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Georg Leber (1920–2012)

Ein waschechter Kommunistenfresser
von Manfred Dietenberger

Georg Leber wurde 1966 von der rechtsgerichteten britischen Ta­geszeitung Daily Mail als bedeu­tendster Gewerkschaftsführer Europas bezeichnet. Das war er sicher nicht.

Dennoch lohnt sich ein kritischer Blick auf das Leben des früheren Vorsitzenden der IG Bau-Steine-Erden (IG BSE – heute IG Bauen-Agrar-Umwelt, IG BAU). Denn «mit Leber», so der marxistisch orientierte Gewerkschaftstheoretiker Theo Pirker, «trat der Typ des Gewerkschaftsbosses in der Arena der gewerkschaftlichen Auseinandersetzung auf, wie ihn die anglo-amerikanische Gewerkschaftsbewegung so häufig hervorgebracht hat».
Vor 100 Jahren, am 7.Oktober 1920, wurde Georg Leber in Obertiefenbach (Landkreis Limburg-Weilburg) in eine Bau-Handwerkerfamilie hineingeboren. Die elf Brüder seiner Mutter und sein Vater waren alle Maurer. Nach dem Besuch der Volks- und Handelsschule begann er eine kaufmännische Lehre. Der Krieg durchkreuzte die Ausbildung und Georg Leber wurde 1939, gerademal 18 Lenze alt, als Funker (Luftwaffe) zum Kriegsdienst eingezogen und kurz vor der Befreiung vom Faschismus im Februar 1945 in Ostpreußen noch verwundet.
Wieder zurück in der Heimat kann ihm der Vater eine Arbeitsstelle als angelernter Maurer in Limburg (Lahn) besorgen und fordert: «Melde dich dort gleich auch zur Gewerkschaft an. Das gehört dazu.» Georg Leber folgt dem väterlichen Rat und tritt 1947 in die IG Bau-Steine-Erden ein. Doch schon 1949 legte er die Kelle aus der Hand und geht an die gewerkschaftseigene Frankfurter «Akademie der Arbeit» und wird hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär der IG BSE in Limburg. Über die Akademie der Arbeit kommt Leber mit dem Frankfurter Jesuiten Oswald von Nell-Breuning, dem Chef-Ideologen der katholischen Soziallehre in Kontakt, aus dem heraus recht schnell ein ihn prägendes Vater-Sohn-Verhältnis wird. 1952 übernimmt Leber die Redaktion seiner Gewerkschaftszeitung Der Grundstein und ist bald darauf Vorstandsmitglied der IG BSE.
1957 wird er zum Bundesvorsitzenden der damals noch über 700000 Mitglieder zählenden Gewerkschaft gewählt. Er krempelt gleich die Ärmel hoch und macht sich daran, die Gewerkschaft nach amerikanischem Vorbild zum handzahmen Interessenverband umzumodeln. Dazu muss er einem Teil der Funktionäre und Mitglieder ihre noch vorhandenen Vorstellungen von Klassenkampf und dem Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit abgewöhnen. Im Huckepack mit dem Godesberger Programm der SPD akzeptiert Leber damit die subalterne Rolle, die den Gewerkschaften von Kapital und Regierung zugedacht ist. 1963 verteidigt Leber auf dem Gewerkschaftskongress in Westberlin missionarisch seine Stillhaltepolitik und Zusammenarbeit mit den Bauunternehmern. Kühn behaupte er, dass es «für den Arbeiter in Westdeutschland keine Klassenschranken mehr» gebe und man nicht mehr von «Willkür der Unternehmer» oder von «Ausbeutung» sprechen könne.
Mit dieser Position befindet er sich Einklang mit der Mehrheit der Gewerkschaftsvorsitzenden im DGB. Vehementen Widerspruch aber erntet er von Otto Brenner, dem Vorsitzenden der IG Metall. Noch 1958 fordert der auf dem IG-Metall-Kongress, an den Forderungen des Münchener DGB-Programms «nach Überführung der Schlüsselindustrien in Gemeinwirtschaft, nach Mitbestimmung und volkswirtschaftlicher Planung» festzuhalten. Leber aber bleibt bei seiner Position und wurde damit zu einem der Väter der Sozialpartnerschaft.
Leber war nicht nur kein Marxist, auch nicht nur rechter Sozialdemokrat, nein, er war ein waschechter Kommunistenfresser. Eines schönen Tages im Jahre 1957 verließen auf Geheiß Lebers 44 hauptamtliche Gewerkschaftssekretäre des Bezirks Nordrhein der IG Bau-Steine-Erden in einem zwölf Pkw zählenden Konvoi die gewerkschaftliche Hans-Böckler-Schule in Hattingen und schwärmten von dort aus in Richtung Düsseldorf, Duisburg, Essen, Wuppertal, Mönchengladbach, Moers, Niederberg und Mülheim, wo sie in vorbestellten Hotelzimmern Quartier bezogen. Anderntags, morgens um 8 Uhr, begann das mobile Einsatzkommando mit der bislang größten Säuberungsaktion in der Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung. Ihr Auftrag: die Umsetzung eines zuvor in Hattingen ausgearbeiteten Beschlusses.
