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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2020 |

Gefühlslage nach dem Anschlag in Hanau

«Wenn man mein Leben nicht achtet, wie soll ich mich dann zuhause fühlen?»
Gespräch mit Serdar Kazak

Zum Zeitpunkt des Mords an Halit Yozgat am 6.April 2006 durch den NSU betrieb SERDAR KAZAK sein Geschäft in nächster Nähe des Anschlagorts. Obwohl ein aufgeklärter Mensch, dachte auch er damals nicht sofort an einen Anschlag von Nazis.


Viele Jahre sind über den NSU-Morden vergangen, Jahre, in denen faschistische Anschläge immer wieder als Taten von «Einzelnen», ohne rassistischen Hintergrund abgetan wurden. Die politischen Zusammenhänge der Nazis wurden auf diese Weise vor den Terroranschlägen abgeschirmt.
Nicht einmal der gigantische NSU-Prozess hat an dieser Tatsache etwas ändern können – peinlich genau hat das Gericht darauf geachtet, dass die politischen Hintergründe der Morde nicht ausgeleuchtet wurden, zur großen Enttäuschung der Nebenkläger.
Das ging so bis zum Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Damit wurden nun nicht mehr Migranten getroffen, sondern ein Repräsentant der Hauptpartei des Bürgertums, der CDU. Da sind auch die Innenminister aufgewacht. Aber es bedurfte des Mordanschlags in Hanau am 19.Februar dieses Jahres mit zehn ermordeten Migranten, um eine starke Gegenmobilisierung in weiten Teilen der Gesellschaft hervorzurufen.
An ihr haben sich auch MigrantInnen beteiligt – doch nur in geringer Zahl. «Viele fühlen sich hier nicht heimisch, die sehen das eher als ein deutsches Problem, obwohl die meisten Opfer Migranten sind», sagt Kazak.

Du hast den Mord an Halit Yozgat am 6.April 2006 durch den NSU aus nächster Nähe miterlebt. Wie war das damals?

An dem Tag war ich in meinem eigenen Laden und dann kam irgendwann die Nachricht von einer Messerstecherei in der Nähe und dass jemand gestorben ist. Nach einer halben Stunde wurde die Meldung korrigiert, es hieß, jemand sei mit einer Pistole erschossen worden, die Pistole habe einen Schalldämpfer gehabt. Da war mir klar, dass es eine organisierte Sache war, denn eine solche Pistole hat kein kleiner Gauner in der Tasche. Wir alle, egal ob Migranten oder Einheimische, dachten aber, dass es irgendeine private Sache war. Erst später kam die Information, dass es sich um einen Serienmord handelte.
Das war die Zeit der Regierung von Roland Koch und Volker Bouffier in Hessen. Da hab ich sehr oft erlebt: Wenn man die Polizei anruft, der einen Akzent hat, kommt die einfach nicht. Ein Mitarbeiter von mir hat gesehen, wie eine Frau geschlagen wurde, er rief die Polizei an und der Polizist sagte zu ihm, er solle die Frau selber anrufen. Es war damals gang und gäbe in Hessen, dass die Polizei sich nicht kümmerte.
Meine Vermutung war, das ist die Tat eines Psychopathen, weil er weiß, dass es sowieso nicht verfolgt wird. Interessanterweise hat sich dieser Verdacht bestätigt. Nach einigen Wochen kamen die Informationen, dass die Kasseler Polizei einen Verdächtigen hatte, und dass dieser Verdächtige ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes war, Andreas Temme. Da war mir klar, dass es sich um eine organisierte bzw. sogar politische Sache handelte. Die Polizei hat aber jahrelang von türkischer Mafia bzw. einem familiären Motiv gesprochen. Trotzdem muss ich sagen, dass die Kasseler Polizei damals hervorragende Arbeit geleistet hat. Die haben diesen Verfassungsschutzmitarbeiter als Verdächtigen festgenommen – dann aber kam von oben, vom Innenministerium des Landes Hessen, also von Volker Bouffier, der Befehl, dass die Polizei ihn nicht vernehmen durfte, da er Mitarbeiter des Verfassungsschutzes war. Er wurde freigelassen und war damit praktisch aus dem Spiel. Ich vermute, dass man danach nicht mehr so richtig ermittelt hat. Nach fünf Jahren erfuhren wir dann, dass sich der NSU selbst enttarnt hat.

