Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2020 > 01 > Gregor-gog

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 01/2020 |

Gregor Gog …

… und der Internationale Vagabundenkongress 1929
von Manfred Dietenberger

Gregor Gog kam am 7.November 1891 in Schwerin als Sohn einer Magd und eines Zimmermanns auf die Welt. Die Mutter sagt zu ihrem Sohn, der eigentlich Pfarrer oder zumindest Beamter werden sollte, später einmal: «Es wäre besser gewesen, ich hätte dich in der Badewanne ertränkt.»

Ihn zieht es hinaus in die Ferne. Mit 19 – weil für die zivile Schifffahrt schon zu alt – als Freiwilliger zur Kriegsmarine. Später sagte er über sich: «Ich war aber kein Soldat, wollte nie einer werden. Was ich mochte war das Meer, die Länder, die Menschen.» 1912 beteiligt er sich vor China wegen des militärischen Drills an einer Mannschaftsrevolte, bei der die Geschütze gefechtsunfähig gemacht wurden. 1913 ist er wieder an Land und arbeitet in Pforzheim als Gärtner, allerdings nicht lang. Dann, im Ersten Weltkrieg, wird er wieder zur Marine auf die SMS Fuchs eingezogen.
Gleich zweimal landet er wegen antimilitaristischer Propaganda und mehrfacher Anstiftung zur Meuterei vor dem Militärgericht. Seine Haftstrafe sitzt er in einem feuchten Salpeterlager ab und fängt sich dabei ein chronisches Nierenleiden ein. Danach wird er zur Marinedivision Wilhelmshafen beordert, um dort an Land als Gärtner zu arbeiten.
1917 wird Gog als «dauernd kriegsunbrauchbar» entlassen und arbeitet als Gärtner in Pforzheim, später in München. 1918 und 1919 nimmt er die verschiedensten Jobs an, zuletzt als Hilfsarbeiter im Stuttgarter Forstamt. Gog zieht ins nahe Urach und gründet mit Gleichgesinnten (vorwiegend Anarchisten) die «Kommune am grünen Weg». Die Einheimischen beargwöhnen ihre «reing’schmeckten» neuen Nachbarn kritisch und nennen deren kleine Siedlung den «roten Winkel» oder auch «Klein-Moskau». Tagsüber bauen die Kommunarden Kartoffeln und Bohnen an, baden in ihrer Freizeit nackt im Fluss und treffen sich am Ende des Tages zu politische Diskussionsabenden.
1927 gründet Gog die «Bruderschaft der Vagabunden». Ihr Kampf gilt den Gesetzen gegen Bettelei und Landstreicherei, der Ausbeutung in (Zwangs-)
Arbeitskolonien, der Polizeiwillkür und den karitativen Einrichtungen, in denen man selten ohne Demütigungen einen Schlafplatz oder ein Stück Brot bekommen konnte.

Der Kunde
Später gibt Gregor Gog die Zeitschrift Der Kunde heraus, die erste «Zeit- und Streitschrift der Vagabunden» (so ihr Untertitel). Der Hintergrund war, dass es in Deutschland wegen der Weltwirtschaftskrise inzwischen über 450000 Obdachlose gab. Die Zeitung wollte Bewusstsein dafür schaffen sich zu organisieren, denn nur so konnte der notwendige Druck entwickelt werden, die Lage der Vagabunden zu verbessern und ihre Vereinzelung zu überwinden.
Der Kunde erschien etwa einmal im Vierteljahr in einer Auflage von 1000 Exemplaren. Etwa die Hälfte davon ging an Abonnenten. Die übrigen Exemplare wurden in den Stempelstellen, Arbeitsämtern, Herbergen und Obdachlosenasylen, in Wärmehallen und Kneipen kostenlos ausgelegt. Wer Geld hatte, zahlte. Vagabunden, die «unterwegs» waren, bekamen die Zeitschrift gratis. Gelesen, wurde das Heft meist gleich weitergereicht und erreichte so einen viel größeren Lesekreis.
Im April 1928 organisiert die Bruderschaft ihren ersten «Vagabundenabend» in Stuttgart, weitere folgen in Berlin, Mannheim, Hamburg und Dortmund. Parallel dazu wird ein «internationales Vagabundentreffen» vorbereitet, als Veranstaltungsort findet sich der Freidenker-Jugendgarten an der Kunsthochschule auf dem Stuttgarter Killesberg. Die Behörden und die Polizei taten schon im Vorfeld viel, um mit Angstmache und Straßensperren den Kongress zu ver- und behindern. Die Folge war, dass angeblich in ganz Stuttgart Vorhängeschlösser schon im voraus ausverkauft waren.