Mit Kündigungsschreiben in der Tasche schlugen sie im Büro der Bezirksleitung der IG BSE in Düsseldorf und in den Räumen von neun Verwaltungsstellen der IG BSE auf, um dort 15 unliebsame kommunistische Gewerkschaftsfunktionäre abzusetzen. Von den bis dahin 18 im Bezirk Nordrhein vorhandenen örtlichen Verwaltungsstellen hatten am Ende dieses Schurkenstücks genau noch die Hälfte der Büros geöffnet. Ortsfremde Funktionäre ersetzten handstreichartig ihre demokratisch gewählten Kollegen und übernahmen kommissarisch die Leitung der aufgelösten Verwaltungsstellen. Auf einer Pressekonferenz rechtfertigt Leber die Aktion: «Der Bezirk war kommunistisch unterwandert, schon 1933 sind am Niederrhein Kommunisten aus der Gewerkschaft ausgeschlossen worden.»
Die gefühlte «Unterwanderung» bezog sich wohl auf den tatsächlich starken Einfluss von Kommunisten in der Bauarbeitergewerkschaft nach 1945. Als Beleg zog Leber ein Schreiben seiner geschassten Kollegen an den Bezirksvorstand der sowjetzonalen Industriegewerkschaft Bau-Holz, Leipzig, hervor:
«Liebe Kollegen! Die Delegierten des Bezirkstages der IG Bau-Steine-Erden Nordrhein danken Euch für Euer Begrüßungsschreiben und erwidern dieses mit den herzlichsten Gewerkschaftsgrüßen. Wir ergreifen Eure Bruderhand, denn wir wissen, dass nur eine geeinte Arbeiterschaft in einem wiedervereinigten Deutschland Erfolge erringen kann, die uns soziale Sicherheit und Frieden bringen und erhalten können … Wir sind bereit, jeden Schritt zu tun, der uns die Einheit unseres Vaterlandes näherbringt.»
Viele Mitglieder der IG BSE waren empört über die Kommunistenhatz in ihrer Gewerkschaft. Andererseits erfuhr Leber für seine stramm antikommunistische Haltung vielfache Anerkennung – nicht nur bei der DGB- und SPD-Führung. Selbst John F. Kennedy zollte ihm großen Respekt. Auf seinem Berlin-Trip im Sommer 1963 nahm er sich die Zeit, in die Kongresshalle zu kommen und Georg Leber vor den Delegierten der Baugewerkschaft freundschaftlich zu begrüßen.
Natürlich war nicht alles schlecht, was Leber als Vorsitzender seiner Gewerkschaft zu verantworten hat. Im Nachruf der Gewerkschaft heißt es: «Die Schlechtwettergeldregelung, der Lohnausgleich zwischen Weihnachten und Neujahr, das Gemeinnützige Erholungswerk, die Stiftung Berufshilfe, die Zusatzversorgungskasse und die vermögenswirksamen Leistungen mit einer eigens durch ihn mitbegründeten Bank sind bleibende Zeugnisse seiner Arbeit.» Leber bzw. die IG BSE gründeten diese kleine «Bank für Sparanlagen und Vermögensbildung» für das kleine Geld der kleinen Leute. Aus der ist mittlerweile die ING Diba, die größte deutsche Direktbank geworden.
Der SPD-«Kanalarbeiter» Leber diente der SPD in den Kabinetten Kiesinger, Brandt und Schmidt – von 1966 bis 1972 als Bundesminister für Verkehr und von 1969 bis 1972 zusätzlich als Bundespostminister; von 1972 bis zu seinem Rücktritt 1978 als Verteidigungsminister. Einerseits forcierte er den Autobahnausbau, andererseits versuchte er sich mit seinem von Union und FDP blockierten «Leber-Plan» schon früh erfolglos an der Verlagerung des Güterverkehrs von der Straße auf die Schiene.
Der kalte Krieger Leber stand als Nachfolger von Helmut Schmidt stramm an der Seite der USA, zur NATO und zur «nuklearen Abschreckungsstrategie» und stritt erfolgreich für einen unvermindert hohen Verteidigungsbeitrag. Verteidigungsminister war sein «Lieblingsjob», wie er sagte. Er setzte durch, dass das Heer um drei zusätzliche Brigaden verstärkt wurde. In Lebers Amtszeit fallen die Gründung der Bundeswehruniversitäten in Hamburg und München, die Aufnahme von Frauen in den Sanitätsdienst der Armee und die Vergrößerung der Truppe auf zeitweilig mehr als 500000 Soldaten. Bei seinem Rücktritt hinterließ er Waffenbestellungen im Wert von über 55 Milliarden Mark.
Auch nach Beendigung seiner politischen Karriere konnte er es nicht lassen, Einfluss zu nehmen. 1984 vermittelte er im härtesten Arbeitskampf der deutschen Nachkriegsgeschichte, dem für die 35-Stunden-Woche, und setzte durch, dass eine 38,5-Stunde-Woche eingeführt wurde – und Flexibilität künftig ganz großgeschrieben wurde. In der anschließenden Sitzung der Tarifkommission brandmarkte Franz Steinkühler den sog. Leber-Kompromiss als das, was es war: ein «unzumutbares Streikergebnis».


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