Für einen antikapitalistischen Feminismus…


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2019/11/fuer-einen-antikapitalistischen-feminismus/
Veröffentlichung: 01. November 2019
Ressorts: Buch, Gesellschaft, Patriarchat, Startseite

«…auf den Schultern von Marx und Engels»
von Larissa Peiffer-Rüssmann

Cinzia Arruzza, Tithi Bhattacharya, Nancy Fraser: Feminismus für die 99%. Ein Manifest. Berlin: Matthes & Seitz, 2019. 108 S., 15 Euro

Feminismus für die 99 Prozent meint nicht das eine Prozent, das es in die Konzernetagen von namhaften Unternehmen geschafft hat, was vor allem in den Medien als großer Sieg der Frauen gefeiert wird. Den drei Autorinnen geht es um einen internationalen, antikapitalistischen Feminismus, der für die Rechte aller Frauen kämpft, die ausgebeutet, be­herrscht und unterdrückt werden in einem zunehmend räuberischen Kapitalismus, der sich weltweit in einer gesamtgesellschaftlichen Krise befindet.

Dieses feministische Manifest sieht sich in der Tradition von Marx und Engels, die den Charakter des Kapitalismus als die entscheidende Grundlage der Unterdrückung in allen Lebensbereichen erkannt und benannt haben.
Ausführlich wird die Situation der Frauen weltweit analysiert. Die kapitalistische Krise ist auch eine ökologische, politische und auf die gesellschaftliche Reproduktion bezogene Krise, die vor allem die Frauen bis in den häuslichen Bereich hinein betrifft.
In elf Thesen stellen die Autorinnen die herrschende Welt- und Wirtschaftsordnung in Frage und fordern einen kämpferischen Feminismus, der alle gesellschaftlichen Bereiche umfasst.
Anschaulich wird von neuen Formen des Frauenstreiks berichtet. Diese beschränken sich nicht nur auf Forderungen zu Löhnen und Arbeitsplätzen, es geht auch um eine Erhöhung der öffentlichen Ausgaben für soziale Dienste. Es ist ein Kampf gegen die Unterbewertung der unbezahlten Frauenarbeit und den neoliberalen Angriff auf Gesundheitsversorgung, Rente und Wohnen.
Klar und eindeutig sind die Aussagen zum liberalen Feminismus, wo es um den Aufstieg einzelner Frauen geht und nicht um die Befreiung der vielen; dem stellen sie einen kämpferischen Feminismus entgegen.
Dieser Feminismus verzichtet auf halbherzige Maßnahmen und will keine Beschränkung auf traditionelle Frauenthemen. Es geht ihm um reproduktive Gerechtigkeit, d.h. eine kostenlose, nicht gewinnorientierte Gesundheitsversorgung, eine Neuorganisation von Haus- und Pflegearbeit, um einen kostenlosen Zugang zu allen Bildungseinrichtungen, bezahlbaren Wohnraum usw. – die Liste ist lang. Wichtig ist vor allem, dass es ein Feminismus ist, der nicht nur antineoliberal, sondern auch antikapitalistisch ist und sich nicht nur auf Frauenthemen beschränkt.
In einer weiteren These wird die gegenwärtige weltweite Krise des Kapitalismus mit seinen gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen beschrieben. Vier Jahrzehnte des Neoliberalismus haben die Löhne herabgedrückt, Rechte am Arbeitsplatz eingeschränkt, die Umwelt verwüstet und an vielen Orten das soziale Gefüge zerstört. Die feministische Bewegung grenzt sich deutlich von neoliberalen Gegenspielern und den rechten Bewegungen mit ihrem reaktionären Populismus ab.
Einen breiten Raum nehmen die Ausführungen «zur Arbeit des Menschenmachens» ein, womit die Erziehung der Kinder und die Versorgung der Familie im häuslichen Bereich gemeint ist. Ohne diese kostenlose Arbeit durch die Frauen wäre der Kapitalismus schnell am Ende, denn es würde ihm nicht nur der Nachschub fehlen, es geht auch um die Regeneration der Ware Arbeitskraft. Die vielfältigen Formen der Frauenarbeit sind die Basis für die kapitalistische Produktion. Deshalb sind Kämpfe um die gesellschaftliche Reproduktion ein zutiefst feministisches Thema.
Die weiteren Thesen beschäftigen sich mit geschlechtsspezifischer Gewalt, die als Teil des kapitalistischen Systems begriffen und bekämpft werden muss. Mit Beispielen aus vielen Ländern wird belegt, dass ein enger Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Situation und Gewalt besteht. Gleichzeitig werden öffentliche Dienste weiter gekürzt, was die Situation zusätzlich verschärft.
Beim Thema Sexualität ist es dem kapitalistischen System gelungen, auch abweichende Formen von Sexualität nicht nur zu dulden, sondern als Quelle für Werbung und Produktserien zu vermarkten. Nach einem kurzen historischen Abriss zur Sexualität in Gesellschaft und Familie kommen die Autorinnen zu dem Schluss, dass die Befreiung der Sexualität eng mit dem Aufbau einer neuen, nichtkapitalistischen Gesellschaft verbunden ist.
Die koloniale Eroberung der Welt und der damit verbundene Rassismus hat die kapitalistische Entwicklung ungeheuer beflügelt. Unterdrückung und Ausbeutung sind seine Wesensmerkmale, die Auswirkungen auf die Lebensverhältnisse vor allem auch der Frauen werden detailliert beschrieben. Feministinnen distanzieren sich von allen Formen europäischer Vorherrschaft und bekämpfen die imperialen Ansprüche.
Die heutige ökologische Krise stellt gerade Frauen vor unlösbare Probleme. Auch hier kämpfen die Frauen an vorderster Front, wie die Berichte aus dem globalen Süden aufzeigen. Fazit: Nur ein gemeinsamer, antikapitalistischer Kampf kann die Welt vor dem Untergang retten.
Das Buch ist übersichtlich gegliedert, spricht eine klare, eindeutige Sprache, klärt über die gesellschaftlichen Hintergründe auf und macht vor allem den Frauen Mut, sich in die politischen Auseinandersetzungen einzuschalten. Es ist eine gute Grundlage für Diskussionen und Schulungen.