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Nicaragua 1979–2019

Vom Triumph der Sandinisten zum demokratischen Aufstand
von Helmut Wendler

Matthias Schindler: Vom Triumph der Sandinisten zum demokratischen Aufstand – ­Nicaragua 1979–2019. Berlin?: Die Buchmacherei, 2019. 173 S., 10 Euro

Seit dem Sieg der Frente Sandinista de Liberación Nacional (FSLN) über die mehr als vierzig Jahre dauernde, von den USA gestützte Familiendiktatur des Somoza-Clans im Jahre 1979, war die Unterstützung der nicaraguanischen Revolution über viele Jahrzehnte für die Linke ein Schwerpunkt deutscher und internationaler Solidaritätsarbeit.

Nun kann diese Linke spätestens seit 1990, als die FSLN die Nationalwahlen verlor, eine verheerende Degeneration des revolutionären Prozesses beobachten, die durch die einst führende Kraft der Revolution, der FLSN, selbst ausgelöst wurde und heute in der menschenverachtenden Diktatur des einstigen Revolutionsführers Daniel Ortega und seiner Ehefrau Rosario Murillo seinen vorläufigen Höhepunkt gefunden hat.
Der Autor Matthias Schindler, selbst Nicaraguaaktivist der ersten Stunde und wie kaum jemand anderes in der Solidaritätsbewegung verankert, hat im Frühjahr 2019 ein Buch vorgelegt, in dem er kenntnisreich und mit großem Detailwissen 40 Jahre politischer Entwicklung in Nicaragua vom Sommer 1979 bis zum Frühjahr 2019 einer kritischen Bewertung unterzieht.
Der große Vorteil dieses Bandes ist, dass sich hier nicht ein Politikwissenschaftler irgendeines Instituts Gedanken zu Nicaragua macht, sondern ein Aktivist, der diese 40 Jahre revolutionärer und postrevolutionärer Entwicklung hautnah, oft bei Aufenthalten in Nicaragua, miterlebt hat. Matthias Schindler verfügt darüber hinaus über intimste Kenntnisse der politischen Akteure in Nicaragua selbst und innerhalb der internationalen und besonders der deutschen Solidaritätsstrukturen und der Diskussionen, die sich in diesen Milieus abgespielt haben und noch abspielen.
Das Buch ist die erste Veröffentlichung, die einen Gesamtüberblick über die politische Entwicklung seit dem Sieg der Revolution in 39 kleinen Kapiteln von Anfang an bis heute leistet. Es ist frei von Selbstlob und Glorifizierung. Im Gegenteil! Der Autor wirft Fragen auf, warum die Solidaritätsbewegung sich abzeichnende, teils zerstörerische Entwicklungen nicht früher erkannt hat und diesen nicht entschlossen entgegengetreten ist. So die Selbstbereicherung der führenden Comandantes de la Revolu­ción durch die Piñata nach der verlorenen Wahl 1990, die Fälschungen der Kommunalwahlen von 2008, die diversen Pakte Ortegas mit reaktionären Kräften aus Gesellschaft und Kirche, die Umformung der FSLN zu einem Instrument zur Sicherung der Macht des Ortega-Clans.
In einem wichtigen Kapitel beschäftigt sich der Autor mit der dialektischen Beziehung zwischen Revolution und Demokratie. Dabei zitiert er mehrfach Orlando Núñez, einen der wenigen Intellektuellen des Sandinismus, der sich kritisch mit diesem Problem beschäftigt hat und kategorisch feststellt: «Eine Revolution, die sich nicht demokratisiert, beginnt schon unmittelbar nach ihrer Geburt wieder zu verschwinden.»
Dieses Buch ist ein wertvolles Handwerkszeug für alle, die sich mit der Entwicklung in Nicaragua beschäftigen. Darüber hinaus ist es ein Nachschlagewerk mit Darlegung und Erklärung zahlreicher Fakten, Ereignisse, politischer Entwicklungen. Es werden auch alle Personen erwähnt, die direkt und indirekt die politische Entwicklung Nicaraguas beeinflusst haben. Sowohl im Land selbst als auch in der internationalen Solidaritätsbewegung. Es schließt mit dem Bekenntnis des Autors: «Kein Sozialismus ohne Demokratie! Keine Demokratie ohne Sozialismus!»
Es sei noch erwähnt, dass der Band im Anhang ein umfangreiches Literaturverzeichnis enthält, eine Auflistung der zahlreichen, in Nicaragua verwendeten Abkürzungen und eine Zeittafel, die die historisch-politische Entwicklung des Landes auflistet, von 1821 (der Unabhängigkeit Mittelamerikas von Spanien) bis zur Errichtung der Diktatur durch Ortega/Murillo heute.


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