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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Max Hoelz…

und die individuelle Expropriation der Expropriateure
von Manfred Dietenberger

Das bilderbuchschöne, kleine Dorf Todtmoos-Rütte im Südschwarzwald dient schon seit langem vielen, Erholung an Leib und Seele suchenden Städtern als romantisches Refugium. Todtmoos-Rütte war über viele Wochen auch der Ort, an dem sich nach fast siebeneinhalb Jahren Gefängnis der zwar nicht gebrochene, aber durch die lange Isolierung und Einzelhaft doch angegriffene Revolutionär Max Hoelz (1889–1933) daran machte, wieder zu Kräften zu kommen und sich wiederzufinden. Viel zulange war er unschuldig von der Klassenjustiz der Freiheit beraubt gewesen.

Max Hoelz war in der Weimarer Zeit neben dem KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann einer der in Deutschland und weltweit bekanntesten deutschen Arbeiterführern. Wo immer sein Name fiel, blieb niemand gleichgültig. Seine Feinde beschimpften ihn als Räuberhauptmann, Brandstifter und Anarchisten. Seine Freunde aber nannten ihn in einem Atemzug mit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Für seine Freunde war er ein Revolutionär, der Rote General oder auch der Rote Robin Hood! Er selbst sah sich als den «Kesselheizer der Revolution».
Der Arbeitersohn Max Hoelz kam am 14.Oktober 1889 in Moritz bei Riga zur Welt und hatte als Kind viel Prügel einstecken müssen. Das machte ihn nicht zum Duckmäuser, sondern zum Rebellen. Nach der Schulzeit arbeitete er als 16jähriger fast zwei Jahre als Gelegenheitsarbeiter in London. 1909 zurückgekehrt, schloss er sich dem Christlichen Verein junger Männer und dem Sittlichkeitsbund «Weißes Kreuz» an. Er arbeitete jetzt im kleinen Industriestädtchen Falkenstein im Vogtland als Landvermesser und Erklärer von Stummfilmen. Mit Kriegsbeginn 1914 meldet sich Hoelz als Freiwilliger. Unter dem Eindruck des Massenmordens im Ersten Weltkrieg wurde er zum Kriegsgegner. Am 9.November 1918 kehrte er nach Falkenstein zurück. Dort lebten damals etwa 16000 Menschen, die Stadt bot mit etwa 5000 Erwerbslosen ein trostloses Bild.
Das Erzgebirge und das Vogtland haben schon immer zu den ärmsten Gebieten Deutschlands gehört. Es gab hier eine Spielwarenindustrie, eine Strumpfwirkerei sowie Stickerei-, Spitzen- und Gardinenindustrie, die zum Teil als Hausindustrie organisiert waren; die Löhne der Arbeiter waren erbärmlich. Diese Industrie lebte vor allem vom Export, doch der Krieg macht den unmöglich, sodass die Spielwaren- und die Textilindustrie völlig zusammenbrachen. Die minimale Arbeitslosenunterstützung reichte nicht zum Leben: Viele froren und hungerten, Verzweiflung breitete sich aus.

