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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 01/2020 |

Plastiken vom 3D-Drucker

Zu Besuch beim Schöpfer des doppelten Rotulus
von Manuel Kellner

Wir sind gegen Ende November zu Besuch bei Eberhard Fiebig* in seinem Atelier in Kassel. Angela Klein ist schon lange Zeit mit ihm befreundet. Wir sehen Plastiken, darunter viele aus Kunststoff, Bilder und einen 3D-Drucker. Fiebig bewirtet uns mit Tee und Gebäck und spricht über seine Arbeit. Wir stellen ihm die eine oder andere Frage.

Mir hatte er seinerzeit zum Kontakt mit dem inzwischen (im September 2016) verstorbenen Philosophen Peter Janich («Handwerk und Mundwerk», siehe SoZ 9/2015) verholfen.
 
Fiebig erzählt von seiner ersten Begegnung mit Peter Janich, dem er gleich mal sagte: «Es gibt keine Flächen, nur Körper.» Da hat ihn Janich umarmt und ausgerufen: «Endlich einer, der mich versteht.» Fiebig führt uns vor, was Janich bei zahlreichen Vorträgen gemacht hatte. Dafür braucht man eine rohe Kartoffel und ein Küchenmesser. Schon der erste Schnitt lässt zwei Flächen entstehen, der zweite außerdem Kanten, der dritte zusätzlich Ecken. Euklid kann sich verstecken gehen! Die ganze Planimetrie ist ganz praktisch mit drei Schnitten durch einen Körper demonstrierbar.
 
Es gibt nur Körper

Das letzte Buch von Peter Janich Handwerk und Mundwerk, erzählt Fiebig, sollte eigentlich anders heißen und schon im Titel das Primat des Handwerks vor dem Mundwerk ausdrücken. Das aber wollte der Verlag nicht. Gerade in der Wertschätzung des Handwerks war sich Fiebig mit Janich einig, für den das Handwerk ebenfalls die Grundlage der Naturwissenschaft war.
Die Begriffe «Kunst» (dieser «Kollektivsingular», der so häufig und bedenkenlos gebraucht wird) und «Künstler» lehnt Fiebig ab. In Wirklichkeit gibt es «den Maler, den Zeichner, den Bildhauer, den Plastiker, den Schnitzer, den Grafiker, den Fotografen. Worte, die ausnahmslos auf eine bestimmte Praxis verweisen». Wer stattdessen allgemein von «Kunst» spricht, verschleiert den so wichtigen Bezug zur materiellen Produktion.
Auf meine Frage, was er von dem Aufsatz Walter Benjamins Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit hält, reagiert Fiebig ablehnend: Eben diese etwas mystische Überhöhung der «Originale» gefällt ihm nicht, sie ist auch von der technischen Entwicklung überholt. Auf meine zweite Frage, was er von Trotzkis Vision der Reintegration von Bildhauerei, Malerei usw. in die Architektur in einer befreiten sozialistischen Gesellschaft hält, reagiert Fiebig hingegen lebhaft zustimmend. Überhaupt hält er viel von Trotzki und zeigt uns nebenbei den Bucheinband einer Trotzki-Schrift, den er vor vielen Jahren gestaltet hat.
Natürlich geht es um die Gestaltung des menschlichen Lebensraums durch menschliche Schöpferkraft. Hierin ist Fiebig radikal. Er ist gegen den «Kult der Exklusivität». Die Museen, in denen 90 Prozent der «Kunstwerke» begraben sind, gehören seiner Meinung nach «in die Luft gesprengt». Reformismus hört sich anders an! Fiebig hatte schon 1967 Protestdemonstrationen gegen die Ermordung von Benno Ohnesorg durch einen Polizisten organisiert. Mit der kapitalistischen Klassen- und Zerstörungsgesellschaft hat er sich nachhaltig überworfen. Er ist mit seinen fast 90 Jahren sehr jung geblieben und erzählt vom kreativen Einsatz von Schmierseife zur Abwehr von Überfällen…
Fiebig arbeitet mit vielen Materialien, wobei er Stahlbleche in einer Weise faltet, dass die Plastiken je nach Blickwinkel ein wechselndes Spiel von Licht und Schatten erzeugen und verschiedene Assoziationen hervorrufen. Wir erstehen eine solche, nicht allzu große Plastik, eher ein Modell, als Geschenk der Redaktion für einen Kölner Freund und Genossen, der seinen 85.Geburtstag feiert.
 
