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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 11/2019 |

Helmut Dahmer: Freud, Trotzki und der Horkheimer Kreis

Münster?: Westfälisches Dampfboot, 2019. 525 S., 45 Euro
von Manuel Kellner

Sándor Ferenczi war der weltweit erste Professor für Psychoanalyse. Er wurde es 1919 in der ungarischen Räterepublik und gehörte zu denen, die neurotische Störungen als «soziale Leiden» verstehen. Genau in dieser Traditionslinie arbeitet der Soziologe Helmut Dahmer, der von 1968 bis 1992 verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift Psyche war.

1973 erschien von ihm Libido und Gesellschaft. Studien über Freud und die Freudsche Linke (immer wieder neu auf aufgelegt und auch erweitert). Dahmer schält dort den emanzipatorischen Gehalt der Psychoanalyse gegen ihr szientistisches Selbstmissverständnis heraus und würdigt, immer in kritischer Weise, die verschiedenen Versuche, die «kritischen Theorien» von Marx und Freud zu kombinieren. Dahmer selbst plädiert nicht für eine «Kombination», sondern dafür, dass sich Psychoanalyse und Marxismus «kritisch aneinander abarbeiten».
Wozu bedarf es aus marxistischer Sicht der Beschäftigung mit der von Freud begründeten Psychoanalyse? Weil weder Marx noch Freud eine allgemeine Theorie von allem entwickelt haben: «Kein Triebschicksal und keine Verdrängung macht den Kapitalismus und andere Produktionsweisen irgend verständlich. Umgekehrt lehrt die Kritik der politischen Ökonomie nichts darüber, wie die Triebwünsche der Vergesellschafteten an die Triebwerke kollektiver Selbsterhaltung angeschlossen werden, und kann nicht zureichend verständlich machen, warum die Unterdrückten im gesellschaftlichen Alltag ihren Interessen zuwider handelt.»
Dahmer argumentiert dafür, dass Psychoanalyse und Marxismus «einander kritisch korrigierend koexistieren». Was sie aber verbindet ist, dass in beiden Ansätzen die «Objekte» zu bewussten «Subjekten» werden sollen, die Ausgebeuteten der gesellschaftlichen Wirklichkeit, die Analysanden ihrer Lebensgeschichte. In beiden Fällen geht es um die Selbstbefreiung von Zwängen, deren Existenzbedingung die relative Unbewusstheit der Opfer ist, die es eben aufzuheben gilt.
Das vorliegende Buch, das unterschiedliche, zu verschiedenen Zeiten geschriebene Texte versammelt, beginnt denn auch mit einer «Restitution der Freudschen ‹Kritischen Theorie›». Gegen die Medizinalisierung der Psychoanalyse stellt Dahmer eine «Psychotherapie als Kulturkritik», wobei der behandelnde Therapeut, die behandelte Therapeutin als «weltliche Seelsorger» verstanden werden. Die eigentümliche «Behandlungstechnik» der Psychoanalyse, das «Geschenk der (Patientin) Anna O.», die von ihr so getaufte «talking cure», hat losgelöst von dieser Kulturkritik ebensowenig heilenden Wert (im emphatischen Sinne des Wortes) wie die zu flachen Gags geronnenen Deutungsschemata von Symptomen, mit denen z.?B. Woody Allen so gerne gespielt hatte.
Ein finsteres Kapitel der Loslösung der Psychoanalyse von ihrem emanzipatorischen Potenzial war der Versuch, sie den nationalsozialistischen Machthabern als Reparaturbetrieb für seelisch erkrankte Menschenschlächter anzudienen. Im zweiten Kapitel dokumentiert Dahmer dies wie auch seine Auseinandersetzung mit denjenigen, die sich bis in jüngste Zeit bemühen, diesen schändlichen Missbrauch der Psychoanalyse zu verschleiern und zu verniedlichen.
Das dritte Kapitel zeigt, wie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno die kritischen Impulse der Psychoanalyse verarbeitet haben.
Im zweiten Teil des Buches decken eine Reihe von Kapiteln die – manchmal nur «inneren» – Beziehungen verschiedener Protagonisten der «Frankfurter Schule» zu «marxistischen Dissidenten», besonders zu Trotzki auf. Tragisch scheint das Scheitern der Versuche, zur politischen Praxis vorzudringen, was Adorno, Horkheimer und auch Walter Benjamin durchaus wollten. Ärgerlich auch die Weigerung der «Frankfurter», die stalinistische Bürokratenherrschaft offen zu kritisieren, aus Angst, aus Existenzangst – sie fürchteten die „Freunde der SU“ und den KGB.

Im vierten Teil des Buchs werden die Auseinandersetzung Walter Helds mit der «Kritischen Theorie ohne Praxis?» und Max Horkheimers Antwort darauf dokumentiert. Zuvor, im dritten Teil über «Ideologiekritik gestern und heute», stellt Dahmer zunächst kenntnisreich das Verhältnis von Bewusstsein und Arbeit bei Hegel und Marx dar. Danach unternimmt er eine luzide Analyse des Geldes und des allesbeherrschenden «Bedürfnisses, liquide zu sein». Dem folgen Auseinandersetzungen mit dem «antisemitischen Dispositiv» und der mit gewaltsamen Konflikten einhergehenden Verquickung von Migration, Flucht und Jihadismus. In allen diesen Fällen bedient sich Dahmer kritischer Denkmuster aus Philosophie, Geschichte, Anthropologie, Psychoanalyse und Marxismus.


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