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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Locarno 2019

Licht und Dunkel
von Kurt Hofmann

Auch unter der neuen Direktorin, Lili Hinstin, ist Locarno ein wichtiges Festival geblieben, das faule Kompromisse (weiterhin) meidet.

Jimmie und Mont streifen gemeinsam durch San Francisco, ihre Stadt, die mehr und mehr Touristen anzieht und quasi zum Verkauf steht. Sie suchen nach Spuren afroamerikanischer Präsenz in der belebten Metropole, nicht nur in ihrem Viertel, vielmehr zieht es Jimmie zu einem Haus in «viktorianischem» Stil, in das er und Mont kurzfristig einziehen. Ein leerstehendes Gebäude, für Spekulationszwecke ausersehen wie so  viele andere in der Stadt, aber eines mit besonderer Bedeutung für Jimmie.
Es wurde von seinem Großvater 1946 erbaut. Zwar kann das schon von der Bausubstanz her nicht stimmen, doch Jimmies Behauptung zielt weiter als auf die Feststellung eines Fakts, sie stellt vielmehr die Frage, wem die Stadt gehört, den Resteverwertern, oder jenen, welche, wie es Joe Talbot, der Regisseur von The Last Black Man in San Francisco (Concorso Internazionale) in der Pressekonferenz formulierte, eine Stadt wie San Francisco ausmachen: den Kreativen und den Außenseitern.
Profitorientierte Spekulanten aber sind wie Tatortreiniger: Sie verwischen Spuren. Diese sichtbar zu erhalten, davon lebt die pulsierende Stadt, das zeigt Joe Talbots Film.

Sitzt einer in der U-Bahn und fragt sein Gegenüber nach der Uhrzeit: Das antwortet, indem es die Frage wiederholt… «Sitzt einer…»: So beginnt kein Witz, es folgt auch keine Pointe (sondern deren mehrere) in Yorgos Lanthimos neuem Film Nimic (Fuori Concorso Shorts). Vielmehr wird der von Matt Dillon gespielte, Auskunft heischende, von der Frau, die ihn imitiert hat statt ihm zu antworten, bis in die Wohnung verfolgt.
Sie ist adjustiert wie er, denn sie ist er, wie sie feststellt. Ein anderes Ich, ein Fall von Identitätsdiebstahl? Auch die in der Wohnung versammelte Familie vermag nicht zu entscheiden, wer vorhanden ist und wer nicht.
Nimic, eine surreale Parabel über Sein und Schein, dauert zwölf Minuten, nicht mehr und nicht weniger. Yorgos Lanthimos hat für seinen Kurzfilm Maß genommen und erzählt in der vorhandenen Zeit eine zeitlose Geschichte über die menschliche Existenz mit souveränem Witz.

Ausgerechnet in die tiefste Provinz versetzt zu werden, ist für die junge südkoreanische Polizistin Yeon-su samt minderjähriger Tochter nicht erfreulich, auch wenn sie sich dort des schönen Titels «Chefin» erfreuen darf. Schon bald muss sie ohnedies feststellen, dass die Ortsansässigen wenig Interesse an einer Zusammenarbeit mit ihr zeigen. Insbesondere als sich herausstellt, dass ein von der eifrigen Ermittlerin aufgedeckter Fall von Prostitution sich anders verhält als angenommen. Ye-aun, ein scheues junges Mädchen, deren Eltern bei einem Bootsunglück umgekommen sind, ist vielmehr durch «allgemeine Anregung» zur Dorfhure abgerichtet worden. Nun, da Investoren vor der Türe stehen und von Infrastruktur die Rede ist, wo sonst nur tumber Alltag war, will man Ye-aun loswerden – egal wie.
Pa-go (Height of the Wave) ist kein Krimi, vielmehr das Sittenbild einer selbstgefälligen Dorfgemeinschaft, die ihr verlogenes Ideal der Zusammengehörigkeit als Waffe gegen eine (von den Ortsansässigen zuvor gedemütigte und missbrauchte) Außenseiterin einsetzt, als diese das Bild nach außen zu stören beginnt.
Ländliche Idylle? Weit gefehlt! Der Aggression gegen Ye-aun folgen Verdeckungsversuche und Schönreden des eigenen Fehlverhaltens: Und das ist bekanntermaßen kein südkoreanisches Spezifikum…

Drei Tage nach der Beerdigung ihres Mannes kommt Vitalina Varela in Lissabon an. Fünfundzwanzig Jahre lang konnte sie sich nach dessen Verschwinden aus dem heimatlichen Dorf auf den Kapverden kein Ticket leisten, da kommt es auf drei Tage nicht mehr an.
Den Nachlass regeln: Was, wenn der nur aus einer brüchigen Hütte in den Slums von Lissabon besteht? Vitalina Varela ist im Dunkeln angekommen, entsteigt bloßfüßig dem Flugzeug. Und sie wird ins Dunkel der Erniedrigten und Beleidigten gestoßen, die hier vergebens ihr Glück gesucht haben. Licht und Dunkel: Pedro Costas Vitalina Varela (Concorso Internazionale) handelt von Schattenexistenzen und setzt die Möglichkeiten, Licht und Dunkel im Film zu zeigen, auf intensive Weise um. Da sind auch Geräusche oft wichtiger als der Dialog, denn lange erklären muss man die Lage der ausgestoßenen kapverdischen Existenzen nicht, auch nicht, wer sie in diese Lage gebracht hat. In einem gespenstischen Ambiente bewegt sich Vitalina Varela ungebeugt, mit anhaltender Präsenz.


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