zu definieren und verweisen dabei darauf, das an den Hochschulen deshalb noch keine Streiks ausgerufen wurden (gleichzeitig aber lassen sie die lange eingeführte Kategorie Unistreiks gelten).

Angela Klein
29.8.2019

hrsg. Heinrich-Böll-Stiftung und Otto-Brenner-Stiftung, ipb working paper 2/2019

https://protestinstitut.eu/wp-content/uploads/2019/08/ipb-working-paper_FFF_final_online.pdf