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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 01/2020 |

Nicht nur Klimanotstand, auch Bildungsnotstand

Zwei Studien über die Jugend von heute
von lp

Im Herbst sind zwei Studien über Lebenslagen und Einstellungen von Kindern und Jugendlichen herausgekommen.

Die Shell-Studie («Eine Generation meldet sich zu Wort») befragte Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren nach ihren Lebensbedingungen und ihren Einstellungen zu Politik und Gesellschaft, sowie nach der Rolle, die Familie und Freunde, Schule und Beruf, Digitalisierung und Freizeit in ihrem Leben spielen. Die AWO-Studie («Gute Kindheit – schlechte Kindheit») beschäftigt sich seit 1999 mit den Lebenslagen und Lebenschancen von Kindern im Vorschulalter und in der Grundschulzeit bis heute. Sie wurde durchgeführt vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS).
Die Shell-Studie zeichnet ein teilweise widersprüchliches Bild. Demnach ist das politische Interesse gestiegen, Umweltschutz und Klimawandel haben mehr Bedeutung, Mitspracherechte werden eingefordert und eine nachhaltige Umweltpolitik. Jugendliche artikulieren zunehmend ihre Interessen und Ansprüche.
Trotz der oft verschleierten Fremdenfeindlichkeit in den Medien und der Hetze von Politikern befürworten 57 Prozent der Jugendlichen die Aufnahme von Flüchtlingen. Gleichzeitig nennen 52 Prozent Angst vor Ausländerfeindlichkeit und nicht vor Einwanderung. Etwa jede/r zweite Jugendliche ist aber für weniger Zuwanderer.

Politisches Interesse und ­Informationsquellen
41 Prozent sind politisch interessiert gegenüber nur 30 Prozent 2002. Dieses gestiegene Interesse ist eng geknüpft an Herkunftsschicht und Bildungsgrad. 71 Prozent der Jugendlichen glauben nicht, dass die offizielle Politik sich um ihre Belange kümmert. 34 Prozent bewerten das eigene politische Engagement wieder höher (2010: 23 Prozent). Neben Umwelt-, Klima- und Gesundheitsbewusstsein steht der Respekt vor der Vielfalt an der Spitze der Werteliste.
27 Prozent der Jugendlichen zeigen sich weltoffen, lehnen sozial- und nationalpopulistische Statements ab. Trotzdem stimmt ein großer Teil der populistischen Aussage zu, dass sich der Staat mehr um Flüchtlinge kümmert als um Deutsche! Im Gegenzug stimmt fast jeder zweite dem nicht oder überhaupt nicht zu. Bei den 15- bis 25jährigen neigen 24 Prozent zu populistischen Einstellungen, 9 Prozent stimmen allen populistischen Aussagen zu.
Eine wichtige Rolle als Informationsquelle spielen die sozialen Netzwerke, die den klassischen Medien den Rang abgelaufen haben. Erstaunlich ist aber, dass die Jugendlichen den klassischen Informations- und Nachrichtenkanälen das größere Vertrauen entgegenbringen: ARD und ZDF werden als vertrauenswürdig angesehen.
Auch den Nachrichten in den überregionalen Tageszeitungen vertrauen die Jugendlichen überwiegend, allerdings gibt es hier ein Ost-West-Gefälle: Im Westen sind es 83, in Ostdeutschland 68 Prozent. Nur eine Minderheit vertraut YouTube, Facebook und Twitter. Die politisch interessierten Jugendlichen informieren sich hauptsächlich über Printmedien und den öffentlichen Rundfunk.

Soziale Gerechtigkeit
Wichtig ist auch die Frage der sozialen Gerechtigkeit. 59 Prozent der Jugendlichen sind der Meinung, dass es in Deutschland gerecht zugeht. 79 Prozent meinen, dass bei uns jeder die Möglichkeit hat, nach Fähigkeit und Begabung ausgebildet zu werden. Diese Zustimmung korreliert allerdings stark mit der Herkunftsschicht, je niedriger der Bildungsgrad, desto deutlicher wird diese Aussage abgelehnt.
Jeder zweite Jugendliche aus der untersten Herkunftsschicht verweist auf fehlende soziale Gerechtigkeit. Diese doch sehr deutliche Erkenntnis der Jugendlichen, dass ein erschreckend hoher Anteil von ihnen keine Teilhabe an weiterführender Bildung hat, wird nicht entsprechend gewürdigt. Ich vermisse bei den Autoren eine klare Aussage zu den erkennbaren sozialen Unterschieden, zu den ungleichen Bildungserfolgen und der Verantwortung des Staates dafür.

Armut als Fahrstuhl nach unten
In der Langzeitstudie der AWO wurde die Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen ab dem 6.Lebensjahr untersucht. Dabei ging es auch um die Auswirkungen von Armut auf Bildung und Schulkarriere. Die Probanden sind heute 25 Jahre alt. Es zeigt sich, dass jedes dritte Kind aus dieser Untersuchung auch nach 20 Jahren weiter in Armut lebt.
Eine Auswahl der wichtigsten Ergebnisse der Studie: Familiäre Armut begrenzt die Kinder in allen Lebenslagen; (Kinder-)Armut führt zu Entwicklungsdefiziten, Unterversorgung und sozialer Ausgrenzung; erfolgreiche Bildungswege bleiben weitgehend verschlossen; die Bewertung schulischer Leistungen wird durch die Armut der Familie beeinflusst; Kinder mit Migrationshintergrund sind höheren Armutsrisiken ausgesetzt.
Es ist dringend erforderlich, aus diesen Untersuchungsergebnissen politische Konsequenzen zu ziehen. Es gibt nicht nur einen Klimanotstand, sondern auch einen Bildungsnotstand. Bildung darf kein Privileg sein. Nur eine umfassend ausgebildete Jugend wird die Denk- und Verhaltensmuster der Populisten durchschauen und in der Lage sein, die Gesellschaft durch politisches Engagement zu verändern.


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