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Ein untypischer Genosse

Zum Tode von Michel Lequenne (1921–1920)
von Wilfried Dubois

Im Mai wäre er 99 Jahre alt ge­worden, nun ist er am 13.Februar gestorben. Michel Lequenne hat nach einer Jugend in Le Havre fast sein gesamtes Leben in Paris gelebt. Er war durch und durch Franzose, ein Intellektueller, der nie eine Universität besucht hat, und ein sehr kritischer, ein querdenkender «Trotzkist».


Politisiert wurde Michel Lequenne kurz vor Beginn des Weltkriegs, der deutschen Besatzung und des Vichy-Regimes in dem Milieu der Jugendherbergsorganisationen, die ab 1936, in den Zeiten der Volksfront, als zum ersten Mal bezahlter Urlaub für ArbeiterInnen erkämpft wurde, einen enormen Aufschwung erfuhren – auf deren Kongressen wurde heftig über eine andere Gesellschaft und über ökonomische Umverteilung gestritten. 1943, als alle Organisationen der Arbeiterbewegung in der Illegalität arbeiteten, schloss er sich einem der kleinen, aktiven «trotzkistischen» Kerne an, die sich Anfang 1944 zur Internationalistischen Kommunistischen Partei (PCI) vereinigten.
Michel Lequenne schlug sich als Verlagslektor und Korrektor durch, vor seiner Pensionierung arbeitete er für das Journal Officiel (vergleichbar dem Bundesanzeiger). Er war in der kleinen, hochaktiven Gewerkschaft der Korrektoren im Dachverband CGT aktiv, der früher eng mit der spät entstalinisierten Französischen Kommunistischen Partei (PCF), der hegemonialen Partei der Arbeiterbewegung, verbunden war. Hauptsächlich war er für kleine trotzkistische oder linkssozialistische Organisationen aktiv, die nach dem Scheitern der Hoffnungen in den Jahren 1944–1947 entstanden und deren Leitungen er lange angehörte.
Zugleich war er immer an kulturellen Themen interessiert. 1976 trat er zusammen mit Michael Löwy der, nach dem Tod André Bretons und dem Mai 1968 wiederbelebten, surrealistischen Gruppe in Paris bei, die wie eh und je künstlerische Aktivitäten und beißende Kritik an konformistischen Lebensweisen und der herrschenden Politik, auch am Stalinismus, miteinander verband.
Laufend schrieb er für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften Buchbesprechungen. So bin ich durch seine Rezension einer Sammlung von Erzählungen von Warlam Schalamow (1907–1982) auf den großen und großartigen Chronisten des Systems der Straflager im hohen Norden der Sowjetunion aufmerksam geworden, der lange vor Aleksandr Solschenizyn über den für Tausende tödlichen GULag geschrieben hat und als einer der extrem wenigen, die in den 1930er Jahren wegen «trotzkistischer konterrevolutionärer Tätigkeit» zu Lagerhaft verurteilt wurden, überlebt hat.
Von 1977 bis 1998 gab die Frauenkommission der LCR die Zeitschrift Cahiers du féminisme heraus, in der ein klassenkämpferischer Feminismus vertreten wurde. Michel Lequenne war einer der ganz wenigen männlichen Mitarbeiter, viele Jahre lang steuerte er eine Kolumne über zumeist wenig bekannte «große Damen der Literatur» vom Mittelalter bis zum 20.Jahrhundert bei.
Das Jahr 1968 bedeutete mit den Barrikaden im Pariser Quartier Latin und dem Generalstreik der zehn Millionen einen tiefen Einschnitt für die Politik und Gesellschaft Frankreichs – und auch für die verschiedenen Organisationen der revolutionären Linken, die einen enormen Zulauf von neu politisierten Jugendlichen erfuhren.
Die meisten dieser Organisationen wurden im Juni 1968 verboten, mussten einige Monate in der Halblegalität arbeiten und sich reorganisieren. Der französischen Sektion der IV. Internationale ist das mit der Gründung der Ligue Communiste Ostern 1969 in Mannheim nach einem intensiven Diskussionsprozess auf glänzende Weise gelungen: Hunderte junge Erwachsene schlossen sich mit der viel kleineren, hauptsächlich aus Industriearbeitern zusammengesetzten Kaderorganisation PCI zusammen, in deren Leitung Pierre Frank und Michel Lequenne wichtige Säulen gewesen waren.
Eine neue Generation stellte nun die Mehrheit der Leitung, darunter waren brillante politische Köpfe wie Alain Krivine, Daniel Bensaïd, Henri Weber, Pierre Rousset oder Jacqueline Habel. Ihre kühnen politischen Aktionen und ihr militantes Auftreten, aber auch Ende der 70er Jahre ihre «Wende zur Industrie» waren nicht die Sache von Michel Lequenne; von manchen Jüngeren in der Leitung, der er nicht mehr angehörte, hielt er nicht viel.
In den 70er und 80er Jahren war er fast durchgehend in der Opposition. Dabei gehörte er nicht zu den vielfach traditionalistischen und doktrinären Minderheiten, die nach und nach in verschiedene Richtungen die Internationale verlassen sollten. In vielem teilte er die Auffassungen und die Analysen der Mehrheit der Ligue und der Internationale. 1988 fühlte er sich isoliert und war er der andauernden Opposition müde, er erklärte seinen Austritt aus der LCR und damit aus der IV. Internationale. Auch danach hat er jedoch weiter Beiträge in der theoretischen Zeitschrift der LCR, Critique communiste, veröffentlicht, fast mehr als vorher; zahlreiche Freundschaften und Kontakte hat er beibehalten. Seine Verbundenheit mit der revolutionären marxistischen Bewegung stand bis zuletzt außer Frage.


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