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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 08/2019 |

West-östlicher Divan: 200.Geburtstag

Warum wird das an deutschen Schulen nicht gelehrt?
von Manuel Kellner

Zu Goethes Zeit galt Mohammed als „Lügenprophet“. Voltaire zeichnete mit seiner Tragödie „Mahomet“ ein Zerrbild des Islam. Goethe selbst war künstlerischer Morgenlandfahrer und schuf den West-östlichen Divan (erschienen im August 1819) im Geiste des Dialogs zwischen christlich-westlicher bzw. „aufgeklärt“-westlicher und islamisch-östlicher Kultur. Die Mehrheit der eingewanderten Menschen in Deutschland kommt aus dem islamischen Kulturkreis. Es ist ein Skandal, dass dieses Werk von Goethe an deutschen Gymnasien nicht behandelt wird.

 

Goethe und der Islam, dieses Thema soll nicht stattfinden. Die deutsche Kultur muss sich selbst verstümmeln, um einem fruchtbaren interkulturellen Austausch auszuweichen. Stattdessen gibt es in den meisten Bundesländern immer noch konfessionellen Religionsunterricht, der von bezahlten Funktionären der jeweiligen christlichen Glaubensrichtungen gemacht wird. Das wird nicht viel besser, wenn auch islamischer konfessioneller Unterricht eingeführt wird. Zu fordern ist stattdessen die Unterrichtung über die verschiedenen Religionen und Glaubensbekenntnisse. Und ein Deutschunterricht, der neben dem Faust auch den West-östlichen Divan behandelt.

 

Goethe knüpft am „Divan“ (was soviel heißt wie „Versammlung“) des großen persischen Dichters Hafis aus dem 14. Jahrhundert unserer Zeitrechnung an. Hafis konnte schon als Kind den Koran auswendig aufsagen und schloss sich einer sufistischen Schule an, einer „mystischen“ Richtung des Islam. Seine Gedichte atmen Frömmigkeit, Spiritualität, Sinnlichkeit, Liebe und Entrückung im Rausch.  Goethe sah sich als sein Zwilling über die Jahrhunderte und die kulturelle Entfernung hinweg. Das Goethe-Hafis-Denkmal in Weimar erinnert daran: Zwei aus einem Block geschnittene, einander zugewandte Sessel aus Granit.

 

Ohne blassen Dunst der Schülerinnen und Schüler von den Texten des West-östlichen Divans bleibt es den Religionslehrern der christlichen Kirchen hierzulande erspart, sich mit Versen wie dem folgenden auseinanderzusetzen:

 

Jesus fühlte rein und dachte
Nur den einen Gott im Stillen;
Wer ihn selbst zum Gotte machte
Kränkte seinen heil’gen Willen.
Und so muss das Rechte scheinen
Was auch Mahomet gelungen;
Nur durch den Begriff des Einen
Hat er alle Welt bezwungen

 

Es ist wahr, Goethe fand den strenger durchgeführten Monotheismus des Islam einleuchtender als die dürftig kaschierte Vielgötterei des Christentums, vor allem des Katholizismus. Es ging ihm aber nicht darum, ein Dogma gegen das andere zu stellen. Selbst sinnlich bis zur Derbheit wäre es ihm nicht einmal im Alptraum eingefallen, sich irgendwelchen Speisevorschriften zu unterwerfen oder gar dem Wein und den Freuden der körperlichen Liebe zu entsagen. Die Sinnlichkeit des Hafis wurde auch von strengen islamischen Sittenwächtern verurteilt und von wohlmeinenden ebenfalls islamischen Verteidigern des Dichters zur sublimierten religiösen Ekstase (v)erklärt. Goethe nahm sie beim Wort und sah gerade damit seine Vorstellung vom Heiligen, vom richtigen, nämlich begeisterten Leben bestärkt.

 

Der „eine Gott “ stand für Goethe für das Prinzip des „Einen“ schlechthin, das sich im pantheistischen Sinne in der einen unteilbaren Natur manifestiert. So sah Goethe im Koran, den er aus deutschen Übersetzungen kannte und der ihm zum „heiligen“ Buch wurde, wie auch besonders ausgeprägt bei Hafis, die verschiedenen Naturerscheinungen verstanden als ebenso viele Zeichen für das heilig Eine der Natur. Darum sagt er zu einer Pfauenfeder in einem Exemplar des Koran:

 

An dir, wie an des Himmels Sternen,

ist Gottes Größe im Kleinen zu lernen

 

Ebenso anziehend und vor allem tröstlich fand er im Islam die Ergebung in unvermeidliches menschliches Schicksal. Natürlich verstand Goethe das nicht als Aufruf zur Passivität angesichts vermeidbarer Übel, natürlich wollte er nicht nahelegen, auf ein bewusst schaffendes Leben zu verzichten. Doch die Ergebung ins Unvermeidliche schien im heilig, weil dem Heil der menschlichen Seelen zuträglich. Vielleicht machen folgende Verse verständlich, wie er darüber dachte:

 

Wofür ich Allah höflich danke?
Dass er Leiden und Wissen getrennt.
Verzweifeln müsste jeder Kranke,
Das Übel kennend wie der Arzt es kennt.

 

Komisch, dass jeder in seinem Falle
Seine besondere Meinung preist!
Wenn Islam „Gott ergeben“ heißt,
In Islam leben und sterben wir alle.

 

Lange vor „Globalisierung“ und Internet sprach Goethe schon in seiner Zeit aus, was auch den tumbsten unserer heutigen Zeitgenossen wenigstens oberflächlich sonnenklar sein müsste:

 

Wer sich selbst und andere kennt,
Wird auch hier erkennen:

Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen.

 

Das hat auch einen tieferen Sinn. Die „abendländischen“ christlichen Mehrheits-Konfessionen des Westens sind selbst ein „Orientalismus“, wie schon Ludwig Feuerbach wusste. Wer sich mit Technikgeschichte beschäftigt weiß, auch sublime Handwerkskunst und technisches Genie gab es zuerst im Osten. Unsere eine Welt ist östlich und westlich, südlich und nördlich. Nur mit weltweiter Solidarität gegen die Herren der zerstörerischen kapitalistischen Klassengesellschaft, nur durch weltweiten Austausch und weltweite Zusammenarbeit können wir unsere menschliche Mitte finden – in diesem Sinne ist auch uns das „Eine“ heilig.


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