Der Arbeiterrebell
Als sich in Falkenstein ein Arbeitslosenrat bildete, wurde Hoelz zu dessen Vorsitzendem gewählt. Bald darauf gründet Hoelz mit vier anderen Genossen die örtliche KPD. Als Vorsitzender des Arbeitslosenrates von Falkenstein übte Hoelz faktisch die Macht aus. Von April bis Juni 1919 wurde unter seiner Führung in Falkenstein ein «Gerechtigkeitsregime» eingerichtet. ­Hoelz sorgte z.B. mit seinen Genossen – im handfesten Streit mit dem dortigen Bürgermeister und den Fabrik- und Villenbesitzern – dafür, dass die Arbeitslosen mehr Unterstützungsgeld, Kriegerwitwen erstmals Rente und die Hungernden Kartoffeln bekamen. Für die Armen ließ er in den Wäldern des Adels Holz einschlagen, damit sie Feuer in ihre Öfen bekamen. Während des Kapp-Putsches 1920 stellte er aus der Arbeiterschaft eine mehrere hundert Mann starke «Rote Garde» zusammen.
Zwischenzeitlich wurde er wegen Disziplinlosigkeit aus der KPD ausgeschlossen, später aber wieder aufgenommen. 1921 organisierte er im Vogtland neue soziale Aufstandsaktionen. Er überfiel mit seiner Miliz Banken (lediglich unter Gewaltandrohung) und verteilte das Geld sofort an die Bevölkerung. Durch Androhung der Sprengung ihrer Villen und Kaufhäuser wurden auch Fabrikherren und Kaufleute sowie Gutsbesitzer zur Herausgabe von Geld und Lebensmitteln an die arme Bevölkerung gebracht (ein paar Villen wurden wirklich gesprengt, nachdem die Bewohner mit Erfolg zum Verlassen ihrer Anwesen aufgefordert worden waren).
Bald genügte die bloße Nennung des Namens Hoelz, um gewaltlose Requirierungen durchzusetzen. Hoelz wurde als Anführer von drei bewaffneten Aufständen im Vogtland und im mitteldeutschen Industrierevier von den Herrschenden gejagt und 1921 gefangen und des Hochverrats angeklagt. Um ihn als «gewöhnlichen Verbrecher» aburteilen zu können, hängte man ihm dazu noch einen, von ihm nachweislich nicht begangenen Mord an einem Gutsbesitzer an (der Täter stellte sich später selbst).
Von einem Sondergericht in Berlin-Moabit wurde er zu lebenslangem Zuchthaus und Aberkennung der Ehrenrechte verurteilt. Hoelz schleuderte seinen Anklägern entgegen:
«Ich kann von Ihnen keine bürgerlichen Ehren verlangen. Sie können mir auch keine bürgerlichen Ehren absprechen. Die bürgerliche Ehre, um die Sie sich streiten, habe ich nie besessen. Bürgerliche Ehre heißt für mich die Kunst, von der Arbeit anderer zu leben. Sie bedeutet Monokel im Auge, voller Bauch und hohler Kopf. Für mich gibt es nur eine proletarische Ehre, und die wollen Sie mir und können sie mir nicht absprechen. Proletarische Ehre heißt Solidarität aller Ausgebeuteten, heißt Nächstenliebe, heißt, durch die Tat beweisen, dass man seinen Nächsten liebt wie seinen Bruder. Die Welt ist unser Vaterland und alle Menschen Brüder.»
Für seine Freilassung entwickelte sich eine riesige nationale wie auch internationale Bewegung. Neben tausenden von Arbeitern engagierte sich fast die gesamte demokratische Intelligenz der Weimarer Republik für ihn – Bert Brecht, Otto Dix, Albert Einstein, Lion Feuchtwanger, Oskar Maria Graf, Käthe Kollwitz, Heinrich Mann, Thomas Mann, Ernst Rowohlt, Ernst Toller, Kurt Tucholsky, Heinrich Zille und Arnold Zweig. Am 18.Juli 1928 kam Max Hoelz endlich frei.