Additive Fertigung
Mehr noch als die Buchdruckpresse und die beweglichen Lettern vor ca. 600 Jahren, erklärt uns Fiebig, erzwingt die additive Fertigung, allgemein als 3D-Druck bekannt, einen tiefgreifenden Wandel. Aus der industriellen Produktion ist sie bereits nicht mehr wegzudenken. Er selbst war in Zusammenarbeit mit der Fraunhofer-Gesellschaft, Siemens und anderen großen Unternehmen an der Entwicklung dieser Technik viele Jahre lang aktiv beteiligt. Die Skulpturen, die er mithilfe des 3D-Druckers Gestalt annehmen lässt, entstehen an jedem beliebigen Ort, wo ein solches Gerät zur Verfügung steht. Dazu braucht man nur den Datensatz, den Fiebig für 50 Euro verkauft. Natürlich können auch technische Geräte und Bauteile in dieser Weise überall auf der Erde entstehen.
In den letzten Jahren des 20.Jahrhunderts entstand der doppelte Rotulus. Ausgangspunkt war ein einfacher Rotulus aus Rohrabschnitten. Mit herkömmlicher Fertigungstechnik ist es nicht möglich, zwei von ihnen ineinanderzuschieben. Doch auf dem Bildschirm war das darstellbar. Fiebig und sein Freund Paul Bliese beteiligten sich an der Entwicklung des additiven Verfahrens, mit Hilfe dessen der doppelte Rotulus schließlich auch körperlich hergestellt werden konnte.
Die Skulpturen werden aus verschiedenen Materialien, vor allem aber aus einem kompostierbaren Polymer (umgangssprachlich Polymilchsäuren) gefertigt, dabei wird nur das Material verbraucht, aus dem die Plastik schließlich besteht. Charakteristisch für die Gebilde, die Fiebig hervorbringt, ist, dass sie weder «Natur»-Erscheinungen noch technische Hervorbringungen nachahmen. Entscheidend für Fiebig ist dabei der Entstehungsprozess, den er als «Spiel» im Sinne Schillers versteht, für den Menschen nur im Spiel wirklich frei sein können.
Eigentümlicherweise hält die Kunstkritikergemeinde in ihrer überwältigenden Mehrheit die Fertigung von Plastiken mit dem 3D-Drucker für eine mehr oder weniger bedeutungslose Modeerscheinung. Seit über 20 Jahren schreibt Fiebig gegen diese Ignoranz an. Vielleicht liegt sie daran, dass der Datensatz, mithilfe dessen das Werk wo immer und wie oft man will entsteht, der überkommenen Aura des «Originals» die Sterbeglocke läutet? Oder ist das nichts, weil «eine Maschine» keine «Kunst» machen kann? Dabei ist der Datensatz im Verhältnis zur Plastik doch nur das, was die Partitur im Verhältnis zum Musikstück ist. Wo sehen die Leute «vom Fach» da ein Problem?
Da werden «Argumente» an den Haaren herbeigezogen, die schon einer oberflächlichen Prüfung nicht standhalten. Dem maschinell – mit dem 3D-Drucker – hergestellten Gebilde fehle «die Spur der menschlichen Hand». Wie bitte? Dieses Problem wäre im Keim dann ja schon gegeben, sobald der Bildhauer Hammer und Meißel benutzt und der Maler aufhört, nur mit seinen Fingern zu malen.
 
