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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Die Atomindustrie sieht neue Chancen

Atomenergiegegner schlagen Alarm
dokumentiert

Mit ihrer Entscheidung, die Abstandsregelung für Windräder auch zu kleinen Siedlungen (1000 Meter!) drastisch zu verschärfen und trotz des gebotenen Ausstiegs aus der Kohle neue Kohlekraftwerke in Betrieb zu nehmen wie in Datteln sendet die Bundesregierung ein weiteres Mal das deutliche Signal, dass sie die Erneuerbaren Energien, sofern dies Energien aus nicht fossilen Quellen sind, zurückzudrängen wünscht. Woher aber soll dann CO2-freier Strom kommen? Aus der Atomkraft, natürlich.

Die Befürworter der Atomenergie haben sich nach dem halbherzigen Atomausstieg seit Fukushima weggeduckt, aber sie sind nicht verschwunden. Jetzt wittern sie Morgenluft. Denn der Umstieg auf die Elektromobilität – ein Anreiz für Autoindustrie, E-Autos als zusätzliche Zweit- oder Drittwagen für die Stadt zu produzieren – wird eine solche Menge an Strom verbrauchen, dass dies mit grünem Strom allein nicht zu bewältigen ist.
Jochen Stay ist ein Anti-Atomaktivist der ersten Stunde. Von Zeit zu Zeit verschickt er einen Bettelbrief, in dem er über den Stand der Dinge berichtet. Diesmal wollten wir weiterleiten. Denn wir teilen seine «große Sorge».

Liebe Freundin, lieber Freund,
heute schreibe ich dir in großer Sorge. Die öffentliche Debatte um die Atomenergie nimmt gefährliche Formen an. Eine Gruppe von Atomfans, meist Beschäftigte aus der Atombranche, hat sich im Verein «Nuklearia» zusammengeschlossen und streitet mit Vehemenz für eine Neubewertung der Atomkraft in Zeiten des Klimawandels. Sie bedienen sich dabei der Mär vom neuen Reaktor, der angeblich sicher sei und angeblich allen Atommüll verbrenne. Den gibt es zwar nicht, wie ja im aktuellen .ausgestrahlt-Magazin nachzulesen ist. Aber das stört Nuklearia nicht.
Ein Problem: Diese falsche, aber einfache Geschichte sorgt sowohl in der Klimadebatte als auch in der Atommülldebatte für Verwirrung: Könnten neue sichere AKW das Klima retten? Könnten neue Reaktoren ein tiefengeologisches Atommülllager überflüssig machen? Gerade bei manchen jungen Leuten kommen diese Märchen erschreckend gut an.
Ein weiteres Problem: Die Medien lieben Menschen, die gegen den Mainstream argumentieren. Und da in Deutschland derzeit der Atomausstieg noch (!) Mainstream ist, räumen sie denjenigen viel Platz ein, die es anders sehen und das Blaue vom Himmel versprechen. Nuklearia-VertreterInnen bekamen etwa ein großes Interview auf Spiegel Online oder einen ganzseitigen Gastbeitrag in der Zeit.
Ein drittes Problem: Die Mitglieder von Nuklearia, zum Teil IngenieurInnen oder NaturwissenschaftlerInnen, sind extrem aktiv in den sozialen Medien (Facebook, Twitter, YouTube), in den Kommentarfunktionen unter Artikeln von Onlinemedien und auf den Leserbrief-Seiten der Zeitungen. Ihre von Halbwahrheiten dominierte technische Argumentation ist für Laien schwer zu durchschauen oder gar zu widerlegen.
Ein Redakteur der Deister-Weser-Zeitung (DeWeZet), Regionalzeitung um das AKW Grohnde, hat Gespräche mit Menschen geführt, die in den Kommentaren unter seinen Onlineartikeln pro oder contra Atom argumentiert haben. Ich zitiere diesen Text ausführlich, denn er macht deutlich, was derzeit passiert:
«Einer, der sich ebenfalls kräftig zu Wort meldete: Rainer Reelfs. Kaum einer weiß, dass er stellvertretender Vorsitzender des Vereins Nuklearia ist, der kräftig für die Kernenergie wirbt. Inzwischen dauert es manchmal nur wenige Minuten, bis der Diplom-Ingenieur als einer der ersten die Debatten nach Veröffentlichung eines Dewezet-Beitrags zum AKW auf Facebook eröffnet … Der Nuklearia-Sprecher sieht sich in seinem Ziel bestätigt. Das Thema Kernenergie ‹kommt aus der Tabuzone heraus›, beobachtet er selbst die Tendenz, dass sich die Einstellung zu der umstrittenen Technik wieder wandelt. ‹Ich habe das Gefühl, dass wir die Faktenhoheit zurückgewinnen.›»
Ohne es empirisch zu belegen, zeichnet die Entwicklung auf, dass die Befürworter zeitweise die Oberhand gewinnen. Einer, der im Frühjahr die Stimme gegen das AKW erhob, war Marcel M. Selbst wenn er ebenfalls versucht, mit fundierten Erkenntnissen aus der Wissenschaft zu argumentieren: Marcel M. stand auf verlorenem Posten. «Es ist aber sehr anstrengend, zeit- und nervraubend», meint Marcel M. zu den Debatten. Reelfs unterscheidet zwischen drei Gruppen, wie er sagt. Die «Hardcore-Gegner», die für keine Argumente empfänglich seien, die zunehmende Zahl derer, die der Kernkraft positiv gegenüberstünden, und «die große Masse, die keine klare Meinung hat, sich aber oft von Medienberichten leiten lässt». Die Unschlüssigen will Reelfs erreichen, wie er sagt. «Und ich habe das Gefühl, dass sich die Stimmung dreht.»
Besonders drastisch beschrieb die aktuelle Situation der Pro-Atom-Aktivist «avi shomer» in einer Diskussion auf Twitter: «Für die meisten Antis ist der Drops mit den AKW gelutscht, und nicht wir sind stärker, sondern die sind älter & lahmer geworden.»
Leider ist da was dran. Einige atomkritische Menschen denken ja wirklich, der Atomausstieg sei unumkehrbar. Sie kümmern sich inzwischen nicht mehr groß um die Atomdebatte, sondern engagieren sich in anderen (nicht weniger wichtigen) Politikbereichen.
.ausgestrahlt dagegen kümmert sich weiter um die Atomdebatte. Wir sind nicht «lahmer» geworden, sondern weiter ziemlich munter. Doch wir können den VielschreiberInnen von Nuklearia und Konsorten nur etwas entgegensetzen, wenn uns Menschen wie du dabei unterstützen. Zum einen, indem du dich selbst in die öffentliche Debatte einmischst. Zum anderen, indem du die Arbeit von .ausgestrahlt finanziell unterstützt.
Die Finanzierung unserer Basiskosten für das Jahr 2020 ist noch nicht gedeckt. Von den Spenden und Förderzusagen, die bis Ende des Jahres bei .ausgestrahlt eingehen, hängt es also ab, ob .ausgestrahlt also zukünftig «lahmer» wird oder nicht.
Jochen Stay

Spendenkonto: .ausgestrahlt e.V., IBAN: DE51430609672009306400, GLS-Bank.


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