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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2020 |

IG Metall macht den Hamlet

Tarifrunde oder Nicht-Tarifrunde, das ist hier die Frage
von Thies Gleiss

Die Tarifrunde 2020 im Bereich Metall und Elektro wird keine gewöhnliche Auseinandersetzung zwischen den Unternehmern und der Gewerkschaft – so viel ist klar.


Die IG Metall muss mit einer dreifachen Krisenlage zurechtkommen:
– Insbesondere der Kernsektor Automobil rutscht in eine veritable Konjunkturkrise. Die Zulassungszahlen für Autos gehen zurück, die Märkte sind übersättigt. Alle großen Hersteller habe bereits Personalabbau beschlossen oder sind dabei ihn durchzuführen. Mehrere Firmen – auch aus der Zulieferindustrie – meldeten langfristig Kurzarbeit an.
– Gleichzeitig ist das Produkt «Auto» in einer echten Lebenskrise. Der individuelle Autoverkehr mit Verbrennungsmotoren erstickt das Leben in den Städten und ist nicht nur verantwortlich für ein gutes Viertel der CO2-Emissionen, sondern der Bereich, dessen Klimagasausstoß nicht nur nicht gesenkt werden kann, sondern beharrlich wächst – weltweit. Das Image und der simple Gebrauchswert des Autos sind in einer Dauerkrise. Statt Jubelmessen um PS-Protze und kriegstaugliche SUVs müssen die Autokapitalisten Rechtfertigungszeremonien aufführen.
Die einzige Perspektive aus dieser Krise sind Fantasien von neuen, angeblich klimaneutralen Antrieben, allen voran das Elektroauto – aber niemand scheint daran wirklich zu glauben, und alle seriösen Gutachten sagen: Das Elektroauto ist keine Alternative zur Sackgasse des bisherigen Automobils, es ist nicht klimaneutral und wird das Recht auf Mobilität für die Menschen nicht umwelt- und menschengerecht einlösen können.
– Drittens schließlich ist die Metall- und Elektroindustrie von der großen Welle der Digitalisierung aller Produktions- und Vertriebsverfahren erfasst, die eine erhebliche Zahl von Arbeitsplätzen vernichten und den Rest neu ausrichten wird.

Tarifpolitik? Tarif und Politik!
In dieser Situation ist klar, dass die Tarifrunde 2020 eine politische Tarifrunde werden muss. Das hat auch die IGM-Führung begriffen. Sie möchte auf jeden Fall vermeiden, dass sich wiederholt, was bei der letzten großen Wirtschaftskrise 2008 passierte, wo die IG Metall mit einer stolzen Forderung in die Tarifrunde ging, um nach wenigen Tagen und angesichts der Krise komplett zurückzurudern.
Doch das konkrete Verhalten des IGM-Vorstands ist leider weder Tarif noch Politik, sondern Zögern und Betteln. Am 4.Februar wurde offiziell beschlossen, was auf Tarifbezirksebene schon lange verkündet war: Die IG Metall möchte zunächst auf konkrete Forderungen verzichten und stattdessen mit den Metallunternehmern einen Pakt zur Sicherung der Arbeitsplätze und der Zukunft der Unternehmen abschließen. Das soll noch innerhalb der Friedenspflicht – also bis zum 28.April – geschehen und frei vom Druck durch Forderungen und Streiks erfolgen.
Wie schon 2008 soll auch hierbei stillschweigend oder mit offener Teilnahme als dritter Partner die Regierung einbezogen werden. Auf der Wunschliste stehen Standortsicherungsverträge, Investitionshilfen für die Unternehmer, verlängertes Kurzarbeitergeld und spezielle Förderungen für Fortbildung und Umschulung. Als Gegenleistung will die IGM auf Lohnforderungen über einen einfachen Inflationsausgleich hinaus verzichten und – wie stets – auch jede Art von betrieblichen Sonderregelungen ermöglichen.
Die Unternehmerseite hat nach diesem Angebot zunächst gezögert um zu schauen, ob es aus den Reihen der IG Metall großen Protest gibt, und ist dann mit frechen Forderungen aufgesprungen: Fünfjährige Tarifverträge wären die Voraussetzung plus jede Menge neuer Möglichkeiten der betrieblichen Willkür- und Sonderregelung.

Politik geht anders
Das Vorgehen der IGM-Spitze ist in jeder Hinsicht eine Kapitulation und ein abermaliger Anschlag auf die demokratische Kultur in der Gewerkschaft. Mitten in den laufenden Vorbereitungstreffen und betrieblichen Diskussionen mit der Ankündigung aufzutreten, schon vor Ablauf der Friedenszeit alles «einvernehmlich» regeln zu wollen, ist ein Schlag ins Gesicht insbesondere der Aktiven von der Gewerkschaftsbasis.
Vom Ergebnis her wird dadurch mit Sicherheit nicht viel herauskommen, auf jeden Fall weniger, als wenn die Kampfkraft der IGM richtig in Stellung gebracht würde.
Die IG Metall träumt offenkundig davon, dass öffentliche Gelder (man könnte auch sagen: Plünderung der Sozialkassen) den Unternehmern aus der Krise helfen sollen. An eine gleichzeitige Stärkung der gewerkschaftlichen und betrieblichen Kontrolle über diese Gelder wird so gut wie nicht gedacht.
Die Aktiven, vor allem die Linke in den Gewerkschaften diskutieren die Krisensituation erheblich anders. Im Mittelpunkt stehen Forderungen nach Arbeitszeitverkürzung ohne Einkommensverluste, um die vorhandene Arbeit auf alle zu verteilen. Niemand soll die Kosten der Krise allein tragen, schon gar nicht die heute wieder auf der Abschussliste stehenden LeiharbeiterInnen.
Sämtliche Entscheidungen über neue Produkte, Verfahrensänderungen, Umschulungen dürfen nicht mit Einkommensverlusten der Beschäftigten bezahlt werden. Gleichzeitig müssen die Mitbestimmungsrechte der Beschäftigten, einschließlich konkreter Vetorechte, ausgebaut werden.
Bezüglich der konkreten Lohnforderungen wird eine Erhöhung um 5–6 Prozent und mindestens 200 Euro diskutiert. In vielen Bereichen stehen auch spezielle Formen der Arbeitszeitverminderung, vor allem Altersteilzeit, auf dem Zettel der Beschäftigten.
Tarifpolitik heißt deshalb gerade in der Krise: Auf zum Kampf. Die meisten der hier kurz skizzierten Ziele werden nicht durch nur betriebliche Kämpfe erreicht werden. Eine breite Mobilisierung in allen gesellschaftlichen Bereichen, mit Bündnispartnern aus den sozialen Bewegungen und Verbänden, der Umweltbewegung und durch Mobilisierung auch in den Stadtteilen werden dazu erforderlich sein.
Es ist noch nicht entschieden, wer für die dreifache Krise, der sich die IG Metall stellen muss, die Kosten zu zahlen hat. Die Beschäftigten dürfen und bräuchten es nicht sein.


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