Auf der Höhe der Zeit
Bildhauer, Plastiker, Holzschnitzer, Maler konnten früher immer alle, erklärt Fiebig, auf der Höhe ihrer jeweiligen Zeit arbeiten. Bis zum Aufkommen der Manufakturen und Fabriken benutzten sie die gleichen Werkzeuge wie die Handwerker. Da sie sich die Maschinen nicht leisten konnten, blieben sie dann hinter den Möglichkeiten ihrer Zeit zurück.
Eben diese Bedingung hat sich mit dem 3D-Druck grundlegend geändert. Der wurde übrigens nicht in den höheren Sphären der Wissenschaft und Technik ausgebrütet, sondern in einem «lebensweltlichen Zusammenhang» (eine Kategorie, der Fiebig ebenso viel Bedeutung beimisst, wie Janich dies tat): In den 80er Jahren wollte der US-Amerikaner Scott Crump seiner Tochter einen Frosch modellieren und tat dies mittels einer Heizklebepistole und eines Gemischs aus Polyethylen und Kerzenwachs. Daraus entwickelte dieser begabte Ingenieur das Verfahren, dem wir letztlich den 3D-Druck verdanken.
Anstatt in erhabenem Ton über das Verhältnis von Kunst, Technik und Wissenschaft zu philosophieren, als handele es sich um eine uneinlösbare Utopie, wäre die Kunstkritikerszene besser beraten, sich mit den Gebilden zu befassen, in denen die Symbiose von Technik, Wissenschaft und bildender Schöpferkraft handgreiflich vorliegt. Die Geschäftsführung der FAZ-Selection – Fiebig zeigt uns ein Exemplar und die einschlägige Seite – ist da schon weiter und bietet den ALEPH als Multiple an.
Es geht nicht nur darum, sich neuer Verfahren zu bedienen, sondern sie auch mitzugestalten. Über die Zukunft von Produktionsweisen, unterstreicht Fiebig, wird heute entschieden. Auch dem Siegeszug des Computers kommt man nicht mit Ignoranz bei. Laut Vorhersagen von Wissenschaftlern wird in Zukunft 50 Prozent der Produktion mit Hilfe des 3D-Druck-Verfahrens erfolgen. Darum müssen die überkommenen Leitbilder auf den Prüfstand. Das «Kunstausdeutungspersonal» muss endlich umdenken.
Auch ein alternatives Holocaust-Denkmal hat Fiebig entwickelt. Es ist der «Ort lebendigen Gedenkens», und wir sehen ihn in einem Prospekt, den er uns mitgibt. Das Zentrum ist eine quadratische Sandfläche, umfriedet von einem Wassergraben, der mit vier Stegen überspannt ist. Die Fläche kann betreten werden. Die Besucher sind aufgefordert, Steine mitzubringen und auf der Sandfläche abzulegen. So entsteht ein Werk, dass sich von Stein zu Stein wandelt. Das ist kein Mahnmal, mit dem versucht wird, dem unsagbaren Leid eine Gestalt zu geben. Nur das Gedenken von Menschen in ihren Herzen und Seelen überdauert die Zeit.
Die Werke von Eberhard Fiebig, gerade weil sie so tief in unserer Zeit rasender Veränderungen und Verwerfungen verankert sind, überdauern gewiss die Zeit. Sie sind untrennbar verbunden mit unserer Sehnsucht nach umfassender Emanzipation und nach einem freien Leben, in dem alle Menschen ihre schöpferischen Anlagen entfalten können.

* Eberhard Fiebig (geb. 1930) 1974–1995 Professor an der Kunsthochschule Kassel, war u.a. Landwirt und Holzfäller, ab 1949 Chemielaborant und seit 1960 freischaffender Gestalter. Ab 1963 studierte er in Frankfurt Philosophie, hörte Vorlesungen von Adorno. Seit 1964 ist er international bekannt mit seinen Faltungen aus Stahlblech. Viele seiner großen Werke stehen im öffentlichen Raum. Zum Beispiel das Portal der Universität Kassel, das «Tor des Irdischen Friedens».


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