Gemischtes Ergebnis


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2019/12/gemischtes-ergebnis-2/
Veröffentlichung: 01. Dezember 2019
Ressorts: Amerika, Arbeitskämpfe, Gewerkschaften

Bei GM ist die Tarifverhandlung beendet
von Jane Slaughter/Chris Brooks*

Der Streik der Automobilarbeiter in den USA gegen General Motors endete Ende Oktober nach sechs Wochen Streik. Die Arbeiter stimmten dafür, einen Vertrag zu unterschreiben, der eindeutig unbeliebt war, aber mit 57 Prozent Fürstimmen angenommen wurde.

Bruno, der am Mittwoch vor der Betriebsversammlung im Werk Detroit-Hamtramck in der Nähe eines brennenden Fasses stand, sagte, er würde mit Ja stimmen, weil «wir nicht mehr aus ihnen herausholen werden. Es ist bedauerlich, dass wir rausgehen mussten, um dasselbe zu bekommen, was wir vorher hatten».
Bruno, der seinen Nachnamen nicht nennen wollte, wies darauf hin, dass das aktuelle Angebot auf früheren Zugeständnissen der Gewerkschaft beruhte: «Wir haben uns in früheren Verträgen auf Zeitarbeit eingelassen und darauf, handwerkliche Tätigkeiten auf ‹mechanisch› und ‹elektrisch› herunterzustufen – und auf die ganze Idee von zwei Lohnstufen.»
Trotzdem machte sich Nelson Worley, der seit fast 42 Jahren bei GM arbeitet, Sorgen um die Zukunft der Gewerkschaft: «Sie sagen, wir holen sie das nächste Mal», sagte er, «aber vielleicht gibt es kein nächstes Mal. Wir haben in den letzten zehn Jahren 30000 Arbeitsplätze verloren.»

Rekordgewinne und das FBI
Die Mitglieder der Gewerkschaft UAW sahen sich bei den Verhandlungen mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert, von denen einige beispiellos, andere bekannt waren: Mehrere Gewerkschaftsvertreter sind wegen Korruption angeklagt, gegen den UAW-Präsidenten Gary Jones ermittelt das FBI. Die Autokonzerne erzielen Rekordgewinne, die Beschäftigungsquoten in der Automobilindustrie sind niedrig, es gibt Werksschließungen und die Branche verlagert ihren Schwerpunkt allmählich auf die Elektromobilität.
Als die Gewerkschaft UAW 1970 bei General Motors tätig wurde – damals das größte und mächtigste Industrieunternehmen des Landes – standen 470000 Gewerkschaftsmitglieder bei den Streikposten. Nach jahrzehntelanger Verdichtung durch Fließbänder, Auslagerung von Arbeitsplätzen, Verlagerung von Fabriken und rückläufigen Marktanteilen ging diese Zahl auf weniger als 50000 zurück.
Im Streik 1970 stellte die UAW klare, aggressive Forderungen auf: einen Anspruch auf Betriebsrente nach 30jähriger Betriebszgehörigkeit und auf deren unbefristete Anpassung an die Lebenshaltungskosten – und sie gewann. Diesmal blieb die Gewerkschaft vage: «Faire Löhne, Arbeitsplatzsicherheit, unseren Anteil an den Gewinnen, eine erschwingliche Gesundheitsversorgung und ein festgelegtes Verfahren zur Anrechnung der Dienstzeit für zeitlich befristeste Beschäftigte», hieß es in den Pressemitteilungen – den Mitgliedern wurde nicht mehr dazu gesagt.

Der Vertrag
Die Arbeitsplatzsicherheit
Obwohl Gewerkschafter die Produktion aus Mexiko zurückzuholen wollten, wird in dem Vertrag nichts darüber gesagt, hingegen werden drei US-Fabriken und ein Teiledepot geschlossen.
Bruno spottete über die genannten Gesamtinvestitionen, die von den Zeitungen in Detroit als ein Sieg der UAW angepriesen wurden – als ob der Vertrag die Investitionsentscheidungen kontrollieren würde. «7,7 Milliarden US-Dollar? Das müssen sie tun, um mit der Technologie Schritt zu halten», sagte er.
Laut GM werden durch die Investition 9000 Arbeitsplätze erhalten oder geschaffen. Aber GM hat sich routinemäßig über seine Aussagen zu Investitionen und Arbeitsplatzsicherheit hinweggesetzt Als es in den 80er Jahren unschicklich war, von Werksschließungen zu reden, ließ GM stattdessen die Fabriken «im Leerlauf laufen». Seit neuestem bezeichnen sie diese Fabriken als «unterbesetzt» – als ob alles, was benötigt wurde, um die einst mächtige UAW zu besiegen, ein Wörterbuch der Synonyme wäre.
Tatsächlich sieht der Vertrag sogar vor, dass die UAW ihre Klage gegen GM wegen Schließung ihres Werks in Lordstown (Ohio) zurückzieht. Die meisten Lordstown-Arbeiter sind an einen anderen Ort versetzt worden, die übrigen haben mit 412 zu 61 für Nein gestimmt.