Das heißt, ihr habt so lange selber nicht wirklich geglaubt, dass die Mörder aus der Nazi-Ecke kommen?

Ich habe es nicht gedacht, denn bei einem politischen Mord schickt man einen Bekennerbrief, ruft Nachrichtenagenturen an um zu verkünden: «Wir haben das gemacht.» Das war kein typischer politischer Mord. Meiner Erfahrung nach geschehen politische Morde, um damit Propaganda zu machen, aber einen kleinen Mann zu töten, den Betreiber eines Internetcafés – warum soll der Geheimdienst eines Landes von der Größenordnung Deutschlands einen kleinen Ladenbesitzer töten?

Jetzt gab es diesen Anschlag in Hanau, bei dem zehn Leute getötet wurden.

Das hat damit eine große Ähnlichkeit.

Wieso meinst du?

Weil der Kerl in ein paar Minuten das gleiche angerichtet hat wie der NSU in neun Jahren. Der Täter war zwar ein Psychopath, aber die suchen ja leichte Beute und es wird oft, auch auf der Ebene der Bundespolitik, nicht gut geredet über Shisha-Bars.
Dazu kommt, dass sich die Faschisten besonders in Hessen wohl fühlen. Meiner Meinung nach begann das Ende der 90er Jahre, als das Duo Roland Koch und Volker Bouffier an die Regierung kamen, Roland Koch war Ministerpräsident und Volker Bouffier Innenminister. Die haben die Wahl mit einer rassistischen Unterschriftenkampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft gewonnen, diese Kampagne haben sie deutschlandweit gemacht. Seitdem hat sich das Land Hessen langsam aber sicher in einen braunen Sumpf verwandelt.

Aber heute gibt es eine schwarz-grüne Regierung.

Die Grünen haben dieses Thema nicht einmal bei den Koalitionsverhandlungen auf den Tisch gelegt. Sie hätten eine Schlüsselrolle bei der Aufklärung der NSU-Morde spielen können, aber ihr Verhalten in den verschiedenen parlamentarischen Untersuchungskommissionen ist genauso rechts wie das der CDU. Die SPD ist etwas moderater.

Siehst du Unterschiede in der Reaktion der Öffentlichkeit und der Politik auf Hanau heute und auf die NSU-Morde vor 15 Jahren?

Das ist jetzt schon ein bisschen anders, denn bis zur Selbstenttarnung des NSU am 4.November 2011 hieß es, es sei nicht bekannt, ob das die türkische Mafia sei oder ob es einen familiären Hintergrund gebe oder ob ein Psychopath am Werk sei. Bei Hanau wusste man schon am ersten Tag, wer der Täter war.

Hast du den Eindruck, die Öffentlichkeit hat auf Hanau anders reagiert als auf den NSU?

Ja, das kann man schon sagen. Damals wurden Sprüche über das Opfer losgelassen, auch von Türken. Aber in Hanau war die Sache klar und hat natürlich die offizielle Meinung der Bundesregierung bestimmt, der Bundespräsident ist nach Hanau gekommen…

Hast du jetzt die Hoffnung, dass etwas ernsthafter gegen den Rechtsextremismus vorgegangen wird?

Das könnte sein, ja. Wenn wir das vom Klassenpunkt aus betrachten ist es so, dass die Wirtschaft in Deutschland heute keinen Faschismus braucht. Für die herrschenden Klassen, die Bourgeoisie oder das Großkapital wäre eine faschistische Regierung meiner Meinung nach ein Problem. Wir müssen heute den Faschismus unter den aktuellen kapitalistischen Bedingungen besiegen. Wir können nicht darauf hoffen, ihn durch eine sozialistische Revolution besiegen zu können. Ich glaube nicht, dass die Faschisten aufhören werden, die haben jetzt Rückenwind bekommen.
In Hessen fühlen die Nazis sich besonderes sicher. Das sieht man am Fall des sogenannten NSU 2.0. Ein paar Nazis haben der Rechtsanwältin von NSU-Opfern gedroht, ihre Tochter zu schlachten und den Brief mit «NSU 2.0» unterschrieben. Man hat festgestellt, der Brief wurde vom Fax-Gerät eines Polizeireviers verschickt. Diese Polizisten müssen sich wirklich sicher gefühlt haben. Sie wurden zwar vom Dienst suspendiert, aber von weiteren Strafen hat man nichts gehört. Jeder Staat hält ein faschistisches Potenzial in seiner Reserve und nutzt es, wenn es für ihn eng wird. In Hessen ist das anders. Hier sind es die Faschisten, die die Regierung benutzen.

