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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 02/2020 |

Zum 90. Todestag von Paul Levi (1883–1920)

«Republik, das ist nicht viel, Sozialismus ist das Ziel»
von Manfred Dietenberger

Rosa Luxemburg kennt jede und jeder. Aber wer war dieser Dr. jur. Paul Levi, dessen Todestag sich am 8.Februar 2020 zum 90. Mal jährt?

Für einen Teil seiner zahlreichen Gegner gehörte er schon immer «zum engsten Kreis der Novemberverbrecher», für die anderen war er ein «Verräter». Carl von Ossietzky brachte das so auf den Punkt: «Wenn die Geschichte einmal das Fazit der ersten zehn Jahre Republik zieht, dann wird sie Paul Levi mit Ehren überhäufen.» Da täuschte er sich aber gewaltig.
Recht hatte er hingegen mit der treffenden Charakterisierung der politischen Person Levi, als er schrieb: «Die Kommunisten taten Unrecht, ihn einen Abtrünnigen, die Sozialdemokraten, ihn einen Bekehrten zu nennen. Er war ein internationaler revolutionärer Sozialist aus Rosa Luxemburgs Schule, hat es nie verleugnet. Paul Levi war dem Sozialismus verschworen wie kaum ein anderer … Deshalb bedeutet sein Tod mehr als der irgendeines Politikers.» (Die Weltbühne, 18.Februar 1930.)
Paul Levi wurde am 11.März 1883 im schwäbischen Hechingen als jüngstes von fünf Kindern der Textilfabrikantenfamilie Jakob und Katie geboren. Sein Vater war nicht nur Fabrikant. Seit 1901 die hohenzollersche Gemeindeordnung erstmals ein Wahlrecht für Juden schuf, saß der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Jakob Levi, in der Stadtverordnetenversammlung. Dort ergriff er als entschiedener Demokrat und Republikaner oft das Wort. Dies und der Umstand, dass er in der «Alten Post» wohnte, brachten ihm den Spitznamen der «rote Postjakob» ein.
Nach dem Besuch der Volks- und Realschule in Hechingen machte der Sohn Paul Levi sein Abitur in Stuttgart. Danach ging er zum Jurastudium nach Berlin, Grenoble und Heidelberg. Als promovierter Rechtsanwalt ließ er sich 1909 in Frankfurt am Main nieder. Noch im selben Jahr wurde er Mitglied im dortigen Sozialdemokratischen Verein.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs ließ sich Levi nicht von der allgemeinen Kriegspropaganda anstecken, ganz im Gegenteil. Im Gegensatz zur Parteilinie hielt er leidenschaftliche Vorträge gegen den Krieg. Auf Levis antimilitaristisches Engagement wurde Rosa Luxemburg im Jahr 1914 aufmerksam. Im selben Jahr wurde sie selbst wegen ihrer antimilitaristischen Agitation zweimal vor Gericht gezerrt und nahm sich Paul Levi zum Verteidiger.

Levis Mandantin Rosa Luxemburg und er betraten am 20.Februar 1914 gemeinsam das Frankfurter Landgericht, angeklagt nach den §§110 und 111 StGB wegen «Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Gesetze». Anlass der Anklage war eine Rede Luxemburgs zu Frankfurter Arbeitern im September 1913, bei der sie ihnen zurief: «Wenn uns zugemutet wird, die Mordwaffe gegen unsere französischen oder anderen Brüder zu erheben, dann rufen wir: Nein, das tun wir nicht!» Für die Staatsanwaltschaft war das ein «Attentat auf den Lebensnerv unseres Staates», die Armee.
Luxemburg nutzte den Gerichtssaal, um den Militarismus des Kaiserreichs an den Pranger zu stellen und darzulegen, warum die Arbeiterschaft Krieg rigoros ablehnt. Levi gelang es nicht zu verhindern, dass das Gericht sie zu einem Jahr Gefängnis verurteilte. Da aber eine sofortige Inhaftierung nicht angeordnet wurde, blieb Rosa Luxemburg und Paul Levi Zeit, noch auf vielen öffentlichen Veranstaltungen gegen den drohenden Krieg aufzutreten.
Am 7.März 1914 auf einer solchen Volksversammlung in Freiburg prangerte Luxemburg wortgewaltig die alltäglichen schweren Misshandlungen von Rekruten in der Armee an. Der preußische Kriegsminister sah die Truppe durch diese Äußerung «beleidigt und öffentlich verächtlich gemacht» und stellte Strafanzeige.
Es blieb nicht bei der gemeinsamen antimilitaristischen Arbeit, es entwickelte sich zwischen den beiden auch eine intensive Liebesbeziehung. Neben ihrem gemeinsamen politischen Scharfsinn und ihrer Liebe zueinander wie zur Natur verband sie auch ihr Hass gegen jegliche Ungerechtigkeit und Menschenverachtung, die strikte Ablehnung des Krieges wie auch das Streben nach Unabhängigkeit. Beide trieb die permanente Suche und das Bemühen um die jeweils adäquateste Organisationsform für den erfolgreichen Kampf gegen Kapitalismus und Krieg – Levi später auch für den Kampf gegen den Faschismus.