Endstation Sowjetunion
Der Darmstädter Tiefbauingenieur Theodor Heyd lud ihn in sein Ferienhaus in Todtmoos-Rütte ein. Dort sollte sich Hoelz erholen und seine Autobiografie schreiben können. Heyd war 1918 selbst kurzfristig Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrats in Darmstadt gewesen und sympathisierte mit der Arbeiterbewegung und den Linksintellektuellen. Außer Hoelz und dessen Frau Traute (geb. Loebinger) genossen auch Erich Mühsam (und dessen Hund Morly) sowie einige andere die Gastfreundschaft des reichen, linken Ingenieurs.
In dessen bäuerlichem Ferienhaus in Todtmoos-Rütte angekommen, fing Max Hoelz gleich damit an, sein Leben aufzuschreiben. Anfangs tat er sich noch recht schwer damit. Fünf Wochen lang zerriss er regelmäßig, was er am Vortag geschrieben hatte. Seit frühester Jugend Abstinenzler und Vegetarier, begann er plötzlich zu fressen und zu saufen. Erst einige Wochen später gelang es ihm – indem er seine Erlebnisse aufschrieb –, einen Schlussstrich zu ziehen und das von der bürgerlichen Presse geschaffene Zerrbild seiner Person durch die authentische Darstellung seines Wollen und Handelns zu ersetzen. Danach kam er gut voran, nach jeder geschriebenen Seite wurde er seelisch freier.
Die Arbeit am Manuskript beanspruchte ihn voll bis in den Spätherbst 1929. Seiner Autobiografie gab er den treffenden Titel Vom weißen Kreuz zur Roten Fahne. Nach Vollendung des Buches trat Hoelz in ganz Deutschland auf vielen Veranstaltungen der KPD und der Roten Hilfe als Propagandist auf. Die Versammlungen waren meist von mehreren hundert begeisterten Zuhörern besucht.
Nicht alle verliefen reibungslos. Bei einer Kundgebung in der Karlsruher Festhalle am 23.April 1929 wurde Max Hoelz von den zahlreich unter die Versammlungsteilnehmer gemischten Nazis immer wieder unterbrochen. Am Ende der Veranstaltung kam es zu einer handfesten Prügelei mit den Faschisten, bei der Hoelz selbst verletzt wurde.
Anfang 1930 reiste er erstmals in die Sowjetunion, wurde dort begeistert empfangen und von Betrieb zu Betrieb weiter gereicht. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde Hoelz Anfang September 1930 in Bad Elster erneut von Nazis angegriffen und dabei schwer verletzt.
Im Herbst fuhr er wieder in die So­wjet­uni­on, entschlossen, dort auch zu bleiben. Wieder wurde er hier begeistert empfangen, Fabriken und Schulen wurden nach ihm benannt. Hoelz wollte bewusst am Aufbau des Sozialismus mitarbeiten. Doch ihm fiel auf, dass dort auch nicht alles Gold war, was glänzte. Wo er Missstände sah, machte er darauf aufmerksam und forderte Abhilfe.
Damit kam er zunehmend in Konflikt mit den Sowjetbürokraten. Fischer zogen seinen Leichnam am 16.September 1933 aus der Oka. Wenig später, am 18.September 1933, berichtete die Prawda: «Gestern fand die Beisetzung von Max Hoelz statt. Seine Leiche war im Gewerkschaftshaus aufgebahrt. Unter den Klängen des Trauermarschs trugen Andre Marty, Fritz Heckert, der Sekretär des Gebietsparteikomitees von Gorki, Shdanow, u.a. den Sarg aus dem Gewerkschaftshaus. Am Trauerzug nahmen große Kolonnen der Werktätigen Gorkis teil. Am Grab sprachen im Namen des ZK der KPD Heckert und im Namen des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale Marty.»

Vorbild für Honecker
Vor und auch nach 1945 tat sich die KPD/SED zeitweise schwer mit ihrem Genossen Max Hoelz. Für die einen war er ein disziplinloser Anarchist, für Erich Honecker aber war er «eine legendäre Gestalt so mancher Klassenkämpfe nach der Novemberrevolution». In einem Brief an den westdeutschen Verleger Bernd Kramer 1992 schrieb der Staatsratsvorsitzende a.D. aus der Haftanstalt Moabit heraus über seine Beweggründe für die Hoelz-Ehrung: «Als Generalsekretär der SED und Vorsitzender des Staatsrats der DDR ließ ich mich dabei von jenen in der SED nicht abhalten, die kein richtiges Verständnis von Max Hoelz hatten. Max Hoelz war für uns Jungkommunisten das große Vorbild eines revolutionäres Führers, den wir sehr verehrten.»
Er erwähnte bei der Gelegenheit, er habe das Sylvesterfest 1930/31 gemeinsam mit Hoelz im Moskauer Hotel Lux gefeiert. Auf Honeckers persönlichem Wunsch veranstaltete die Stadt Falkenstein zu Ehren von Hoelz’ 100.Geburtstag eine ganze Festwoche (7.–14.Oktober 1989), in deren Rahmen auch eine Hoelz-Büste enthüllt wurde. Zunächst hieß es, Honecker komme dazu selbst nach Falkenstein, dann hörte man, Kurt Hager komme, tatsächlich kam dann «nur» der Erste Sekretär der SED-Bezirksleitung von Karl-Marx-Stadt.
Während in Falkenstein das Hoelz-Denkmal enthüllt wurde, fand wenige Kilometer weiter in Plauen die erste der Großdemonstrationen statt, die Teil des Anfangs vom Ende der DDR waren. Nach angeblichen anonymen Drohungen, das Denkmal zu zerstören, ließ der Falkensteiner CDU-Bürgermeister die Büste am 2.Februar 1990, also keine vier Monate später, entfernen – um «eine weitere Radikalisierung der Situation in der Stadt zu vermeiden», wie er im Interview mit dem Neuen Deutschland sagte. Bald danach wurden die örtlichen SED-Funktionäre abgesetzt und die Hoelz-Büste landete auf dem Speicher.


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