Die Lohnstufen
Der Vertrag behält alle Stufen des vorherigen Vertrags bei, möglicherweise werden es aber auch mehr – mindestens zehn. Lordstown-Arbeiter erhalten vielleicht einen Trostpreis in Gestalt eines in ihrem Gebiet eröffneten Elektrobatteriewerks – jedoch zu einem Lohn von 17 Dollar pro Stunde. Eine Lohnstufe wird voraussichtlich endgültig abgeschafft: die oberste.
Auch wenn Beschäftigte in der Lohnstufe 2 (die GM höflich als «in Progression» bezeichnet), die seit 2007 eingestellt wurden, infolge dieses Vertrags endlich den gleichen Lohn wie Beschäftigte in Lohnstufe 1 bekommen werden – was ein positives Ergebnis ist –, erhalten sie dennoch keine Rente und keine Gesundheitsversorgung im Ruhestand. Einige der derzeitigen Zeitarbeitskräfte, die jetzt etwa 7 Prozent der Belegschaft ausmachen, werden in der zweiten Stufe fest angestellt, aber es werden mehr Zeitarbeitskräfte eingestellt, um sie zu ersetzen.
Der Prozess der Umwandlung in den unbefristeten Status ist lückenhaft. Die Arbeiter vertrauen ihm nicht. «GM weiß, wie man das umgeht», sagte ein Arbeiter, der sich als «betroffenes Gewerkschaftsmitglied» vorstelle. Er sagte, er habe mit Nein gestimmt, weil der Vertrag «nicht für alle gleich ist».

Die Standortsicherung
Der Kollege war auch nicht davon beeindruckt, dass GM angibt, im Werk Detroit-Hamtramck einen Elektro-Lkw bauen zu wollen, wo jetzt Impalas und Cadillacs produziert werden. Obwohl sich die Streikenden darüber freuten, waren sie sich einig, dass der Elektro-Lkw schon lange geplant und kein Ergebnis harter Verhandlungen war.

Die Abstimmung der Mitglieder
Abgesehen von den Arbeitern in Lordstown und denen, die das Gefühl hatten, nicht genug durchgesetzt zu haben, was einen Streik von sechs Wochen rechtfertigen würde, stimmten Mitglieder der dritten, vierten und fünften Lohnstufe mit großem Abstand gegen die Vereinbarung. Sie arbeiten in Werken mit vier Komponenten und in Ersatzteillagern und ihre Löhne werden erst nach acht Jahren das Niveau von 22,50 bzw. 25 Dollar erreichen. Das sind 70 oder 81 Prozent des Spitzenlohns anderer Arbeitnehmer von 32,32 Dollar. Neue ZeitarbeiterInnen bekommen 16,67 Dollar pro Stunde.
Die Handwerker stimmten zu einem höheren Prozentsatz als die Beschäftigten in der Fertigung mit Ja, was dem üblichen Muster widerspricht. (2015 hatten Handwerker bei GM den Vertrag abgelehnt, doch der Dachverband hat ihn trotzdem durchgesetzt.) Sie haben eine Garantie für 400 neue Auszubildende, die sie nun wieder selbst auswählen können, während die Entscheidung vorher an Dritte ausgelagert war.
Jessie Kelly, ein Formenbauerlehrling im GM Tech Center in der Nähe von Detroit, sagte: «Was die Facharbeiter erhalten haben, ist ein Ausrutscher. Ich wünschte, wir hätten größere Gewinne für Dinge erzielt, die sich auf die Mitgliedschaft insgesamt auswirken würden.»

Und nun?
Was bedeuten die Abstimmungsergebnisse für die Zukunft der Gewerkschaft? Das Beste wäre, wenn sich die Mitglieder daran erinnern, was sie einem Streikposten gesagt haben: dass sie sich für Gleichberechtigung einsetzen. Und dass sie den Impuls der Gewerkschaft nutzen wollen, um sich an ihren Standorten zu organisieren und Vertreter zu wählen, die diesen Vertrag durchsetzen und für einen besseren kämpfen.
Es ist auch möglich, dass sich am Ende dieser sechs Streikwochen Zynismus breit macht und die Mitglieder zu dem Schluss kommen, dass man auch mit Kampf nicht viel gewinnen kann.
Jessie Kelly hofft, dass der Streik die Popularität der Gewerkschaften allgemein ankurbelte und der UAW hilft, die Autofabriken in ausländischem Besitz zu organisieren, vor allem im Süden, wo eine gewerkschaftliche Organisierung in den letzten fünf Jahren dreimal gescheitert ist. «Die Leute haben recht, sich über diesen Vertrag aufzuregen», sagte Kelly. «Aber als wir in den Streik traten, waren die Leute davon angezogen. Die Menschen sahen in der Gewerkschaft mehr als nur einen Gebühreneintreiber und Betrüger. Das war ihr Ruf in meiner Generation. Wenn sie aber sehen, dass eine Gewerkschaft so ist, wie sie sein soll, werden sie interessiert.»

* Quelle: www.labornotes.org/2019/10/gm-workers-ratify-contract-though-mixed-best (Übersetzung: vb).