Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden


Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2019 |

Pflanzenkost – die Grundlage einer neuen Weltanschauung

Erinnerungen an Gustav Struve
von Manfred Dietenberger

Viele Revolutionäre waren auch Vegetarier. Die frühe Arbeiterbewegung hatte diesbezüglich ein ganzheitliches Bild.
Auch in bezug auf die Ernährung ist das Private auch politisch. Ethische Argumente für den Vegetarismus gibt es fast so lang wie die Menschheit.
Daneben gibt es auch gute ökonomische und ernährungswissenschaftliche Gründe dafür, diese stammen hauptsächlich aus dem 19.und 20.Jahrhundert. Und noch manch anderes spricht für Fleischverzicht, es ist ziemlich neu dazugekommen unter dem Stichwort «Klimawandel».
Die Anfänge der vegetarischen Idee in Deutschland fallen in die Zeit kurz vor und nach der Revolution von 1848/49. Einer der ersten bekannten deutschen Vegetarier war der Rechtsanwalt und Publizist Gustav Struve (1805–1870).
Wer war dieser Gustav Struve? 1805 in München zur Welt gekommen, empfand er «von Kindheit an einen heftigen Widerwillen und großes Mitleid, wenn er Tiere zur Schlachtbank geschleppt» sah. Bald trieb ihn die Frage um, «ob denn der Mensch das Recht hätte, Tiere zur Ernährung zu töten». Er war alles andere als ein weltabgewandter Rohköstler, sondern einer der bedeutendsten und entschiedensten «Achtundvierziger». Im Frankfurter Vorparlament teilten Hecker und Struve dieselbe entschieden republikanische Position und gingen konsequent denselben Weg. Während aber Hecker nach der Niederlage bei Kandern per Schiff Deutschland verließ, waren Struve und seine Frau Amalie nicht bereit aufzugeben und wollten weiterkämpfen.
Im September verfasste Struve einen «Plan zur Revolutionierung und Republikanisierung Deutschlands», der unter anderem die Auflösung der Nationalversammlung vorsah. Der von den Reaktionären im nachhinein verächtlich «Struveputsch» genannte zweite Umsturzversuch vom September 1848 wurde wenige Tage nach der «Ausrufung der Republik» in Lörrach niedergeworfen und Struve samt Frau (man erkannte sie, weil sie kein Fleisch aß) und ihre überlebenden Mitkämpfer gefangen genommen. Am 14.Mai 1849 befreit, nahm Struve den Kampf wieder auf und agierte (3.Juni) als Mitglied des Exekutivkomitees und des «Kriegssenats» der provisorischen badischen Republik. Danach flohen die Struves über Genf und London nach New York.
In den USA engagierte sich Struve gegen die Sklaverei in den Südstaaten. Im Sezessionskrieg führte er als Freiwilliger eine Kompanie im 8. New Yorker Regiment unter Oberst Blencker «um als Mann von 55 Jahren das Meinige zur Unterdrückung der Rebellion der Sklavenhalter beizutragen».
Als seine Frau überraschend starb, verließ Struve Amerika und kehrte nach einer Amnestie der 1848er nach Europa zurück. Nach seiner Rückkehr gründete er zusammen mit zwanzig anderen Gesinnungsgenossen (darunter fünf Frauen) am 20.Dezember 1868 den bis heute unter dem Namen Vegetarische Gesellschaft Stuttgart bestehenden Verein. Die Mitglieder trafen sich anfangs im Hotel Royal, in der Folgezeit in der Wohnung des Schlossermeisters Hoppe.
Ein Jahr später veröffentlichte er sein Buch Pflanzenkost – die Grundlage einer neuen Weltanschauung, worin er die theoretischen Prinzipien darlegte, auf denen seine Entscheidung für die vegetarische Lebensform fußte. Darüber hielt er auch ungezählte Vorträge und beeinflusste damit die vegetarische Bewegung nachhaltig.
Schon viele Jahre zuvor war ihm das schmales Bändchen von Jean-Jacques Rousseau, ­Emile oder Über die Erziehung, in die Hände gefallen. Das half Struve, nicht nur in politischen Fragen radikal zu denken und handeln, sondern auch seine Lebensweise radikal zu ändern. Rousseaus Emile ist eine Anklage gegen die Zivilisation: «Solange der Mensch Tiere schlachtet, wird er auch Menschen töten.» Der Satz stammt von Pythagoras (6.Jh. v.u.Z.).
Struve beließ es aber auch da nicht beim Lesen. «Es war der 3.Mai 1832, dass ich in Rousseau’s ‹Emile› eine Stelle aus Plutarch las, welche mit glühenden Farben schilderte, wie grausam der Mensch den Thieren gegenüber zu Werke gehe … Schon stand mein Mittagessen auf dem Tische. Ich aber fasste den Entschluss, kein Fleisch mehr zu essen, und habe ihn gehalten bis auf den heutigen Tag.»

