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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 12/2019 |

Syrien: Idlib steht unter dreifachem Beschuss…

…und niemand schaut hin
von Harald Etzbach

Die militärische Offensive der Türkei Anfang Oktober hat Syrien wieder einmal eine Zeitlang in den Fokus der internationalen Aufmerksamkeit gerückt. Weltweit fanden größere Demonstrationen gegen die türkische Aggression statt, auch Main­streammedien berichteten umfassend.
Dies steht in auffallendem Kontrast zu dem Schweigen und der Nichtbeachtung eines anderen syrischen Dramas, das sich seit mittlerweile sieben Monaten ein paar hundert Kilometer weiter westlich abspielt: der systematische Vernichtungsfeldzug des syrischen Regimes und Russlands mit beinahe täglichen Artillerie- und Bomberangriffen in der Provinz Idlib im Nordwesten des Landes.

Etwa 1300 tote Zivilisten soll es seit Ende April – dem Beginn der Offensive der syrischen Regierungstruppen und Russlands – in Idlib und im nördlichen Teil der daran angrenzenden Provinz Hama gegeben haben.
Dramatisch ist auch die Zerstörung der Infrastruktur. Die Hilfsorganisation Save the Children berichtete Anfang September, dass etwa nur die Hälfte der Kinder in Idlib überhaupt die Möglichkeit habe, eine Schule zu besuchen. 87 Bildungseinrichtungen seien während der monatelangen Kämpfe zerstört, hunderte beschädigt worden. Die Schulen, die offen blieben, seien ständig von Luftangriffen und Artilleriebeschuss bedroht, so die Hilfsorganisation weiter.

Eine mörderische Kampagne
Neben Schulen sind auch Krankenhäuser bevorzugte Ziele der Angriffe der Regimetruppen und ihrer russischen Verbündeten. Seit April sind auf diese Weise über 50 Krankenhäuser und medizinische Versorgungseinrichtungen zerstört worden. Das russische Militär hat bestritten, solche Angriffe auf zivile Ziele geflogen zu haben. Bewiesen werden diese Aktionen jedoch durch zwei große investigative Reportagen des britischen Senders Sky News und der New York Times.
Der Bericht von Sky News konzentriert sich im wesentlichen auf die verheerende Bombardierung der Stadt Maarat an-Numan am 22.Juli. Hierbei waren bei vier aufeinanderfolgenden Angriffen auf ein Wohnviertel 44 Menschen getötet worden, darunter acht Kinder.
Augenzeugenberichte und der Abgleich mit Flugdaten russischer Bomber, die kurz zuvor von einem Militärflughafen in der benachbarten Provinz Latakia gestartet waren, zeigen eindeutig, dass es die russische Luftwaffe war, die das Massaker verübte. Der Bericht zeigt auch die Taktik des «zweifachen Schlags»: Unmittelbar nach dem ersten Angriff erfolgt ein zweiter, der dann den herbeigerufenen Helfern gilt.
Die Reportage der New York Times analysiert die Bombardierung eines Krankenhauses in Kafranbel Anfang Mai dieses Jahres. Am 6.November wurde genau das gleiche Untergrundkrankenhaus erneut von russischen Bomben getroffen und funktionsunfähig gemacht. Die Verantwortung der russischen Luftwaffe ist in beiden Fällen eindeutig durch den mitgeschnittenen Funkverkehr zwischen den Bomberpiloten und ihrer Kommandostation am Boden belegbar.
Aus Angst vor den Bomben – oder auch schlichtweg, weil sie keine andere Möglichkeit finden – campieren viele Menschen mittlerweile im Freien, eine Situation, die mit dem heranbrechenden Winter zunehmend untragbar wird. Zudem gibt es auch hier keinen Schutz vor den Angriffen, auch Zeltlager von Geflüchteten wurden bereits bombardiert. Zuletzt traf es Mitte November ein Lager nördlich der Stadt Saraqib.

