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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2020 |

Globales Ökosozialistisches Netzwerk

Politik und Projekt des Ökosozialismus über die Grenzen der Nationalstaaten hinaus nötig
von Wilfried Dubois

Ende Januar trat ein Global Ecosocialist Network (GEN) an die Öffentlichkeit. Zum Selbstverständnis des Netzwerks heißt es auf seiner Webseite (www.globalecosocialistnetwork.net):


«Seit etwa letztem Jahr, insbesondere seit dem IPCC-Bericht vom Oktober 2018 und seitdem es die Schulstreiks für das Klima gibt, ist das globale Bewusstsein für die Bedrohungen, die vom Klimawandel und vielen anderen Aspekten des Anthropozäns ausgehen, rasant gestiegen. Immer mehr Menschen auf internationaler Ebene verstehen jetzt,
– dass die gesamte Menschheit und zahllose Arten in nicht allzu ferner Zukunft einer existenziellen Bedrohung ausgesetzt sind;
– dass Hunderte von Millionen Menschen jetzt und in den nächsten Jahren mit extremen Wetterlagen und Katastrophen konfrontiert sind, die vor allem im globalen Süden immenses Leid verursachen und zu einer großen Zahl von Klimaflüchtlingen führen werden.
Angesichts dieser Aussicht besteht die unmittelbare Reaktion vieler Menschen darin zu sagen, dies sei so schrecklich und dringend, dass es ‹jenseits der Politik› liegt. Wir alle sollten einfach unsere politischen Differenzen fallen lassen und uns mit dem einzigen Ziel zusammentun, den Planeten zu retten. So verständlich diese Reaktion auch sein mag, sie bildet nicht die Grundlage für das Globale Ökosozialistische Netzwerk. Unser Ausgangspunkt sind zwei Kerngedanken: Hauptverantwortlich für die Umweltkrise ist das globale Wirtschaftssystem des Kapitalismus; das Aufhalten des Klimawandels und der damit verbundenen Katastrophen erfordern sozialistische Politik und Antworten.»
Die Initiative zur Gründung des GEN ging im September 2019 von John Molyneux, Dublin, aus. Er ist Redakteur der Irish Marxist Review, gehört den Leitungen des irischen Socialist Workers Network und der Organisation People Before Profit an, die bei der Wahl zum irischen Unterhaus, dem Dáil, am 8.Februar 1,8 Prozent der Stimmen und 3 von 160 Sitzen erobert hat. Zusammen mit Antonater Tafadzwa Choto, dem südafrikanischen Dokumentarfilmer Rehad Desai (beide Südafrika), Memet Uludag (United Against Racism, Irland, und Aktivist von Extinction Rebellion) und Michael Löwy (Frankreich/Brasilien) bildet John Molyneux ein provisorisches «Steering Committee» des GEN.
Zu den Unterstützern des Netzwerks gehört ein pluralistisches Spektrum von mehr oder weniger bekannten ÖkosozialistInnen aus aller Welt wie Alan Thornett (Großbritannien), Daniel Tanuro (Belgien), Hugo Blanco (Peru), Ian Angus (Kanada, Redakteur der Webseite Climate and Capitalism), John Bellamy Foster (USA), Jonathan Neale (Großbritannien), Patrick Bond (Südafrika), Paul Murphy (soeben in der Republik Irland als Abgeordneter wiedergewählt) oder Terisa Turner (Kanada).
Die Debatten über Ökosozialismus nehmen international an Fahrt auf und werden zunehmend von Organisationen der marxistischen Linken aufgegriffen, auch von Strömungen, die noch vor wenigen Jahren von Ökosozialismus nichts gehalten haben und von einem Paradigmenwechsel gegenüber dem «klassischen Marxismus» von Lenin, Trotzki und Luxemburg nicht wissen wollten. In den 1970er Jahren hatte es erste Stimmen am linken Rand der Sozialdemokratie gegeben – etwa Ossip K. Flechtheim, Hermann Scheer oder Fritz Vilmar –, die über