Die Struves blieben ihr Leben lang Vegetarier, Abstinenzler und Tabakfeinde. In Gustavs Büchlein Pflanzenkost – die Grundlage einer neuen Weltanschauung finden sich Sätze wie diese:
«Wer es nicht fuehlt, dass es grausam ist Tiere zu toeten, um deren Fleisch zu essen, dem ist es schwer, das Unrecht solcher Toetungen begreiflich zu machen, wie es schwer ist, dem von Geburt an Tauben die Toene und dem von Geburt an Blinden die Farben begreiflich zu machen.» «Allein unverdorbene Menschen empfinden Widerwillen beim Anblicke der in unseren Schlachthaeusern und Kuechen aufgefuehrten Mordszenen.» «Wenn dessen ungeachtet die Aerzte sich in ihrer ueberwiegenden Mehrzahl zu Gunsten der Fleischkost aussprechen, so ist dieses nur in sofern erklaerlich, als die meisten derselben brotlos wuerden, falls die Menschen aufhoerten Fleisch zu essen, denn gewiss sind 9/10 der Krankheiten auf den Fleischgenuss zurueckzufuehren.»
Amalie Struve ging noch weiter, wenn sie sagte: «Ich kann mir einen freien Staat, einen Staat reiner Menschlichkeit, ein Paradies auf Erden nicht denken mit Fleischspeisen, mit blutigen Leckerbissen und nach Fleischspeisen luesternen Menschen.»
Von Wilhelm Liebknecht weiß ich nicht, wie er sich in dieser Frage positionierte. August Bebel (1840–1913) jedoch erklärte in seiner Schrift Die Frau und der Sozialismus, «warum die Sozialdemokratie sich dem Vegetarianismus gegenüber gleichgültig verhalte». Als einer der Väter der Sozialdemokratie wusste er, dass es seinerzeit in Deutschland für «die sehr große Mehrheit der Menschen» keine Möglichkeit gab, «zwischen vegetabilischer und animalischer Kost» zu wählen. Sie «ist gezwungen, nach ihren Mitteln zu leben, deren Dürftigkeit sie in sehr vielen Fällen fast ausschließlich auf vegetabilische Kost hinweist, und zwar auf die wenigst nahrhafteste».
Aber Bebel wusste zugleich: «In dem Maße, wie die Kultur sich hebt, tritt allerdings an Stelle fast ausschließlicher Fleischkost, wie sie bei Jagd- und Hirtenvölkern vorhanden ist, mehr die Pflanzenkost. Die Vielseitigkeit der Pflanzenkultur ist ein Zeichen höherer Kultur.»
Dennoch ist gegenwärtig die Fleischindustrie in Deutschland ein großer Wirtschaftszweig. Die 25 größten deutschen Fleischkonzerne setzten 2018 knapp 27 Milliarden Euro um. Hatte der alte Bebel also recht, wenn er behauptete: «Rein vegetarische Lebensweise ist also für die künftige Gesellschaft keineswegs wahrscheinlich, noch notwendig.»
Ich muss darüber nochmal nachdenken. Ich bin näher bei Thomas Münzer, der im Bauernkrieg den aufständischen Bauern erklärte, er halte es für unerträglich, «dass alle Kreatur zum Eigentum gemacht worden sei, die Fische im Wasser, die Vögel in der Luft, das Gewächs auf Erden – auch die Kreatur muss frei werden». Und Louise Michel, die unerschrockene Kämpferin der Pariser Kommune bekennt in ihren Memoiren: «Im Kern meiner Empörung gegen die Starken finde ich, soweit ich zurückdenken kann, meinen Abscheu gegen die Tierquälerei wieder.» Und weiter: «Von der Zeit, da ich auf dem Land die Grausamkeiten gegen die Tiere erlebte und das entsetzliche Bild ihrer Lebensbedingungen erfasste, stammt mein Mitleid für sie und dadurch mein Bewusstsein über die Verbrechen der Macht.»


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Folgende HTML-Tags sind erlaubt:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>



Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.


Trackback diesen Artikel  |  Kommentare als RSS Feed abonnieren