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TIP-TOP, Arbeitsstopp!

Zu Besuch beim Streik in der Gebäudereinigung
Interview mit Michaela Höhle

Zum Streik aufgerufen waren unter anderem die Beschäftigten der Firma TIP-TOP. Violetta Bock sprach mit Michaela Höhle, Betriebsratsvorsitzende in Baunatal, über den Streik und die Forderungen. Das Interview wurde am 11.Oktober 2019 geführt.

Um was geht es hier heute?

Es geht darum, dass die Arbeitgeberseite uns kein Weihnachtsgeld geben möchte, dass sie sämtliche Vergünstigungen aus dem Rahmentarifvertrag streichen will – damit sind wir nicht einverstanden. Es kann nicht sein, dass etwa die Überstundenzuschläge von 25 Prozent auch für Teilzeitbeschäftigte gestrichen werden sollen. Ich finde das unfair.

Wie ist die Situation in der Gebäudereinigung?

Viele Firmen bauen wirklich Scheiße. Bei TIP-TOP hab ich das zum Glück noch nicht mitbekommen. Es gibt manchmal Unruhe, aber man liest halt viel bei Facebook und in der Presse, wie Firmen mit den Mitarbeitern umgehen. Und das ist einfach ein Skandal.

Wieviel Lohn bekommt ihr?

Wir bekommen im Moment 10,56 Euro hier im Westen, ab Januar sind es 10,80 Euro. Im Osten sind es ab Dezember 10,80 Euro. Da kriegst du nicht viel raus. Ich habe sechs Stunden. Wenn man dann nicht den Rückhalt der Familie hat oder einen Partner, dann sieht es schlecht aus und man muss aufstocken. Und zu 100 Prozent landet man in der Altersarmut.

Und der Lohn steigt, je nachdem wie lang man dabei ist?

Nein, das erfordert immer Verhandlungen. Für die Löhne fängt die Tarifrunde nächstes Jahr an. Deswegen haben die Arbeitgeber gesagt, na, das Weihnachtsgeld kann man ja im Lohn verhandeln. Aber bei der Lohnverhandlung vor zwei Jahren hieß es von ihnen, nein, das können wir nicht im Lohn verhandeln, das Weihnachtsgeld gehört in den Rahmentarifvertrag. Und jetzt heißt es wieder so rum. Die wollen uns verarschen, und wir lassen uns nicht verarschen.

Die IG BAU fordert auch, dass die Branchenzugehörigkeit anerkannt wird. Ein großes Problem sind die ständigen Ausschreibungen. Wie läuft das bei euch?

In zwei Jahren stehen wieder Ausschreibungen an und für uns ist das immer das große Zittern, bleibt die Firma oder kommt ein neuer Arbeitgeber? Ich hab vor TIP-TOP bei zwei anderen Firmen gearbeitet. Ich habe immer das gleich gemacht, nur immer mit einem anderen Kittel. Ich weiß nicht, warum VW das so macht. Immer wieder zwei, oder drei Jahre und dann eine neue Ausschreibung. Machen die gleiche Arbeit, nur in anderen Klamotten. Den Frauen geht dann der Arsch auf Grundeis und sie fragen sich, ob sie rausgeschmissen werden. Der neue Arbeitgeber wäre aber blöd, wenn er die Eingearbeiteten entlässt. Ansonsten ändert sich nichts. Zum Teil kommen Flächen dazu. In Wolfsburg ist zum Beispiel noch Fläche dazu gekommen. Da hat VW die Küche vorher noch selber sauber gemacht. Aber wir kosten natürlich weniger als VW-Arbeiter.

Ihr seid heute zum zweiten Tag draußen. Wie ist so die Beteiligung?

Die Beteiligung finde ich sehr gut. Es könnte immer mehr sein. Aber ich bin sehr froh und stolz, wie es abläuft. Bei uns arbeiten an die 50 Leute und 40 sind bestimmt hier. Wir sind zuständig für die Spülküchen bei VW. Hier in Baunatal sind fast alle teilzeitbeschäftigt. Ab und an fallen Überstunden an, das ist normal. Wir arbeiten mit Maschinen, die können kaputt gehen, und das Geschirr muss gereinigt werden und dann steht man halt mal ein bisschen länger. Aber das ist nicht die Regel.

Wie ist die Reaktion der anderen Beschäftigten?

Die IG Metall bei VW unterstützt uns, das finde ich toll und dafür bin ich sehr dankbar.

Was würdest du dir wünschen?

Ich hoffe, dass die Arbeitgeber sich wieder an einen Tisch setzen und man schnell ein Ergebnis zu unseren Gunsten hat. Dass wir auf eine Art und Weise eine Einsparung machen müssen, kann passieren, will ich aber nicht.

Was empfiehlst du anderen Kolleginnen und Kollegen in der Reinigung?

Definitiv in die Gewerkschaft eintreten, sich organisieren oder, wenn man was mitbekommt, sich anschließen, man ist immer herzlich willkommen. Ich denke, wir müssen uns gegenseitig unterstützen, nur so schaffen wir das.

Gibt es etwas, was du dir von der Politik wünschst?

Vieles wird ja offiziell vergeben. Da muss mehr drauf geachtet werden, was gezahlt wird, dass auch mal ein Arbeitsvertrag gelesen wird, damit sie wissen, was die Arbeitnehmer bekommen und nicht einfach blindlings unterschreiben, nach dem Motto, welche Firma ist am billigsten? Denn da leiden die Leute drunter.

Was ist als nächstes geplant? Stand jetzt ist, es gab sechs Verhandlungsrunden, die Arbeitgeber sind aus der letzten raus, als das Wort Weihnachtsgeld fiel und es gibt keinen neuen Termin. Wie geht es weiter?

Ich hoffe, sie gehen schnell wieder an den Tisch. Gewerkschaftlich geht’s natürlich weiter. Wir erreichen nur was, wenn wir Flagge zeigen und sagen, so nicht. Dann muss eine Toilette eben mal eine Woche liegen bleiben. Dann sehen auch die Mitarbeiter von VW, was wir, die stillen Mitarbeiter, für Arbeit leisten. Das wird überhaupt nicht gesehen und oft auch nicht wertgeschätzt. Wir kommen, wenn die weg sind. Viele benehmen sich wie ein Schweinchen im Betriebsrestaurant.

Und wie kann man euch unterstützten?

So wie die IG Metall, Flagge zeigen. Aktionen mitmachen.


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