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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Fiktion und Wirklichkeit

Zur Bilanz der deutschen Revolution 1918–1923
von Manuel Kellner

Seit November 2018 begleitet Manuel Kellner die deutsche Revolution vor 100 Jahren in kleinen Serienartikeln und verschiedenen längeren Beiträgen bzw. Themen. Die vorliegende Bilanz beschließt jetzt die Serie. Sie zeigt vor allem eins: Heute wie damals ist ein abschließendes Urteil am Schreibtisch nicht möglich.

Ach, wäre es doch so gekommen: Am 4.Dezember 1923 eröffnet Karl Radek den außerordentlichen Parteitag der Bolschewiki in Moskau. Er begrüßt eingangs die ausländischen Gäste, zuerst Heinrich Brandler und Clara Zetkin von der KPD, und verkündet die Einberufung des V.Kongresses der Kommunistischen Internationale für Mitte Februar 1924 in Berlin. Die Eroberung der politischen Macht durch die in Räten organisierte deutsche Arbeiterklasse sei ein Wendepunkt im Prozess der sozialistischen Weltrevolution.
Noch immer gebe es große Gefahren. «Das kapitalistische Frankreich und die reaktionäre polnische Regierung drohen, das revolutionäre Deutschland zu überfallen, nachdem unser Genosse Brandler den Versailler Vertrag vor den Augen der Weltöffentlichkeit zerrissen hat. Das siegreiche Proletariat Deutschlands verweigert zu Recht jede Mitverantwortung für die Verbrechen des Kaiserreichs und der bis vor wenigen Wochen noch herrschenden Klassen! Unsere Rote Armee ist mobilisiert, um unseren deutschen Brüdern und Schwestern zur Hilfe zu eilen (Stürmischer Beifall).»
Nachdem Radek über die neuesten Entwicklungen in den anderen europäischen Ländern und in den USA gesprochen und den großen Aufschwung der antikolonialen und antiimperialistischen Bewegungen im Osten, in Afrika und in Süd- und Mittelamerika unterstrichen hat, wendet er sich den jüngsten Änderungen in der bolschewistischen Partei zu:
«Manche von euch wundern sich vielleicht über die Abwesenheit der Genossen Bucharin, Sinowjew, Trotzki und Stalin. Bucharin, Sinowjew und Trotzki sind nach Berlin abgereist. Bucharin unterrichtet dort an der neuen Marxistischen Akademie Rätedemokratie und Geschichte der bolschewistischen Partei. Es heißt, er habe selbst auch das Studium der Dialektik aufgenommen. (Heiterkeit.) Sinowjew leitet den Stab unserer Kommunistischen Internationale, der den bevorstehenden Weltkongress vorbereitet. Trotzki wirkt in der Reichsleitung der neuen Roten Garden Deutschlands mit. Stalin hat den Posten des Generalsekretärs aufgegeben und berät in Tiflis mit unseren georgischen Genossen über die Konsequenzen unserer erneuerten Nationalitätenpolitik (Beifall).»
Radek berichtet, dass die Politik des «Neuen Kurses» vom Zentralkomitee mit großer Mehrheit angenommen worden ist. Dem außerordentlichen Parteitag liegen Vorschläge zur Erneuerung der innerparteilichen Demokratie, zur Aufhebung des Fraktionsverbots und zu den Veränderungen der Neuen Ökonomischen Politik vor, die der Sieg des deutschen Oktober möglich gemacht hat. Er beschließt seine Rede mit den Worten: «Ihr wisst alle, wie schlecht es unserem Genossen Lenin geht. Er kann nicht mehr sprechen. Die Genossin Krupskaja hat uns aber berichtet, dass er die Nachrichten von den neuen Entwicklungen in Deutschland und in unserer Partei mit einem heiteren Lächeln aufgenommen hat (anhaltender Beifall)