Der Kongress
Am 21.Mai 1929 war es soweit. Und wer bis dahin nicht wusste wie sich die Vagabunden selber sehen erfuhr es jetzt. Was ein «Vagabund» bzw. ein «Kunde» (so die alte Selbstbezeichnung der Landfahrer und Vagabunden) ist, definiert Gregor Gog bei der Eröffnung des dreitägigen Internationalen Vagabundenkongresses (21.–23.Mai 1929). Der «Kunde» sei ein «umherschweifender Rebell, ein revolutionärer Wanderagitator der Brüderlichkeit in den Pennen und Asylen Europas». Vagabundentum, das bedeute «lebenslanger Generalstreik», mit der die «kapitalistische, christliche, kerkerbauende Gesellschaft ins Wackeln, ins Wanken, zu Fall» gebracht werde.
Der Kongress wurde wirklich ein internationaler. «Delegierte» kamen aus Österreich, Böhmen, Polen, Dänemark, Finnland, sogar aus Ägypten usw. Die Mehrheit der Teilnehmer waren aber deutsche Arbeiter, die aus Arbeitslosigkeit und Not ihre Sesshaftigkeit aufgegeben hatten und ihr Glück auf der Landstraße suchen mussten. Maxim Gorki und Erich Mühsam schickten Grußbotschaften.
Viel und heftig wurde dort oben auf dem Killesberg diskutiert und es wurde um die politische Ausrichtung gerungen. Gogs Vorstellungen fanden unter den Teilnehmern viel Zuspruch, aber auch Widerspruch, wie in den Tagungsprotokolle nachzulesen ist: «Wir Vagabunden, die Arbeiter waren, müssen wissen, dass wir zum Proletariat gehören! Wir wären keinen einzigen aufrechten Gedanken wert, wenn wir nicht mit der geknechteten Arbeiterschaft kämpften!» (Rudolf Geist.) Dagegen erhob sich Widerspruch: «Der Kunde steht eigentlich über der Gesellschaft. Es ist ganz unmöglich, einen echten Kunden einzufangen in ein System oder Dogma! Macht euch keine Mühe – es gelingt nicht.» (W.Hammelrath.)
Es wurde aber nicht nur diskutiert. Einige trugen eigene Gedichte oder tradierte Vagantenlyrik vor, andere lasen aus ihren Tagebüchern oder stellten ihre Zeichnungen und Gemälde vor. In Kleingruppen wurde eine Kritik an der Christlichen Wanderfürsorge erarbeitet. Tipps zum Überleben wurden ausgetauscht und über die Realisierbarkeit von Herbergen und Verpflegungsstationen in eigener Regie diskutiert. Im Rahmenprogramm führten Schauspieler kurze Sketche auf, Bänkelsänger sangen freche Bettellieder, die «Musikschar der deutschen Vagabunden» trug zum Gelingen des Kongresses bei. Das Presseecho über die Veranstaltung war riesig, wenn auch längst nicht immer wohlwollend.

Gog beobachtet in der Folgezeit mit immer größerer Sorge das Erstarken der Faschisten. Die heraufziehende Gefahr bringt ihn auch zu einer Korrektur seines bisherigen Verhältnisses zur organisierten Arbeiterbewegung, insbesondere zur KPD. Es gelte jetzt, so Gog, «die Vagabunden in eine Reservearmee des kämpfenden Proletariats zu verwandeln, denn sonst werden sie zur Reservearmee der kämpfenden Bourgeoisie» (1931).
Die Agitation unter den Vagabunden ist aber alles andere als einfach. Und so stellt er schon ein Jahr später fest: «Hunger und Verzweiflung verwirrten die Gedanken vieler dieser Menschen. Viele werden den Faschisten eine leichte Beute; sie geben ihnen einen Kanten Brot, verlogene Hoffnungen und den Knüppel des Pogromschlägers.»


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.