Wie wird das jetzt unter Migranten diskutiert, was gibt es da für Vorstellungen, wie man dagegen vorgehen kann?

Das ist eine komplizierte Sache. Die Migranten, mit denen ich Kontakt habe, diskutieren weniger als wir, damit meine ich weniger als wir Deutsche. Nach meiner Meinung resignieren sie eher. Eine klare Analyse macht niemand, wenn überhaupt, dann sagen sie: Mein Gott, wenn es nicht anders geht, dann geh ich zurück in die Türkei. Aber das ist nicht realistisch. Keiner kann in die Türkei gehen, es gibt so viele Kinder, die hier geboren sind.

An den Protesten, die es sofort nach Hanau gegeben hat, haben sich aber viele Migranten beteiligt.

Ja. Empört zu sein, ist eine Sache, aber was ich in Kassel sehe, ist Resignation. Putschversuche in der Türkei im Jahr 2016 haben mehr Türken auf die Straßen gelockt als Hanau oder der letzte Jahrestag vom 6.April (am 6.April 2006 wurde Halit Yozgat in Kassel ermordet).
Viele Migranten fühlen sich hier nicht wirklich heimisch, die sehen das eher als ein deutsches Problem, obwohl die meisten Opfer Migranten sind.

Haben sie Angst?

Angst, bestimmt, ja. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie private Schutzmaßnahmen treffen.

Und du, hast du Angst?

Ja. Klar. Ehrlich gesagt damals, als Lübcke getötet wurde, meinte ich, mich sicher fühlen zu können, weil die Faschisten höher gezielt haben, also nicht mehr einen kleinen Unternehmer mit Migrationshintergrund umbringen, sondern einen Regierungsvertreter. Seit Hanau habe ich ehrlich gesagt Angst. Ich sitze mit vier Überwachungskameras in meiner Werkstatt, deren Aufnahmen werden auf vier verschiedenen Internetservern gespeichert. Das ist zwar kein Schutz, aber wenn jemand was tut, dann gibt es wenigstens hochauflösende Bilder von dem Kerl.

Gibt es denn in Kassel Initiativen für mehr Selbstschutz?

Wenig. Leider, das kann man fast abhaken.

Keine Diskussion, auch nicht unter den Linken?

Manchmal schon, wir diskutieren, was wir machen sollen. Nahkampf lernen oder solche Sachen, weil in Kassel immer wieder was passiert. Vor ein paar Wochen wurde ein türkischer Migrant von einem Faschisten angegriffen. Doch die hatten Pech, der Typ, den sie angegriffen haben, war total fit, er war zwar älter, aber er war selber in den 70er Jahren in der Guerilla gewesen. Der hat die Schläger abgewehrt, so ein Glück hast du nicht immer. Das zeigt, was eine Nahkampfausbildung bringt. In Kassel sind die Faschisten eigentlich nicht so stark, aber punktuell sind sie total organisiert und bewaffnet. Die sind in der Lage, fast jede komplizierte Aktion durchzuführen, zwar keine Massenaktion, aber immerhin, sie können schlagen oder töten.
Die Sicht der Migranten ist aber nicht einheitlich. Und wenn die Regierung möchte, dass sie sich einheimisch fühlen, dass sie nicht einen deutschen Pass in der Tasche haben, sondern wirklich Teil dieser Gesellschaft sind, müssen diese Morde – auch der Mord an Lübke und die in Hanau – klipp und klar aufgeklärt werden. Sonst fühlt man sich hier nicht zu Hause.

Reicht es, dass man weiß, wer es gewesen ist?

Ich meine damit auch die Bestrafung. Wenn die Regierung oder die Polizei mein Leben nicht achten, wie soll ich mich dann hier zuhause fühlen. Das ist der Punkt, den ich sagen will. Ob das unter kapitalistischen Bedingungen möglich ist, das ist eine lange Diskussion.


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