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Claude Cahun (1894–1954)

Zum Leben und Werk der französischen Fotografin und Schriftstellerin
von Kai Böhne

Zu Beginn der 1920er Jahre führte die französische Künstlerin Claude Cahun gemeinsam mit ihrer Stiefschwester und Lebensgefährtin Suzanne Malherbe ein exzentrisches Bohèmeleben in Paris.

Beide lebten eine unkonventionelle Partnerschaft und verkehrten in surrealistischen Künstlerkreisen. Cahun publizierte Kurzgeschichten, Essays und lyrische autobiographische Texte, experimentierte mit Fotografie und betätigte sich als Schauspielerin und revolutionäre Aktivistin. 1954 starb sie auf der Kanalinsel Jersey. In den folgenden drei Jahrzehnten gerieten ihr künstlerisches Schaffen und ihre Person in Vergessenheit.
Erst gegen Ende des 20.Jahrhunderts begannen Kulturinteressierte, das Leben der schillernden Künstlerin neu zu recherchieren. 1995 und 1997 wurden ihre Fotos in Paris und München ausgestellt. Alice Schwarzer porträtierte die Fotografin im Magazin Emma. Die US-amerikanische Regisseurin Barbara Hammer (1939–2019) widmete den beiden Frauen ihren Dokumentarfilm Lover other. The Story of Claude Cahun and Marcel Moore, der 2006 beim Filmfest Berlinale vorgestellt wurde. Für den 12.Februar kündigt die Jersey Post eine achtteilige Markenserie mit androgynen Selbstporträts der Künstlerin an. Rachel Mac Kenzie von der Jersey Post betont, das Werk Cahuns sei «bahnbrechend und ihrer Zeit sehr weit voraus» gewesen.
Claude Cahun, mit bürgerlichem Namen Lucy Schwob, wurde am 25.Oktober 1894 in Nantes geboren. Sie wuchs bei ihrer Großmutter in einer jüdischen Intellektuellenfamilie auf. Nachdem ihr Vater zum zweiten Mal geheiratet hatte, begann Lucy einen Briefwechsel mit Suzanne Malherbe (1892–1972), der Tochter von dessen neuer Frau. Später studierte Lucy an der Pariser Sorbonne Philosophie und Philologie und teilte sich dort mit Suzanne Malherbe, die als Modedesignerin arbeitete, eine gemeinsame Wohnung. Suzanne hatte sich für ihre Arbeiten das Pseudonym Marcel Moore gewählt. Später gab sich auch Lucy einen Künstlernamen. Sie nannte sich Claude Cahun, aus Bewunderung für ihren Großonkel, den Schriftsteller und Orientalisten Léon Cahun.
Der Vorname Claude wird im Französischen sowohl für Jungen und Mädchen vergeben. Die Wahl genau dieses Pseudonyms war bewusster Teil ihrer künstlerischen Auseinandersetzung. Die Namensgebung implizierte eine gewollte geschlechtliche Mehrdeutigkeit und bekundete ihr Interesse an Grenzüberschreitungen und der Verweigerung gegenüber jeglichen Zuschreibungen und Festlegungen.
Cahun und Malherbe standen in Paris in engem Kontakt mit Man Ray, der ihre Fotografien schätzte, mit den Surrealisten um André Breton und den kosmopolitischen Frauen vom linken Seineufer, dem «Rive Gauche», um die Buchhändlerinnen und Verlegerinnen Adrienne Monnier und Sylvia Beach. 1925 veröffentlichte Claude Cahun erstmals eine Sammlung von Kurzgeschichten. Einige Jahre später erschien ihr Hauptwerk Aveux non avenus («Nicht bekannte Bekenntnisse»), es bestand aus autobiografischen Textfragmenten, die Suzanne Malherbe mit rätselhaften Fotomontagen illustrierte.
Bei den meisten von Cahuns Selbstporträts in unterschiedlichsten Masken und Kostümen stand Suzanne Malherbe hinter der Kamera. Ihre Fotos inszenierten die Ambivalenz geschlechtlicher Identität. Neben ihren fotografischen Arbeiten spielte Claude Cahun Theater und engagierte sich politisch. Beide Freundinnen betätigten sich in der antifaschistischen Künstlervereinigung Association des Ecrivains et Artistes Révolutionnaires (Vereinigung der revolutionären Schriftsteller und Künstler). Als die Surrealisten ausgeschlossen wurden, verließ auch Cahun die Gruppe.
Nach zwanzig Jahren in Paris erwarb Cahun ein Landhaus auf der Kanalinsel Jersey. 1937 siedelte sie mit ihrer Freundin dorthin. Als die Deutschen im Juli 1940 die Insel besetzten, leisteten die beiden Frauen kreativen Widerstand. Sie schrieben Flugblätter, gestalteten Plakate und verfassten Aufrufe zur Desertion. 1944 wurden beide von der Gestapo verhaftet und wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt. Im Februar 1945 wurden sie begnadigt und nach der Befreiung im Mai aus der Haft entlassen.
Während ihrer mehrmonatigen Haftzeit wurde ihr Haus mehrmals durchsucht. Dabei wurden große Teile ihres Fotoarchivs und ihre künstlerischen Arbeiten zerstört. Nach dem Krieg nahm Cahun ihre Arbeit mit Selbstporträts wieder auf. Ein letztes Mal traf sie sich mit André Breton in Paris. Eine Rückkehr in die Hauptstadt scheiterte an ihrer schlechten gesundheitlichen Verfassung. Sie starb im Krankenhaus von Jerseys Hauptstadt Saint Helier.
Seit Anfang der 1990er Jahre werden die Arbeiten Claude Cahuns im Zuge der Diskussion um Sexualität und Geschlechterdifferenz wieder neu betrachtet und sind Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Die einen sehen in ihr eine historische Ikone der Queer-Community, andere fordern, auch die Dichterin, Übersetzerin, Essayistin, Schauspielerin und politische Aktivistin zu würdigen.


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