Idlib ist eine Falle
Begründet wird diese mörderische Artillerie- und Bombenkampagne mit der Anwesenheit jihadistischer Gruppen in Idlib, insbesondere des Bündnisses Hay’at Tahrir al-Sham (HTS), das als al-Qaeda nahe gilt. Tatsächlich ist jedoch vor allem die Zivilbevölkerung betroffen.
Die Provinz Idlib hat 3 Millionen Einwohner (die Hälfte davon Flüchtlinge). Aktivisten schätzen, dass es demgegenüber nur etwa 10000 HTS-Kämpfer gibt. Dass HTS kaum über eine Basis in der Bevölkerung verfügt, hat sich in den letzten Monaten immer wieder gezeigt.
Anfang November kam es zu einem offenen Konflikt, nachdem HTS die Steuern auf einige Produkte des täglichen Bedarfs (Brot, Olivenöl, Elektrizität) erhöht hatte. In Kafar Takharim, einer Stadt im Nordwesten von Idlib, kam es zu einem regelrechten Aufstand, bei dem es den Einwohnern schließlich gelang, HTS zu vertreiben.
Am 6.November begannen HTS-Einheiten, die Stadt mit Mörsern und Maschinengewehren anzugreifen, wobei mindestens drei Menschen getötet und mehrere verletzt wurden. Die Folge war eine Solidaritätsbewegung mit Kafar Takharim. In mehreren Städten in Idlib gingen die Menschen auf die Straße und forderten, dass HTS und ihr Führer al-Julani die Provinz verlassen.
Idlib scheint zu einer Falle geworden zu sein: im Süden, Osten und Westen stehen Truppen des Assad-Regimes und russisches Militär, im Norden hat die Türkei einen Grenzzaun errichtet, an dem auf flüchtende Menschen geschossen wird, und im Innern kämpft die Bevölkerung gegen die Brutalität einer extremistischen Miliz. Was schmerzlich fehlt, ist internationale Aufmerksamkeit und Solidarität, eine Bewegung, die fordert, dass zumindest die täglichen Bombardierungen aufhören.


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1 Kommentar
  • 13.01.2020 um 18:06 Uhr, A.Holberg sagt:

    Der Autor beklagt mit vollem Recht die – überwiegend – zivilen Opfer im syrischen Bürger- und Stellvertreterkrieg. Dass die Opfer überwiegend Zivilisten sind, ist in modernen Kriegen leider üblich, denn in ihnen stehen sich nur selten, wenn überhaupt, Armeen in Reih und Glied auf einem Schlachtfeld im Grünen (oder hier in der Wüste oder Steppe) gegenüber. Es gibt daher auch keinen humanen Krieg, wie übrigens auch schon der anarchistische General im spanischen Bürgerkrieg, Buenaventura Durruti, 1936 mit diesen Worten sagte: „Der Krieg ist eine Sauerei. Er zerstört nicht nur Häuser, sondern auch die höchsten Prinzipen.“ Leider ist der Krieg spätestens seit der „Erfindung“ der Klassengesellschaft eine stabile Größe im Geschichtsprozess, und es deutet nichts darauf hin, dass das in Bälde anders sein wird. Die Frage ist also, wie man sich als politischer Mensch zu einem konkreten Krieg verhält.
    Im Falle Syriens stehen sich seit Jahren die Armee der herrschenden arabisch-chauvinistischen Baath-Partei (ASBP) und ihre Verbündeten – Russland, Iran und verschiedene schiitische Milizen – auf der einen und sunnisch-jihadistische Milizen und deren Verbündeten von Washington, London, Berlin bis hin zu den sunnitischen arabischen Golfmonarchien und der Türkei auf der anderen Seite gegenüber. Im Krieg spielen unbewaffnete Kräfte wie die vom Autor geliebten Aktivisten der „Zivilgesellschaft“ bestenfalls eine sekundäre Rolle. Die reale Alternative ist deshalb gegenwärtig und bis auf Weiteres die Herrschaft der Regierung in Damaskus oder die Herrschaft jihadistischer Milizen. Genau genommen gibt es diese Alternative wohl nicht, sind doch die bewaffneten Oppositionskräfte weder militärisch in der Lage, die Regierung zu stürzen, noch auf Grund ihrer blutigen Streitigkeiten und z.T. widersprüchliche Interessen verteidigenden externen Geld- und Waffengeber politisch in der Lage, eine funktionsfähige Alternative zur aktuellen Zentralregierung zu bilden.
    Die vom Autor eingenommene Position der Äquidistanz zu Gunsten des Setzens auf die nicht einmal zentral und also landesweit organisierte „zivile Opposition“ ist deshalb letztlich apolitisch. Ich begrüße deshalb einen bevorstehenden Sieg der Zentralregierung und hoffe gleichzeitig darauf, dass sich danach eine revolutionär-sozialistische Kraft in Syrien entwickelt, die hoffentlich bald – vermutlich aber eher später als früher – die Herrschaft der syrischen Bourgeoisie in allen Formen – heute eben der ASBP – wird beenden können.


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