Uli Leicht ist gestorben


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2020/01/uli-leicht-ist-gestorben/
Veröffentlichung: 21. Januar 2020
Ressorts: Nur Online, Startseite, Zur Person

Die Redaktion LabourNet Germany und labournet. e.V. trauern um ihr langjähriges Vorstandsmitglied Ulrich Leicht
dokumentiert

Am 27. Dezember 2019 starb Ulrich Leicht (geb: 3.5.1947), lange Jahre (seit 2005) Vorstandsmitglied in Verein labournet. e.V. und auch Autor einiger Veröffentlichungen im Labournet.

Wir trauern um ihn, wie viele, die ihn aus seinen zahlreichen und langjährigen Aktivitäten kannten. Drei Menschen aus Dortmund, die über 40 Jahre lang immer wieder mit ihm politisch zusammen arbeiteten, haben einen Nachruf auf ihn verfasst – eine knappe Würdigung, ganz auch in unserem Sinne: Ulrich Leicht – “Der höfliche Radikale”:

Der höfliche Radikale

Es ist Zeit, die Gedanken zu sammeln, die du
dir aus dem Kopf geschlagen hast.
(Volker Braun)

Uli war höflich. Nicht im alten Sinne von hofgerecht, oder höfisch. Wir hatten in ihm einen, aufmerksamen, entgegenkommenden, liebenswürdigen, Freund und Genossen.

Wir lernten uns in den frühen 70er Jahren des letzten Jahrhunderts kennen, in Dortmund, beim Versuch mit einer kleinen radikalen Organisation in traditioneller (marxistisch-leninistischer) Manier die Welt zu verändern. Ferne Vorbilder (das China Mao Tse Tungs, das Ostblock-unabhängige Albanien, die kämpfenden schwer nationalen(!) Unabhängig-keitsbewegungen der damals so genannten 3. Welt) ließen viele von uns oft genug die realen Verhältnisse vor der eigenen Haustür übersehen.

Uli kam als entlassener Betriebsrat aus einem Metallbetrieb in Gießen – aus der IG-Metall wegen oppositioneller Tätigkeit ausgeschlossen blieb er dann aber in der damaligen IG Druck und Papier aufmerksamer kritischer Gewerkschafter. In unsrem Weltverbesserungsverein wirbelte er unermüdlich. Zwei Projekte an denen er entscheidenden Anteil hatte, seien hier genannt. Die breite Volksfront gegen Reaktion, Faschismus und Krieg  und die Neuherausgabe des kommunistischen Kulturmagazins  Linkskurve (erschien 1979 – 1984).
Diese Projekte zeichneten für viele von uns Wege und Perspektiven aus Sektierertum  heraus.
Es waren (u.a.) Ulis Arbeitsfelder und zeigten seine Fähigkeiten  in verschiedensten politischen Disziplinen, die er beherrschte. Und die ihn ziemlich bald auch beherrschten.

Er zog die (Not?)-Bremse, trat aus unserem Verein aus. Blieb aber Freund und Genosse, war weiter Maulwurf in unübersichtlichem Gelände. Er arbeitete dann als Industriebuchbinder in einer mittelständischen Druckerei, war dort lange Jahre aktiver Betriebsrat und befasste sich weiter mit politischer Theorie, hatte Kontakt und Freunde bei den Leuten der wertkritischen Gruppen um zunächst Robert Kurz und die Zeitschrift Krisis dann Exit, war im Kreis der Marxforschung um Prof. Rolf Hecker in Berlin aktiv.

Wir trafen uns alle wieder, in spannender, organisierter Zusammenarbeit im Ortsverein Dortmund der IG Medien. Da wurden festgefahrene Strukturen, die hierarchische Ordnung mit beinahe rätedemokratischen Mitteln angegriffen, verändert. Neue Arbeitsweisen eingeführt, die Erwerbslosen kamen zu Wort und Sitz und Stimme, die betrieblichen Aktiven organisierten sich untereinander, „Freie“, Selbständige die vielen vereinzelt Kämpfenden, außerhalb der niedergehenden Großbetriebe bekamen Angebote für gewerkschaftliche Tätigkeiten.

Uli war Mitglied des Sprecher- & Sprecherinnenrates, vertrat den Ortsverein auf verschiedensten Ebenen bis in die Große Tarifkommission der IG Medien. Sein großes Verdienst dabei bleibt wert- und arbeitkritische Themen in die Gewerkschaftsarbeit  eingebracht zu haben – für viele Neuland, Debattenstoff und Anregung.
Seine und unsere kritische Haltung zum Prozess der schließlich zur Organisation ver.di führen sollte, ist, (auch bei Labournet) vielfach dokumentiert und weiter lesenswert. Konkretes Alltagsgeschäft mit radikaler Perspektive und Einsicht in den Gang der Dinge waren seine Sache.

Uli war für uns oft nicht „greifbar“. Aber da war kein Rückzug in die „heilige Familie“, er setzte seine Prioritäten, war seiner Familie, der Frau, den Töchtern, Enkeln, Nachbarn ein solidarischer, partnerschaftlicher Begleiter. Dem kranken Freund und Nachbarn half er, pflegte ihn. Daraus wurde ein weiterer „Job“ – ein selbst angenommener Auftrag für Uli.
Uli war eben auch ein „Kümmerer“.

Dortmund im Januar 2020: Anne Eberle · Michael Banos · Helmut Weiss

05. Januar 2020