Im April 1915 wurde Levi zum Militär eingezogen. Mit mehreren Hungerstreiks erzwang er seine Einlieferung in Lazarette und wurde im Mai 1916 als «dienstunbrauchbar» aus der Armee entlassen. Um sich von seiner Hungerrevolte zu erholen, aber auch um Kontakt zu den dort im Exil lebenden internationalen Sozialisten wie etwa Lenin und Trotzki aufzunehmen, reiste er gleich darauf in die Schweiz. Als die Nachricht von der russischen Februarrevolution die Welt in Aufregung versetzte, beteiligte er sich aktiv an den Vorbereitungen für Lenins Rückreise durch Deutschland.
In den Jahren 1913–1919 arbeiteten Luxemburg und Levi zusammen gegen die Führung der Mehrheitssozialdemokratie. Ab August 1914 waren sie zusammen in der Spartakusgruppe, die sich dann im November 1918 unter dem Namen «Spartakusbund» neu konstituierte und von der SPD löste. Levi wurde in die Parteizentrale gewählt und übernahm zusammen mit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht die Redaktion der Roten Fahne. Mit diesen beiden trat Levi im Dezember als Redner auf den vom Spartakusbund einberufenen Massenkundgebungen auf. Zur Jahreswende 1918/19 fand der Gründungsparteitag der KPD statt, auf dem Levi sich für die Teilnahme an den Wahlen zur Nationalversammlung stark machte, er wurde aber nach heftiger Debatte von der Mehrheit der Delegierten überstimmt.
Zwei Wochen später wurden Luxemburg und Liebknecht, im März Leo Jogiches ermordet. Levi wurde die Führung der Partei übertragen, er wollte sie im Sinne Rosa Luxemburgs weiterführen. Vom Frühjahr 1919 bis zum 24.Februar 1921 stand er an der Spitze der jungen, von außen brutal bekämpften und innerlich arg zerstrittenen KPD. Er hatte da keinen leichten Stand. Ständig kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen ihm und den Linksradikalen in der Partei und mit der Komintern.

Am 15.April 1921 schloss ihn die neue Führung der KPD «wegen schwerer Parteischädigung und Vertrauensbruchs» aus. Gemeint war damit unter anderem seine öffentliche Kritik an den von der KPD durchgeführten Aufständen in Mitteldeutschland, bekannt unter dem Namen «Märzaktion». Levi, der sein 1920 für die KPD errungenes Reichstagsmandat behielt, gründete zusammen mit seinen politischen Freunden im September 1921 die Kommunistische Arbeitsgemeinschaft (KAG), mit der er 1922 zur USPD übertrat.
Am 8.Januar 1921 wandte er sich mit einem «Offenen Brief» an alle deutschen Arbeiterorganisationen – seiner politischen Bedeutung wegen kann er gar nicht genug Aufmerksamkeit verdienen. Dieser Brief bekannte einsichtig, man könne sich zwar miteinander nicht über Demokratie und Diktatur verständigen, dringend sei jedoch die Einheit für den Kampf um ein Stück Brot, das für den mehrheitssozialdemokratischen und den unabhängigen Arbeiter nicht weniger wichtig sei als für den Kommunisten.
Paul Levi kam über die USPD noch im Jahr 1922 in die SPD zurück, in jene Partei in der er von vielen als «Radikalinski» verhasst war. Das verwundert doch sehr, zumal er noch im gleichen Jahr schrieb: «Niemandes Träume und Hoffnungen von diesem Tag», schrieb Levi zum 9.November, «haben sich erfüllt, aber als Tag der ersten großen Bewegung des deutschen Proletariats, seines ersten weithin sichtbaren Sieges, gedenken die deutschen Arbeiter seiner und stehen zu seiner Frucht, der deutschen Republik – trotz alledem.»
Paul Levi kämpfte in der Folgezeit als Linksaußen in der Sozialdemokratie gegen den aufkommenden Faschismus und für die Überwindung des Kapitalismus. Er warf seiner SPD vor, der «Republik ihre Freunde genommen» zu haben, indem sie ein ums andere Mal «das Soziale geopfert (hat), um das Demokratische zu retten». «Ein Aufgeben der demokratischen Republik bedeutete für das Proletariat … Reaktion im blutigsten Sinne des Wortes…»
Levi war einer der Vordenker der Arbeiter, die in der Weimarer Republik am 1.Mai mit der Losung «Republik, das ist nicht viel – Sozialismus ist das Ziel» durch die Straßen zogen. Im Reichstag, in dem er ab 1924 den Wahlkreis Chemnitz-Zwickau zwei Wahlperioden lang vertrat, startete Levi mehrere Initiativen zur Justizreform sowie zur Aufklärung reaktionärer Umtriebe in Armee und Staatsverwaltung.

In den frühen Morgenstunden des 9.Februar 1930 stürzte Paul Levi, noch nicht 47 Jahre alt und wohl im Zustand einer fiebrigen Lungenentzündung, aus seiner Dachgeschosswohnung am Lützowufer in Berlin. Als der Reichstagspräsident Paul Löbe die Abgeordneten bat, sich zu einer Gedenkminute für ihren tödlich verunglückten Kollegen Paul Levi zu erheben, verließen die Fraktionen von NSDAP und KPD demonstrativ den Saal. An der Trauerfeier im Krematorium Wilmersdorf nahm auch Albert Einstein teil. Die Hohenzollerschen Blätter riefen ihm aus seiner Heimatstadt nach: «Er war der einzige Hechinger, von dem die ganze Welt bis in die fernsten Winkel der Vereinigten Staaten und Sibiriens gesprochen hat.»


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