Ökosozialismus debattiert und geschrieben haben. Seit den 90er Jahren sind «eco-socialism», «green socialism» oder «socialist ecology» vor allem in englischsprachigen Ländern präsent, vielfach in Verbindung mit globalisierungskritischen Bewegungen und deren Diskussionen über «commons» (Gemeingüter) und kollektives Eigentum an den Produktionsmitteln als Voraussetzung für einen tiefgreifenden Wandel von Industrie und Landwirtschaft. Wenig bekannt ist, wie stark solche Strömungen in der Green Party of England and Wales und ihrer Führung sind, und dass eine führende Repräsentantin dieser Partei wie Caroline Lucas – 2010, 2015, 2017 und 2019 in Brighton mit immer größeren Mehrheiten ins britische Unterhaus gewählt – sich als Grüne und Sozialistin versteht.
2007 entstand auf Initiative von Joel Kovel aus den USA und Michael Löwy das International Ecosocialist Network, das einige beachtenswerte Manifeste und Erklärungen herausgegeben und internationale Versammlungen durchgeführt hat. Die erfolgreichste fand im Januar 2009 im Rahmen des Weltsozialforums in Belém, der Millionenstadt im brasilianischen Amazonasgebiet, statt. Leider ist diese Initiative inzwischen versandet.
Unter den immer zahlreicheren und schlagkräftigeren Gruppierungen der Klimagerechtigkeitsbewegung stehen zahlreiche Debatten an: Was heißt eigentlich «System Change», und wie ist der zu erreichen? Welchen Stellenwert haben medienwirksame symbolische Aktionen (wie das Eindringen in Tagebaue, das Stilllegen eines Kraftwerks für einen Tag, Blockaden des Verkehrs in der Innenstadt)? Welche Forderungen und Maßnahmen, die großen Teilen der Gesellschaft einleuchten, sind hier und heute zu ergreifen? Wie können die Konzerne der fossilen Industrie entmachtet werden? Welche Erwartungen richten wir an «die Politik», welches Verhältnis zu den Grünen Parteien und ihren Politikvorschlägen haben wir? Wie kann eine zugleich breite und radikale antikapitalistische, wachstumskritische Bewegung für Klimagerechtigkeit aufgebaut werden? Einheit der Bewegung auf welcher Grundlage?
Ökosozialistische Ansätze, die einen grundlegenden Umbau der Produktion mit der Änderung der Lebensweise («besser leben») sowie die Klimagerechtigkeitsbewegung mit der Arbeiterbewegung (oder wenigstens Teilen von ihr) miteinander verbinden, sind mehr denn je gefragt.
Mehr und mehr sozialistische AktivistInnen und SozialwissenschaftlerInnen verstehen, dass das traditionelle marxistische Verständnis weiterentwickelt werden muss (ausgehend unter anderem von einer kritischen Überprüfung des Erbes der «KlassikerInnen», aber auch einer Analyse der Entwicklung in den sich sozialistisch nennenden, nichtkapitalistischen Staaten); dass bedenkenlose Entwicklung der Produktivkraft und umstandsloses Vertrauen in Technik und Wissenschaft, Produktivismus und schrankenloses Wachstum zwar in den systemkonformen Arbeiterorganisationen weit verbreitet sind, aber nicht wirklich im Interesse der Lohnabhängigen liegen; dass eine umfassende Emanzipation ein anderes Zivilisationsmodell und einen behutsamen und schonenden Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen erfordern.
Mit anderen Worten: Sie machen sich die Kritik, Politik und das alternative Projekt des Ökosozialismus zu eigen. Politik und Projekt des Ökosozialismus müssen im 21.Jahrhundert über die Grenzen der Nationalstaaten hinausreichen. Von daher ist der neue Anlauf des Globalen Ökosozialistischen Netzwerks sehr zu begrüßen.


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