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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 01/2020 |

Streik an britischen Hochschulen

Viele Gründe, acht Tage die Arbeit niederzulegen
Gespräch mit Caroline Metz

Vom 25.11. bis 4.12. waren mehr als 120000 Beschäftigte an britischen Hochschulen aufgerufen zu streiken. Anne Engelhardt sprach mit CAROLINE METZ aus Sheffield, die als Postdoktorandin am dortigen Forschungsinstitut für politische Ökonomie (SPERI) arbeitet.

Sie ist Richtliniengbeauftragte der Betriebsgruppe ihrer Gewerkschaft UCU (gewerkschaft der Universitäten und Hochschulen) an der Universität Sheffield und gewerkschaftliche Vertreterin des dortigen Interdisziplinären Zentrums für Sozialwissenschaften (ICOSS).

Was war der Zweck des Streiks?

Bei dem Streik ging es um zwei Konflikte. Der erste betrifft unser Rentensystem, das sog. USS (Universities Superannuation Scheme) – eine der größten privaten Rentenkassen für Hochschuleinrichtungen. Die USS behauptete letztes Jahr, es gebe ein Defizit in der Kasse, und nutzte das, um eine Erhöhung der Beiträge zu rechtfertigen. Die UCU entgegnete, die Methode, mit der das Defizit «festgestellt» wurde, sei fehlerhaft gewesen, deshalb dürften die Beiträge nicht erhöht werden. Das war der Grund für die Streikaktion 2018, sie war auch erfolgreich, denn die USS zog seine Pläne zurück.
Der Streik war 2018 abgebrochen worden, weil alle Parteien vereinbart hatten, dass ein unabhängiges Expertengremium die Bewertung der Rentenkasse überprüfen sollte. Diese Gruppe veröffentlichte einen Bericht, der bewies, dass die UCU Recht hatte, die von der USS verwendete Methode war tatsächlich fehlerhaft. Obwohl alle Parteien dem Bericht zustimmten, erhöhte die USS im Sommer 2019 dennoch die Rentenbeiträge. Deshalb sind wir wieder in den Streik getreten. Wir wollen zumindest, dass unsere Arbeitgeber die Kosten für die (illegitimen) Erhöhungen der Rentenbeiträge übernehmen.
Der zweite Konflikt dreht sich um die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen.
Das Gehalt für Hochschulbeschäftigte ist in den letzten zehn Jahren real um 17 Prozent gesunken ist. Schwarze Beschäftigte und Angehörige ethnischer Minderheiten verdienen an den Universitäten der Russell Group im Vergleich zu ihren weißen KollegInnen durchschnittlich 26 Prozent weniger. An der Sheffield Universität verdienen Frauen 17,9 Prozent weniger. Die Beschäftigten leiden alle unter übermäßiger Arbeitsbelastung, dabei sind immer mehr von ihnen in Werks- und Zeitverträgen beschäftigt.
Daher fordert die UCU: Erstens eine Lohnerhöhung über die Inflation hinaus; zweitens einen nationalen Plan zur Bekämpfung von Lohnunterschieden; drittens ein Ende der Prekarisierung; und viertens die Anerkennung und einen Plan zur Bewältigung der übermäßigen Arbeitsbelastung der meisten Hochschulbeschäftigten.
Generell richtet sich der Streik gegen die Vermarktung der britischen Hochschulbildung – ein Prozess, der seit Jahren andauert und enorme Folgen hat – etwa die Erhöhung der Studiengebühren und ein neoliberales Management der Universitäten, das dazu führt, dass WissenschaftlerInnen gegeneinander ausgespielt werden.

Welche Aktionen habt ihr während des Streiks organisiert, und wie war die Stimmung?

Wir hatten Streikposten vor fast allen Unigebäuden von 8 bis 11.30 Uhr. Wir haben versucht, mit allen zu reden, die reinkamen, verteilten Flugblätter (einschließlich solcher, die speziell von und für Studierende geschrieben waren) und sangen und tanzten gelegentlich. Nach den Morgenposten wurden Kundgebungen organisiert, entweder in der Nähe des Studierendenwerks oder in der Stadt. Eine davon war eine Solidaritätskundgebung mit dem Streik von Fridays for Future am 29.11.
Die Studierenden waren großartig! In Sheffield organisierten sie einen Wanderstreikposten mit einem großartigen Soundsystem, Gesang, Tee und Kaffee. Wir haben viele selbstgemachte Süßigkeiten bekommen. Unser Zuckergehalt war höher als die von uns geforderte Gehaltserhöhung!

Wie hat sich der Kampf im Vergleich zu 2018 entwickelt? Gab es Verbesserungen bei Streikstrategien oder Mobilisierungstaktiken?

Ein wichtiger Unterschied liegt in der Führung der UCU. Als die Gewerkschaftsführung 2018 ein Ende der Streikaktionen forderte, stand das im Widerspruch zu den Forderungen der Mitglieder, diese reagierten darauf mit einer massiven #nocapitulation-Kampagne. Sie erkannten, dass es Zeit für Veränderungen an der Gewerkschaftsspitze war, und wählten Jo Grady zur neuen Gewerkschaftssekretärin. Sie ist eher eine Basisaktivistin als eine Gewerkschaftsbürokratin. Es besteht daher ein großes Vertrauen in ihre Fähigkeit, diesen Streik ernsthaft durchzuführen.
Die wichtigsten Forderungen aus dem letzten Streik sind im Rahmen des aktuellen Tarifstreits wieder aufgegriffen worden. Und die UCU hat diesmal gesonderte Leitlinien für VisuminhaberInnen herausgegeben, was sie letztes Mal nicht getan hatte und was sehr problematisch war. Gerade wurde auch ein Migrantennetzwerk gegründet. Hier müsste und könnte noch viel mehr geleistet werden, um die spezifischen Probleme von MigrantInnen, aber auch den allgegenwärtigen Rassismus (und den Sexismus) im Hochschulbereich anzugehen.
In Sheffield haben wir eine große Kampagne organisiert, dass die Beschäftigten zur Wahl gehen. Denn wir wegen der gewerkschaftsfeindlichen Gesetze muss nicht nur eine Mehrheit für den Streik stimmen, es müssen sich auch mindestens 50 Prozent der Beschäftigten an dieser Abstimmung beteiligen. Wir haben 60 Prozent erreicht.

Was sind die nächsten Schritte?

Die Verhandlungen laufen noch, doch da die Rentenkasse USS und die Arbeitgeber bislang keine sinnvollen Vorschläge unterbreitet haben, ist es wahrscheinlich, dass wir 2020 wieder in den Streik treten. Was wir alle daraus lernen können, ist, dass es definitiv nicht ausreicht, sich auf eine «unabhängige Überprüfung» eines kontroversen Sachverhalts zu verlassen. Das Risiko ist groß, dass wieder dasselbe Thema auf den Tisch kommt. Es ist besser, über konkrete Dinge zu verhandeln und Versprechungen nicht blind zu vertrauen.


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