Die Rolle der Sozialdemokratie
In Wirklichkeit endete die deutsche Revolution 1918–1923 mit einer Niederlage und einem nachhaltigen Rückschlag für den Prozess der sozialistischen Weltrevolution. Das hatte unmittelbar sehr negative Konsequenzen für die Lage in vielen Ländern, vor allem auch in Sowjetrussland. Die wachsende Schicht der immer mehr privilegierten Bürokraten im verschmelzenden Partei- und Staatsapparat hatten das Gerede von der Weltrevolution endgültig satt. Sie trug Stalin an die Macht, unterstützte seine Kampagne für den «Sozialismus in einem Land» und gegen den «Trotzkismus».
Die Zeit der lebendigen und kontroversen Debatten war bald vorbei. Ein unerträglicher Konformismus erstickte das politische Leben, das zu einer Unzahl geistloser Akklamationen der Beschlüsse der «Führer» degenerierte. Die Kommunistische Internationale wurde zu einem Instrument der sowjetischen Staatspolitik umgemodelt (und 1943 letztlich aufgelöst).
Das hatte Auswirkungen auf die KPD. Mit der sog. «Bolschewisierung» wurde eine neue Art der Führung etabliert, deren Kult die Diskussion in der Mitgliedschaft über den Kurs der Partei zunehmend ersetzte. Während führende Mitglieder der KPD bis zum Oktober 1923 die Gesandten der Kommunistischen Internationale geradezu dazu drängten, in schwierigen politischen Situationen die Richtung der Politik in Deutschland zu bestimmen, um nicht selbst Verantwortung übernehmen zu müssen, wurden nunmehr die Direktiven aus Moskau für die Sektionen der Kommunistischen Partei zunehmend zum Gesetz.
Welche Fehler auch immer die Führungen der KPD 1918–1923 gemacht haben mochte: Bald nach der Niederlage im Oktober 1923 gab es gar keine selbständig urteilende und handelnde Mitgliedschaft und Führung der KPD mehr.
Doch die politische Verantwortung für die Niederlage der revolutionären Welle 1918–1923 und für die folgenden tragischen Entwicklungen trägt ohne Zweifel die deutsche Sozialdemokratie. Ihre Aufarbeitung der eigenen konterrevolutionären Rolle und ihrer wiederholten Bündnisse mit den Kräften der Reaktion steht bis heute aus.
Die SPD-Führung tat alles, um die Arbeiter- und Soldatenräte, denen sie die Regierungsmacht verdankte, zurückzudrängen und zu entmachten. Die Erhaltung der Macht des bürgerlichen Staates und des Kapitals war der höchste Zweck ihrer Politik. Im Kampf gegen die «bolschewistische Gefahr» paktierte sie nicht nur mit der Reichswehr, sondern trieb auch die Bildung der präfaschistischen Freikorps voran.
Bei Aufschwüngen der Massenbewegung tat sie alles, um diese zu kanalisieren, umzubiegen und wehrlos der Konterrevolution auszuliefern. Sie rechtfertigte den weißen Terror in Berlin, gegen die Münchener Räterepublik, gegen die aufständische arbeitende Klasse im Ruhrgebiet wie in Mitteldeutschland. Weil sie die Niederlage der Revolution mit allen Mitteln des Verrats und Betrugs organisierte, trägt sie auch ein gerütteltes Maß an politischer Mitverantwortung für die Durchsetzung der stalinistischen Terrorherrschaft in der Sowjetunion.

