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Angriff der Elektro-Roller

Hoher Ressourcenverbrauch und arbeitsrechtliche Problematik
von Rolf Euler

Wenn richtige Umweltschutzprojekte so schnell durch die Gesetzgebung getrieben würden, wie die Genehmigung von E-Rollern oder Streetscootern im Juni des Jahres, sähe es erfreulicher für das Klima aus.
Auf einmal stehen die Straßen voll mit grünen, roten oder blauen Gefährten.

Städte wie Köln, Berlin oder Herne werden zum Experimentierfeld für ein Projekt, das vom Verkehrsminister unter der Rubrik «Alternative zum Autoverkehr in den Städten» oder auch «E-Mobilität» verkauft wurde. Davon stimmt nur, dass der elektrische Antrieb die Eigenbewegung ersetzt, alles andere sind Märchen von Unternehmen wie Lime aus den USA, die sich mit dem Verleih von E-Rollern eine goldene Nase verdienen wollen.
Aus Umweltgründen sind E-Roller von allen einschlägigen Institutionen abgelehnt worden. Die Produktion ihrer Lithium-Batterien, die Art ihres Einsatzes auf Radwegen, die kurze Lebenserwartung von maximal drei Monaten führen zu einem absurd hohen Ressourcenverbrauch und zu Störungen des sowieso mit Wegen unterversorgten Radverkehrs. Aus Paris wird berichtet, dass reihenweise Leih-E-Roller aus der Seine gefischt werden. Auch die Preise für das Aus­leihen – 5 Euro und mehr für eine halbe Stunde – sind deutlich höher als ein Normalticket des Nahverkehrs, sogar teurer als Carsharing, hat ein Vergleichsportal* ausgerechnet. Vor allem hat sich herausgestellt, dass die Roller mehr ein Freizeit«spaß» als ein ernstzunehmendes Alternativfahrzeug für Arbeitswege sind und erneut die Entschleunigung des Verkehrs in den Städten durchkreuzen – ganz abgesehen von den Unfallgefahren.
Äußerst problematisch ist auch das mit der Ausleihe verbundene ­System. So leicht die Benutzung mit Smartphone und Kreditkarte den Entleihenden gemacht wird, so aufwendig stellt sich der Rest heraus. Die Roller werden von Arbeitskräften abends eingesammelt, nachts mit vom Unternehmen gestellten Ladegeräten, zum Teil mit dem Privatstrom der auch «Juicer» genannten «Selbständigen» aufgeladen, und morgens wieder an Verteilstellen gebracht, das alles mit Lieferwagen. Hier endet endgültig die ökologische Verträglichkeit, zumal der Strommix nach wie vor nicht aus Ökostrom besteht.
Der WDR hat die Arbeitsbedingungen einiger «Juicer» untersucht. Sie unterschreiben einen vielseitigen Werkvertrag, der ihre angebliche Selbständigkeit betont und von Arbeitsrechtlern als problematisch angesehen wird. Eine Person, die für den WDR einmal die Probe aufs Exempel machte, kam für zehn abends zu Fuß eingesammelte, geladene und morgens wieder ausgeteilte Roller auf einen Stundenlohn von unter 3 Euro, weil sie sich einen Mietlieferwagen zum Austeilen holen musste. Auch ohne diesen wäre sie nur auf etwas über 4 Euro gekommen. Die Ausnutzung von Niedriglöhnern ist die soziale Folge dieser E-Scooter-Firmen.
Es ist wohl ungeschriebene Regel im Journalismus, sich keine Sprachspiele mit den Namen von Politikern zu erlauben. Das fällt einem angesichts der Politik des CSU-Verkehrsministers S. ziemlich schwer. Seine «Erfolge» bei einer wie auch immer gearteten Elektro-Verkehrswende bestehen in der Freigabe von Uber oder Lime auf Kosten der Beschäftigten, der Umwelt und der Zukunft.

* www.netzwelt.de/sharing-anbieter/


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