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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2019 |

Eine revolutionäre Massenpartei entsteht

Vereinigung der KPD mit der USPD-Linken zur VKPD
von Manuel Kellner

Im Jahr 1920 übten die junge russische Räterepublik und die nur ein Jahr alte Kommunistische Internationale (KI) eine starke Anziehungskraft auf bedeutende Kräfte links der Mehrheitssozialdemokratie aus.
In Deutschland zog es einen wachsenden Teil der Mitglieder der USPD in die KI. Damit stellte sich der KPD mehr und mehr die Frage der Vereinigung mit diesen Elementen.
Die Führer des rechten Flügels der USPD hatten auf dem zweiten Kongress der KI in Moskau einen schweren Stand gehabt. Sehr deutlich wurden ihnen ihre opportunistischen «Sünden» vorgehalten, und sie verteidigten sich mehr schlecht als recht mit den Erfordernissen der Realpolitik. In Deutschland hatten sie das Geld, den Apparat und die bedeutende Presse der USPD in der Hand – aber nicht mehr die Mehrheit ihrer Parteimitglieder. Viele von ihnen wollten – in Übereinstimmung mit den «21 Bedingungen» für die Aufnahme in der KI – einen klaren Bruch mit dem Sozialpazifismus. Die Presse der KPD unterstützte sie natürlich nach Kräften.
Die USPD hatte 800000 Mitglieder, 54 Tageszeitungen, eine Reihe von angeschlossenen Organisationen und vor allem sehr viele der führenden Arbeiterinnen und Arbeiter in Betrieben und Gewerkschaften. Am 12.Oktober 1920 wurde der Kongress der USPD in Halle eröffnet. Grigori Sinowjew, der wichtigste Abgesandte der KI, erzählte, er habe «zwei Parteien» gesehen, als er den Saal betrat. Und die Anhänger eines Zusammenschlusses mit der KPD und des Eintritts in die KI schienen in der Mehrheit zu sein.
Nach einleitenden Beiträgen der führenden «linken» und «rechten» USPD-Mitglieder Crispien, Däumig, Dittmann und Stoecker ging Sinowjew zum Rednerpult und sprach in deutscher Sprache – zunächst unsicher, dann immer mehr in Fahrt – über vier Stunden lang. Er verteidigte die Agrarpolitik der Bolschewiki, ihre Gewerkschaftspolitik, ihre Unterstützung der nationalen Befreiungsbewegungen im Osten, den «roten Terror» mit Verweis auf den «weißen Terror» und unterstrich die Rolle der Räte und der revolutionären Partei sowohl für den Sturz der Macht des Kapitals und die Eroberung der politischen Macht wie auch für die internationale Zusammenarbeit in Hinblick auf die sozialistische Weltrevolution. Den «rechten» USPD-Mitgliedern kreidete er ihre «Angst vor der sozialistischen Revolution» als wirkliches Motiv für ihre opportunistische Politik an. Der rechte Flügel der Arbeiterbewegung gründe seine Perspektiven auf die vergangene, mehr oder weniger friedliche Entwicklung, das sei vollkommen überholt und unrealistisch.
Rudolf Hilferding antwortete Sinowjew und berief sich auf Rosa Luxemburg, um gegen eine Internationale zentralisierter Parteien zu argumentieren. Er verteidigte die Politik der USPD 1918–1920 im Namen des «Realismus». Die sozialistische Revolution sei wohl möglich, hänge aber von den konkreten Bedingungen in den jeweiligen Ländern ab. Die Spaltungspolitik der KI sei eine «Katastrophe» für die Arbeiterbewegung, die zentralisierte Internationale eine gefährliche Utopie. Aber der Saal spürt: Hilferding ist in der Defensive. Der Funke springt nicht über. Mit 237 gegen 156 Stimmen entscheidet sich die Mehrheit der Delegierten für die Annahme der «21 Bedingungen», den Eintritt in die KI und die Aufnahme von Fusionsverhandlungen mit der KPD.
Die in der Minderheit gebliebene «rechte» Führung der USPD krallt sich in der für solche Situationen leider recht typischen amoralischen Art und Weise Geld, Apparat und Parteipresse, um in nicht allzu langer Zeit in den Schoß der Mehrheits-SPD zurückzukehren.
Auf dem Vereinigungsparteitag vom 4. bis 7.Dezember 1920 wurde die Vereinigte Kommunistische Partei Deutschlands gegründet, die VKPD. Sie vereinigte die alte Garde des Spartakusbunds und der Gründungsgeneration der jungen KPD (mit Ausnahme der ausgeschiedenen ultralinken Elemente) mit zahlreichen linkssozialistischen Kadern mit einiger Autorität in Betrieben und Gewerkschaften und mit ehemaligen Revolutionären Obleuten der Berliner Metallbetriebe wie Richard Müller und zahlreichen weiteren betrieblichen und gewerkschaftlichen Kadern – unter ihnen Wegmann, Eckert, Scholze, Malzahn, Neumann, von denen Lenin laut Clara Zetkin sagte: «Es sind Leute wie diese, die die breiten Kolonnen der soliden Reihen des revolutionären Proletariats bilden, von deren unbezähmbarer Kraft alles in den Betrieben und Gewerkschaften abhängt.»
Die neue Partei wählte zwei Vorsitzende, Ernst Däumig aus der USPD und Paul Levi von der KPD. Levi, der sich so sehr dafür stark gemacht hatte, die revolutionären Arbeiterinnen und Arbeiter der USPD für den Kommunismus zu gewinnen, war geradezu das Symbol dieser Vereinigung. Er akzeptierte die Rolle des Co-Vorsitzenden gegen seine Neigung, denn er hätte sich liebend gerne aus solchen politischen Verantwortlichkeiten herausgezogen.
Die Zahl der Mitglieder der neu gegründeten VKPD wurde damals in der Regel überschätzt. Heute werden meistens 350000 Mitglieder angegeben. Die Beteiligten – darunter auch die Führung der KI – urteilten damals, dass nunmehr eine revolutionäre Partei im vollen Wortsinn entstanden war, die zu selbständigen Initiativen im Klassenkampf fähig ist. Doch im März des folgenden Jahres wurde klar, dass die Überschätzung dieser Fähigkeit in einer Situation, wo der Kampf um die Macht vielen möglich schien, in eine furchtbare Tragödie münden konnte.


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