Revolutionäre Führungen
In der Politik der KPD 1918–1923 gab es eine Fülle von Irrtümern, Fällen des Versagens und verpasster Möglichkeiten. Es gab aber auch immer wieder Korrekturen vergangener Fehler und viele Ansätze zur Entwicklung einer den Erfordernissen der Lage angepassten revolutionären Realpolitik. Einwände aus sozusagen «reformistischer» Sicht gegen die grundsätzlich revolutionäre Einstellung der KPD ergeben in der damaligen Lage überhaupt keinen Sinn, zumal 1923 nicht.
Mit der Hyperinflation 1923 wurde das Kleinbürgertum ins heulende Elend getrieben – einschließlich der sog. «Arbeiteraristokratie» aus den bezahlten Funktionären der SPD, der Gewerkschaften, Kooperativen und zahllosen anderen Verbänden und Vereinen der Arbeiterbewegung. Eine winzige Schicht von Großeigentümern und Großkapitalisten plünderte die Masse der Bevölkerung vor aller Augen schamlos aus. Der Lebensstandard der Masse der lohnabhängig Beschäftigten in der Industrie verfiel von Woche zu Woche.
Die Herrschenden wurden offensichtlich nicht fertig mit der Bedrückung durch die alliierten Siegermächte des Ersten Weltkriegs, mit ihren Reparationsforderungen und der militärischen Besetzung des Ruhrgebiets durch französische und belgische Truppen. Der von der SPD mit herangezüchtete Rechtsextremismus aggressivster Sorte erhob sein Haupt.
Es gab keine andere realistische Antwort auf diese Situation als die in internationalistischer Perspektive durchgeführte Eroberung der politischen Macht durch die arbeitende Klasse und ihre selbstorganisierten Organe. Der Erfolg revolutionärer Politik in solchen Situationen hängt oftmals an einem Faden.
In dieser Hinsicht ist die Geschichte der Politik der KPD 1918–1923 reich an Lehren. «Exemplarische» Minderheitenaktionen, wenn die Mehrheit noch nicht für revolutionäre Perspektiven gewonnen ist, Aufrufe zu Generalstreik und bewaffneter Massenaktion, wenn der Masse der arbeitenden Bevölkerung das Zutrauen in den möglichen Erfolg fehlt, sind zum Scheitern verurteilt.

Schwierige Lehren
Umgekehrt kann die Möglichkeit der Eroberung der politischen Macht verspielt werden, wenn eine revolutionäre Führung sie nicht am Schopfe packt. Ihr Zögern, ihre mangelnde Entschlossenheit, ihr Wanken teilen sich der Masse der Mitglieder und der übrigen mehr oder weniger revolutionär gesonnenen Arbeiterinnen und Arbeiter mit. Sie verlieren das Vertrauen in den möglichen Sieg. Der folgende Rückzug gibt der herrschenden Klasse neuen Spielraum, ihre Macht zu konsolidieren und der Reaktion neuen Mut, den Mob zur Rache an den aufmüpfigen Ausgebeuteten und Unterdrückten anzustacheln.
Ohne eine revolutionäre Partei, die den politischen Vortrupp der Arbeiterinnen, Arbeiter, Benachteiligten und Betrogenen organisiert, ist eine siegreiche sozialistische Revolution nicht denkbar. Solange keine vorrevolutionäre Situation entstanden ist, bleibt es also die vordringliche Aufgabe der Revolutionäre, alles dafür zu tun, dass zumindest die Mehrheit dieser Vorhut sich selbständig zur politischen Partei konstituiert, als Teil einer revolutionären Internationale. Die Erfahrung der bisherigen Revolutionen – wie der 1918–1923 in Deutschland – zeigt aber, wie hoch die Anforderungen an die politische Urteilskraft einer solchen Partei und ihre Führung ist.
Darum ist das Studium der Geschichte der Revolutionen und Konterrevolutionen, der revolutionären Bewegungen und Parteien, der Fragen politischer Strategie und Taktik in gegebenen Situationen – zumal im eigenen Land – ein wichtiger Bestandteil revolutionärer linker Bildungsarbeit. Hierbei gilt es, sich allzu einfache und vorschnelle Urteile zu verkneifen und vor allem das Problembewusstsein darüber zu fördern, wie schwierig es ist, sich in konkreten politischen Situationen zurechtzufinden und daraus politische Orientierungen zu entwickeln.
In Deutschland hat sich im Ergebnis des Prozesses 1918–1923 die emanzipatorische Hoffnung für viele Jahre zerschlagen. Das war die Voraussetzung für den Aufschwung der konterrevolutionären Verzweiflung. Dieser mündete in das Naziregime, in die Zerschlagung der Arbeiterbewegung – auch der sozialdemokratischen –, in die Ermordung der jüdischen Bevölkerung Europas, in einen noch viel mörderischeren weiteren Weltkrieg und in den völligen Zusammenbruch des deutschen «Dritten» Reichs.


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